27. April 2026, 13:30 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Kaffee macht nicht nur wach, sondern baut in Echtzeit das Ökosystem im Darm um. Das wiederum entscheidet mit darüber, wie wir uns fühlen und wie gut wir uns erinnern. Welche Bakterien im Darm besonders von Kaffee profitieren – welche gesundheitliche Wirkung sie haben könnten und was die Vorteile von entkoffeiniertem Kaffee für das Gedächtnis sind, zeigt nun eine in „Nature Communications“ veröffentlichte Studie.
3 bis 5 Tassen täglich: Kaffee verändert Darmmikrobiom und Stressreaktion
Für die Studie untersuchten die Forscher den Einfluss von gewohnheitsmäßigem Kaffeekonsum auf die Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse – also den bidirektionalen Kommunikationsweg zwischen den Darmbakterien und dem Gehirn. Durch ihren Versuchsaufbau, der weit über eine einfache Befragung hinausging, konnten sie feststellen, welche Effekte spezifisch vom Koffein stammen und welche von anderen Kaffeebestandteilen. Ergebnis: Während Koffein die Aufmerksamkeit steigert und Angst lindert, verbessern andere Kaffee-Signalstoffe das Mikrobiom, senken Stress und fördern – besonders entkoffeiniert – Gedächtnis sowie Schlafqualität.1
Frühere Forschungsarbeiten haben bereits eine Vielzahl von positiven Korrelationen zwischen Kaffeekonsum und der Gesundheit festgestellt. Moderater Kaffeekonsum wird mit einem verringerten Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle und bestimmte Krebsarten in Verbindung gebracht. Studien zeigen auch ein geringeres Risiko für Parkinson, Alzheimer und Stimmungsstörungen.
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Man weiß, dass Kaffee wirkt – aber nicht, ob und wie das Mikrobiom vermittelt
Wie Ernährung über das Darmmikrobiom auf das Gehirn wirkt, ist gut belegt – im Darm sind viele einflussreiche Spezialisten am Werk. Doch wie Kaffee in dieses System eingreift, war bislang nicht klar. Genau das untersuchte ein interdisziplinäres Team am APC Microbiome Ireland und dem University College Cork. Dazu rekrutierten Ernährungswissenschaftlerin Serena Boscaini und die anderen 62 gesunde Erwachsene im Alter von 30 bis 50 Jahren.
Probanden tranken 3 bis 5 Tassen Kaffee pro Tag
Zunächst wurden 31 Nicht-Kaffeetrinker mit 31 moderaten Kaffeetrinkern (drei bis fünf Tassen pro Tag) verglichen. Es wurden Proben von Stuhl, Urin und Blut genommen sowie kognitive und psychologische Tests durchgeführt. Dann kam die Entzugsphase: Die Kaffeetrinker mussten zwei Wochen lang komplett auf Kaffee, andere koffeinhaltige Getränke und sogar dunkle Schokolade verzichten. Ziel war es zu sehen, welche Effekte des Kaffeekonsums umkehrbar sind. Nach dem Entzug wurde die Gruppe der Kaffeetrinker randomisiert und doppelblind aufgeteilt: Eine Gruppe erhielt für drei Wochen koffeinhaltigen Instantkaffee (vier Portionen täglich), die andere entkoffeinierten Instantkaffee.
Analyse
Unter anderem wurden Hunderte Stoffwechselprodukte im Stuhl und Urin gemessen, um zu sehen, wie der Körper und die Mikroben den Kaffee verarbeiten. Über Blut- und Speichelproben wurden Entzündungsmarker (Zytokine wie IL-6) und das Stresshormon Cortisol (z. B. die Cortisol-Aufwachreaktion) analysiert. Über DNA-Sequenzierung der Darmbakterien wurde diese nicht nur bestimmt, sondern auch geprüft, welche Funktionen ihre Gene haben. Ebenso absolvierten die Teilnehmer Tests zu Gedächtnis, Aufmerksamkeit und emotionaler Erkennung.
Kernergebnisse: Ja, Kaffee wirkt auch ohne Koffein!
- Koffeinhaltiger Kaffee half primär bei der Aufmerksamkeit und reduzierte Angstzustände.
- Entkoffeinierter Kaffee hingegen verbesserte in der Studie die Schlafqualität und das Erinnerungsvermögen.
- Beide Varianten wirkten entzündungshemmend und senkten das Stressempfinden.
Wer im Darm des Kaffeetrinkers lebt
Durch diesen Analyse-Ansatz konnten die Forscher belegen, dass Kaffee nicht nur eine Gewohnheit ist, sondern ein massiver Modulator der Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse, der spezifische Bakterienstämme regelrecht zum „Blühen“ bringt.
Kaffeetrinker wiesen im Vergleich zu Nicht-Kaffeetrinkern eine deutlich höhere Fülle an Bakterien wie Cryptobacterium curtum und Eggerthella-Arten auf. Diese Stämme reagieren extrem sensibel: Sie verschwanden fast völlig während der zweiwöchigen Abstinenz und „blühten“ nach der Wiedereinführung von Kaffee (egal ob mit oder ohne Koffein) sofort wieder auf.
Neben C. curtum gab es nach der Wiedereinführung von Kaffee einen massiven Anstieg von Veillonella-Spezies. Diese Bakterien sind eng mit dem Stoffwechsel von Theophyllin und kognitiven Werten wie Gedächtnis und Schlafqualität verknüpft.
Diese Darmbakterien produzieren bestimmte Stoffe (Metaboliten). Die Forscher identifizierten neun Stoffe, die bei Kaffeetrinkern auffielen – und die in Zusammenhang stehen mit dem Verhalten/Denken. Das heißt nicht, dass bewiesen ist, dass diese Stoffe das Denken direkt steuern – diese „Kaffeetrinker“-Metaboliten bewegen sich eben gemeinsam und passen ins gleiche Muster.
Wie gesund Kaffee für uns ist, entscheidet am Ende unser Darm: Die Bakterien bestimmen individuell, welche wertvollen Pflanzenstoffe unser Körper überhaupt aufnehmen kann.
Kaffee senkt wichtige Metaboliten für Darmbarriere und Nervenschutz
Gewohnheitsmäßige Kaffeetrinker hatten etwa signifikant niedrigere Werte eines Signalstoffs aus dem Darm, der durch den mikrobiellen Abbau im Darm entsteht und wichtig ist für die Darmgesundheit. Indol-3-carboxaldehyd (ICA) aktiviert ein System, welches die Darmschleimhaut stabil und die Barriere im Darm dicht hält.
Ein Verzicht auf Kaffee ließ diesen Spiegel wieder ansteigen. Die Forscher schlussfolgern aus ihren Daten, dass ICA extrem empfindlich auf die Anwesenheit oder Abwesenheit von Kaffee reagiert. Möglicherweise könnte dies erklären, wie Kaffee die Barrierefunktion des Darms und die kognitive Gesundheit beeinflusst.
Neben ICA war auch der nervenschützende Stoff IPA (Indol-3-propionsäure) bei Kaffeetrinkern reduziert.
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Bei Kaffeetrinkern Impulsivität rauf, „Herunterregler“ im Gehirn runter
Ein besonders faszinierender Befund der Studie: Bei gewohnheitsmäßigen Kaffeetrinkern war der Spiegel eines der wichtigsten „Herunterregler“ im Gehirn signifikant reduziert. Der Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA) senkt die neuronale Aktivität und reduziert Angst und Stress.
Ein niedrigerer Spiegel eines „Herunterreglers“ wie GABA bei Kaffeetrinkern passt physiologisch zu einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, aber auch zu einer schnelleren emotionalen Antwort und einer höheren Bereitschaft für neue Reize. Die Forscher beobachteten bei den Kaffeetrinkern parallel zu den niedrigen GABA-Werten eine höhere Impulsivität und eine stärkere emotionale Reaktivität. Diese Verhaltenswerte sanken, sobald die Teilnehmer auf Kaffee verzichteten.
Die Veränderung des GABA-Spiegels trat unabhängig von den spezifischen Veränderungen der Bakterienarten auf. Damit scheint die Senkung von GABA eine direktere oder komplexere Reaktion auf den Kaffeekonsum zu sein, die nicht allein durch die Verschiebung der Darmflora erklärt werden kann.
Kaffee hinterlässt im Darm Pentose
Wie auch GABA wurde auch ein einfacher Zucker namens Pentose unabhängig von Veränderungen der Bakterienarten oder den kognitiven Ergebnissen durch Kaffeekonsum beeinflusst. Pentose ist Teil der chemischen Signatur, die Kaffee im Darm hinterlässt. Die genaue Konzentration (gemessen im Stuhl) wird vom Koffeingehalt mitbestimmt.
Pentose wird als einer der Faktoren gesehen, die diese komplexen Interaktionen innerhalb der Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse widerspiegeln. Gesundheitlich ist das relevant, weil es zeigt, dass Kaffee Prozesse im Körper auslöst, die direkt den Stoffwechsel (das Metabolom) modulieren, ohne zwingend die Zusammensetzung der Darmflora verändern zu müssen.
Die Studie weist der Pentose keine spezifische heilende oder schützende Eigenschaft zu. Ihr Wert für die Forschung liegt darin, dass sie eine eigenständige metabolische Antwort des Körpers auf Kaffee darstellt, die zeigt, wie tiefgreifend das Getränk den Haushalt chemischer Verbindungen im Darm beeinflusst, ohne dass dies zwingend mit den Bakterien oder der Stimmung verknüpft sein muss.
Erstaunlich! Kaffee macht auch ohne Koffein wach
Wer zu dieser Tageszeit Kaffee trinkt, erhöht seine Langlebigkeit
Koffein beeinflusst Gehirnfunktion und Stimmung
Der Wirkstoff Koffein bildet zusammen mit ein paar wenigen weiteren Metaboliten das chemische Rückgrat, über das Kaffee – teils mikrobiell vermittelt, teils direkt – unsere Gehirnfunktion und Stimmung beeinflusst.
- Koffein führt zu einem vorübergehenden Anstieg des Cortisolspiegels und aktiviert damit die Stressachse. Bei gewohnheitsmäßigem Konsum findet jedoch eine physiologische Anpassung statt, sodass sich die Werte normalisieren.
- Koffein beeinflusst die Konzentration von Neurotransmittern im Darm, wie etwa die Reduktion von GABA (der „Bremse“ im Gehirn), was die Wachsamkeit und Aufmerksamkeit erhöht.
- Koffein wird in der Leber zu verschiedenen Metaboliten abgebaut, die wiederum eigene Effekte auf die Kognition und das Mikrobiom haben.
- Koffein stimuliert die Freisetzung von Hormonen, die die Magensäure erhöhen und die Beweglichkeit (Kontraktilität) des Darms fördern. Das regt die Verdauung an.
Fazit – was bleibt hängen?
Trotz der vielen Vorteile betonen die Forscher um Serena Boscaini auch die Grenzen ihrer Arbeit. So wurde die Geschwindigkeit, mit der der Kaffee den Darm passiert, nicht direkt gemessen – ein Faktor, der das Mikrobiom mitbeeinflusst. Zudem zeigte sich, dass Menschen, die gar keinen Kaffee trinken, von Natur aus oft ein sehr stabiles System mit weniger Entzündungsmarkern und einem besseren Basis-Gedächtnis besitzen. Kaffee scheint also ein komplexes Tauschgeschäft zu sein: Er bietet Schutz und Fokus, greift aber tief in unsere natürlichen Rhythmen ein. Ob sich diese Ergebnisse auf alle Bevölkerungsgruppen weltweit übertragen lassen, müssen künftige Studien mit noch mehr Teilnehmern zeigen.