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Verschiedene Vakzine untersucht

Tattoos können laut Studie die Wirkung von Impfungen verändern

Tattoo-Farben dringen tief ein. Neue Forschung entdeckt Zusammenhänge mit dem Immunsystem.
Tattoo-Farben dringen tief ein. Neue Forschung entdeckt Zusammenhänge mit dem Immunsystem. Foto: Getty Images
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5. Dezember 2025, 13:00 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Ein kleines Motiv auf dem Handgelenk, ein Schriftzug auf dem Rücken – Tattoos gehören für viele ganz selbstverständlich zum Alltag. In Deutschland ist mittlerweile fast jede fünfte Person tätowiert. Besonders häufig lassen sich junge Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren mehrfach tätowieren.1 Doch was viele nicht wissen: Die Farbe bleibt nicht einfach unter der Haut. Neue Forschung zeigt, dass sie tief ins Immunsystem eingreifen kann – mit möglichen Folgen für die Gesundheit.

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Tattoo-Farbe verändert das Immunsystem

Dass sich Tattoo-Farben im Körper verteilen und in Lymphknoten anreichern können, war bereits aus früheren Studien bekannt.2,3 Die aktuelle Untersuchung aus der Schweiz ging nun einen Schritt weiter – und prüfte, wie sich das auf das Immunsystem auswirkt. Im Mittelpunkt standen dabei Entzündungsprozesse, Veränderungen in Immunzellen und mögliche Auswirkungen auf die Reaktion des Körpers auf Impfstoffe. Die Ergebnisse überraschen: In mehreren Tests zeigte sich, dass bestimmte Tattoo-Farben die Immunantwort messbar verändern – vor allem bei modernen Impfstoffen.

So lief die Untersuchung ab

Die Studie wurde an C57BL/6-Mäusen im Alter von sechs bis acht Wochen durchgeführt – also an jungen, gesunden, ausgewachsenen Tieren.4 Pro Versuchsgruppe kamen jeweils vier bis sechs Mäuse zum Einsatz. Ergänzend wurden auch menschliche Immunzellen im Labor untersucht – sogenannte Makrophagen, die aus Blutproben isoliert wurden.

Getestet wurden drei gängige Tattoo-Farben: Schwarz, Rot und Grün. Sie entsprachen den Sicherheitsstandards der EU-REACH-Verordnung – dem europäischen Sicherheitsstandard für Chemikalien in Verbraucherprodukten wie Tattoo-Tinte. Um nachvollziehen zu können, wie sich die Farbpigmente im Körper verteilen, tätowierten die Forscher gezielt die Fußsohle der Mäuse. Diese Stelle wurde bewusst gewählt, denn von dort aus ließen sich die Wege der Farbpigmente durch die Lymphbahnen besonders gut verfolgen. Die Wissenschaftler konzentrierten sich vor allem auf die Lymphknoten hinter dem Knie und im unteren Rücken – also genau auf die Bereiche, in denen sich die Pigmente nach dem Tätowieren besonders häufig sammelten.

Die Tiere wurden an zwei Zeitpunkten untersucht: 48 Stunden nach dem Tätowieren (akute Phase) und zwei Monate später (Langzeit-Effekte). Um die Immunreaktion möglichst genau zu erfassen, nutzten die Forscher verschiedene Verfahren:

  • Konfokale Mikroskopie: Ein bildgebendes Verfahren, das Zellen dreidimensional und hochauflösend sichtbar macht – etwa um zu zeigen, wo sich Farbpigmente ablagern.5
  • Durchflusszytometrie: Damit lassen sich einzelne Immunzellen analysieren und zählen, z. B. ob sie aktiviert sind oder bestimmte Marker tragen.6
  • Elektronenmikroskopie: Hierbei werden kleinste Strukturen sichtbar, wie Pigmentpartikel innerhalb von Zellen.7
  • Zytokinmessung: Zytokine sind Botenstoffe, die bei Entzündungsreaktionen ausgeschüttet werden. Ihre Konzentration im Blut und in den Lymphknoten zeigt, wie stark das Immunsystem reagiert.8

Tattoo-Farbe löst Entzündungsreaktionen im Körper aus

Schon kurz nach dem Tätowieren waren Farbpigmente in den Lymphknoten nachweisbar. Besonders betroffen waren Makrophagen. Das sind Immunzellen, die fremde Stoffe erkennen, aufnehmen und weiterverarbeiten. In diesen Zellen zeigten sich deutliche Stressreaktionen. Vor allem bei schwarzer und roter Tinte kam es häufig zu Zelltod.

Zusätzlich stieg die Konzentration entzündlicher Botenstoffe wie IL-1α und TNF-α – sowohl in den Lymphknoten als auch im Blut. Zwei Monate später waren die Pigmente immer noch im Gewebe nachweisbar, begleitet von einer veränderten Zusammensetzung der Immunzellen.

Je nach Impfstoff wirkt das Tattoo anders im Körper

Besonders deutlich wurde der Einfluss der Tattoo-Tinte, als die Tiere geimpft wurden. Zwei Impfstoffe kamen zum Einsatz: ein mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 und ein inaktivierter Grippeimpfstoff. Beide wurden entweder kurz nach dem Tattoo oder zwei Monate später verabreicht.

Nach der mRNA-Impfung entwickelten tätowierte Tiere deutlich weniger Antikörper als ihre nicht tätowierten Artgenossen. Ihre Immunzellen konnten das Impf-Antigen schlechter aufnehmen und auch weniger effektiv präsentieren, was die koordinierte Immunreaktion spürbar schwächte. Zudem liefen wichtige Signalprozesse im Immunsystem verlangsamt ab – ein Hinweis darauf, dass die Tätowierung die normale Impfantwort beeinträchtigen kann. Ein ähnliches Muster zeigte sich auch in menschlichen Zellkulturen: Sobald Tattoo-Farben im Spiel waren, reagierten die Immunzellen schwächer auf den mRNA-Impfstoff. Die Makrophagen präsentierten das Antigen weniger effektiv, wodurch auch die Bildung von Antikörpern messbar zurückging.

Beim Grippeimpfstoff fiel die Immunreaktion hingegen teilweise sogar stärker aus. Besonders bei Tieren, die mit schwarzer oder roter Tinte tätowiert waren. Die Forscher gehen davon aus, dass die durch das Tattoo ausgelöste Entzündung in diesem Fall die Impfantwort zusätzlich angeregt hat. Dadurch könnte die Tinte ähnlich wie ein natürlicher Wirkverstärker gewirkt haben.

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Was diese Ergebnisse bedeuten könnten

Die Studie liefert erstmals Hinweise darauf, dass Tattoo-Tinte nicht nur im Hautgewebe bleibt, sondern die Arbeit des Immunsystems langfristig beeinflussen kann. Bei mRNA-Impfstoffen fiel die Immunreaktion in der Studie abgeschwächt aus – bei klassischen Impfstoffen teils verstärkt. Das legt nahe: Tätowierungen könnten je nach Impfstofftyp unterschiedlich auf die Wirksamkeit Einfluss nehmen.

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Einschränkungen der Studie

Wie bei vielen Laborexperimenten gilt auch hier: Die Ergebnisse liefern erste Hinweise – aber keine endgültigen Antworten. Geprüft wurde an Mäusen und im Reagenzglas, nicht am Menschen. Ob sich die beobachteten Effekte also in der Realität genauso zeigen, bleibt offen.

Die Tattoo-Farben stammten alle von einem einzigen Hersteller. In der Praxis sehen die Rezepturen oft anders aus – sie enthalten unterschiedliche Pigmente, Lösungsmittel oder Zusatzstoffe. Auch die Tätowierungen selbst waren stark standardisiert: kleinflächig, einfarbig, an der Fußsohle. Große, bunte Tattoos an Rücken, Armen oder Beinen könnten anders wirken. Das lässt sich aus den Daten nicht ableiten.

Die Studie konzentrierte sich auf zwei Impfstoffe – einen gegen Corona und einen gegen Grippe. Wie andere Vakzinen, etwa gegen HPV oder Tetanus, auf Tätowierungen reagieren, wurde bislang nicht untersucht. Hinzu kommt: Auch die Beobachtungsdauer war begrenzt, denn nach zwei Monaten war Schluss. Ob und wie sich Tattoos langfristig auf das Immunsystem auswirken, bleibt daher offen und muss erst in weiteren Studien geprüft werden.

Fazit: Tattoos wirken tiefer, als viele denken

Was unter die Haut geht, bleibt nicht immer folgenlos. Die Studie zeigt, dass bestimmte Farbpigmente tief ins Immunsystem eingreifen können – zumindest im Tierversuch und unter Laborbedingungen. Ob das auch beim Menschen zu messbaren Effekten führt, muss noch genauer untersucht werden. Klar ist aber: Wer sich tätowieren lässt, verändert nicht nur sein äußeres Erscheinungsbild – sondern bringt auch Prozesse im Körper in Gang, über die bisher wenig bekannt ist.

Quellen

  1. BfR. Fragen und Antworten zu Tätowiermitteln. (aufgerufen am 05.12.2025) ↩︎
  2. Schreiver, I., Hessem B., Seim, C., Castillo-Michel, H. et al. (2017). Synchrotron-based ν-XRF mapping and μ-FTIR microscopy enable to look into the fate and effects of tattoo pigments in human skin. Sci Rep. ↩︎
  3. Engel, E., Santarelli, F., Vasold R. et al. (2008). Modern tattoos cause high concentrations of hazardous pigments in skin. Contact Dermatitis. ↩︎
  4. Capucetti, A., Falivene, J., Pizzichetti, C. et al. (2025). Tattoo ink induces inflammation in the draining lymph node and alters the immune response to vaccination. Proc Natl Acad Sci U S A.  ↩︎
  5. DocCheck Flexikon. Konfokalmikroskop. (aufgerufen am 05.12.2025) ↩︎
  6. DocCheck Flexikon. Durchflusszytometrie. (aufgerufen am 05.12.2025) ↩︎
  7. RKI. Elektronen­mikroskopie. (aufgerufen am 05.12.2025). ↩︎
  8. IMD. Zytokinanalytik – Was ist sinnvoll? (aufgerufen am 05.12.2025). ↩︎

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