28. Februar 2026, 22:58 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Ursprünglich hatten US-Forscher die Hypothese aufgestellt, dass Tattoos das Risiko für Hautkrebs erhöhen. Ihre Untersuchung kam jedoch zu einem überraschend anderen Ergebnis. FITBOOK-Autorin Friederike Ostermeyer erklärt, was es mit der Studie auf sich hat und ob ein Besuch im Tattoo-Studio zur Krebsvorsorge taugt.
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Was wurde untersucht – und warum?
Tätowierungen sind heute weit verbreitet: In westlichen Ländern trägt etwa jede fünfte Person mindestens ein Tattoo. Gleichzeitig gilt das Melanom – auch als „schwarzer Hautkrebs“ bekannt – als die gefährlichste Form von Hautkrebs. Die Erkrankungszahlen steigen weltweit.
Beim Tätowieren werden Farbpigmente dauerhaft in tiefere Hautschichten eingebracht. Dabei können potenziell krebserregende Stoffe direkt ins Gewebe gelangen. Zudem löst das Stechen der Haut Immunreaktionen aus, deren langfristige Auswirkungen bislang nicht vollständig geklärt sind.
Frühere Labordaten und Fallberichte vermuten bereits seit Längerem, dass bestimmte Tattoo-Farben krebserregende Stoffe enthalten könnten. Tätowierungen können auch Entzündungen auslösen und diese werden oft mit einem erhöhten Krebsrisiko in Verbindung gebracht. Bislang fehlen jedoch belastbare Daten aus der Bevölkerung. Deshalb wollten Forscher des Huntsman Cancer Institutes an der University of Utah der Frage auf den Grund gehen, ob Menschen mit einem oder mehreren Tattoos öfter an schwarzem Hautkrebs erkranken. Die Ergebnisse wurden aktuell in der Fachzeitschrift „Journal of the National Cancer Institute“ veröffentlicht.1
7002 Personen mit und ohne Hautkrebs untersucht
In die Studie wurden insgesamt 7.002 Personen einbezogen – darunter Menschen ohne Tattoos, mit wenigen sowie mit vielen Tätowierungen. 1.167 von ihnen hatten bereits eine Hautkrebsdiagnose erhalten. Davon litten 566 an einem sogenannten „in situ“-Melanom, einer sehr frühen Form von schwarzem Hautkrebs. In diesem Stadium befinden sich die Krebszellen nur in der obersten Hautschicht und haben das umliegende Gewebe noch nicht befallen. Die übrigen 5.835 Personen ohne Melanom dienten als Kontrollgruppe.
Alle Teilnehmenden machten Angaben zu folgenden Punkten:
- Wie viele Tattoo-Sitzungen sie hatten
- Wie groß ihre Tattoos waren
- In welchem Alter sie ihr erstes Tattoo erhalten hatten
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Studiendesign und Methodik
Die Untersuchung wurde in Utah (USA) durchgeführt. Die Forschenden führten eine sogenannte Fall-Kontroll-Studie durch, bei der Erkrankte mit einer gesunden Kontrollgruppe verglichen werden.
Anhand der Angaben aller Teilnehmenden berechneten sie, ob es Unterschiede im Hautkrebsrisiko zwischen tätowierten und nicht tätowierten Personen gab – insbesondere in Bezug auf Anzahl, Größe der Tattoos und das Alter bei der ersten Tätowierung.
Die Auswertung erfolgte mithilfe etablierter statistischer Verfahren.
Je mehr Tattoos, desto geringer das Risiko
Die Analyse zeigte: Ein einzelnes Tattoo war nicht eindeutig mit einem höheren Risiko verbunden. Bei Menschen mit stärkerer Tattoo-Exposition tragen deutlichere Effekte zutage.
- Personen mit mindestens vier Tattoo-Sitzungen hatten ein deutlich geringeres Risiko, an einem Melanom zu erkranken. Ihr Risiko lag rund 56 Prozent unter dem von Menschen ohne Tattoos.
- Bei Personen mit drei oder mehr großflächigen Tattoos war das Risiko sogar um etwa 74 Prozent geringer.
- Auch das Alter beim ersten Tattoo spielte eine Rolle: Wer sich vor dem 20. Lebensjahr tätowieren ließ, hatte Jahre später ein geringeres Risiko für die gefährlichere Form von Hautkrebs (invasives Melanom) – etwa halb so hoch wie bei nie tätowierten Personen.
Diese Ergebnisse stehen im Widerspruch zu der bisherigen Annahme, dass Tattoos das Hautkrebsrisiko erhöhen könnten. In dieser Studie war eher das Gegenteil der Fall.
Dienen Tattoos als Hautkrebs-Vorsorge? Vermutlich nicht!
„Die Ergebnisse, dass Tätowierungen das Melanomrisiko senken können, haben uns überrascht“, erklärt Studienleiterin Dr. Rachel McCarty in einer Universitätsmitteilung.2 „Aber das ist kein eindeutiges Argument nach dem Motto: ‚Lassen Sie sich mehr Tätowierungen machen, und Sie senken Ihr Risiko.‘“ Bislang kann die Wissenschaftlerin nur spekulieren, was der Grund für den unerwarteten „Krebsschutz“ von Tattoos sein könnte. Sie vermutet, dass Tattoo-Fans besser auf ihre Haut achten: „Tätowierer raten ihren Kunden, regelmäßig Sonnenschutzmittel zu verwenden, um das Verblassen der Tattoos zu verhindern.“ Zudem könnten Tätowierungen eine physische Barriere bilden, die ultraviolette Strahlung blockiert oder eine Immunreaktion gegen präkanzeröse Zellen auslöst.
Forschung müsse dringend weiter vorangetrieben werden
Angesichts der Tatsache, dass Tattoos immer beliebter werden und gut ein Drittel der Amerikaner unter 30 Jahren sich an einem solchen erfreuen, braucht es weitere, belastbare Erkenntnisse. „Tattoos und Tätowierungen sind bislang wenig erforscht“, so McCarty. „Wir müssen unbedingt verstehen, wie sie sich auf das Risiko für verschiedene Krebsarten auswirken.“ Denn ob die Beobachtungen eher auf eine umsichtigere Hautpflege oder auf körperliche Faktoren wie eine verbesserte Immunreaktion zurückzuführen seien, mache einen enormen Unterschied.
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Tattoos erhöhen Risiko für bestimmte Krebsart deutlich
Einschränkungen der Studie
So spannend die Ergebnisse sind, hatte die Studie ihre Grenzen.
- Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt Zusammenhänge, kann aber keine Ursache-Wirkung-Beziehung nachweisen.
- Wichtige Risikofaktoren wie Hauttyp, frühere Sonnenbrände oder familiäre Vorbelastung konnten nicht vollständig berücksichtigt werden.
- Die Studie fand ausschließlich in Utah statt – einer Region mit besonderen demografischen und kulturellen Merkmalen. Ob sich die Ergebnisse auf andere Länder oder Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, ist unklar.
- Die Studie kann nicht erklären, welche biologischen Mechanismen hinter der überraschenden „Sonnenschutz“-Wirkung der Tätowierungen stecken könnten – oder ob andere Faktoren bei den tätowierten Personen eine Rolle spielten.
Die Autorin der Studie weist selbst darauf hin, dass weitere Forschung nötig ist, um die unerwarteten Ergebnisse bestenfalls zu bestätigen und Hintergründe besser zu verstehen.
Das sagt der Hautarzt
FITBOOK hat den Münchner Hautarzt Dr. Timm Golücke um eine Einschätzung gebeten. Auch er findet die Studie interessant, interpretiert die Ergebnisse jedoch mit Vorsicht. „Der beobachtete Zusammenhang zwischen mehreren Tätowierungen und einem geringeren Melanomrisiko bedeutet nicht automatisch, dass Tattoos einen schützenden Effekt haben“, so der Mediziner. Er hält den bereits vermuteten und unter Tätowierten gängigen Sonnenschutz für eine wahrscheinliche Erklärung. Und er gibt noch einen weiteren Hinweis mit auf den Weg: „Tätowierfarbe und wiederholte Hautverletzungen bergen potenzielle Risiken, die noch nicht ausreichend erforscht sind.“ Daher lasse sich aus den Ergebnissen keine präventive Empfehlung ableiten. Und so gilt: „Für die Hautkrebsprophylaxe bleibt der konsequente UV-Schutz, die Selbstkontrolle der Haut sowie die regelmäßige Untersuchung durch Dermatolgen der zentrale Baustein.“