9. April 2026, 15:52 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Die meisten Menschen sehen in einer Massage eine verlässliche Flucht aus dem Stress und tiefe Entspannung. Eine neue Studie der Uni Konstanz legt nahe: Wenn man sich davor das Falsche trinkt, verschenkt man die gesundheitlichen Vorteile echter körperlicher Erholung.
Studie: Zucker vor Massage verhindert offenbar maximal körperliche Regeneration
Forscher der Universität Konstanz untersuchten, wie sich ein Softgetränk – bzw. der darin enthaltene Zucker – vor einer Massage auf Entspannungsprozesse während der Behandlung auswirkt. Sie fanden heraus: Man kann körperlich „unter Strom“ stehen und dennoch gleichzeitig die beruhigende Wirkung einer Massage spüren. Wer aber eine maximale körperliche Regeneration und Schutz für sein Herz-Kreislauf-System sucht, sollte vor einer Massage auf Zucker verzichten.
Was längst bekannt ist: Zucker beeinflusst, wie der Körper auf Stress reagiert. Aber was Zucker mit dem Körper macht, wenn man sich gezielt entspannt – etwa während einer Massage –, war bisher kaum erforscht. Ein Team um die Psychologin Maria Meier (Erstautorin der Studie) und Jens C. Pruessner, Professor für Neuropsychologie, schließt mit ihrer im „International Journal of Psychophysiology“ veröffentlichten Studie diese bestehende Forschungslücke.1
15 Minuten Nacken- und Schultermassage für die Wissenschaft
Um die Frage zu beantworten, untersuchten sie 94 gesunde, junge Erwachsene, im Schnitt ca. 23 Jahre. Die Teilnehmer mussten vor dem Termin vier Stunden fasten – so waren die Ausgangswerte des Blutzuckers bei allen vergleichbar. Im Labor wurden sie per Zufallsprinzip in Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe trank eine Lösung mit 75 Gramm Glukose, während die Kontrollgruppe Wasser erhielt.
Um 75 Gramm Glukose durch Softdrinks aufzunehmen, müssten Sie je nach Getränk etwa 650 ml bis über 750 ml trinken. In Vollmilchschokolade entspricht das ca. 130 bis 150 Gramm.
Nach einer 15-minütigen Wartezeit, in der der Zucker in die Blutbahn überging, folgte die eigentliche Entspannungsphase: Die eine Hälfte erhielt eine zehnminütige Nacken- und Schultermassage. Die andere Hälfte ruhte sich sitzend aus.
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Um diese beiden Gegenspieler des autonomen Nervensystems geht es
Die ganze Zeit überwachten die Forscher die Herzfunktion der Probanden mittels EKG und Impedanzkardiographie. Diese präzise Messung ermöglichte es ihnen, die Aktivität der beiden Hauptakteure des vegetativen (autonomen) Nervensystems unabhängig voneinander zu erfassen:
- Die Aktivität des für Ruhe sorgenden Parasympathikus
- sowie die Aktivität des Sympathikus, der den Körper auf Leistung trimmt („Fight-or-Flight“)
Um festzustellen, ob die Kombination aus Zucker und Entspannung auch die geistige Ausdauer beeinflusst, absolvierten alle Teilnehmer abschließend einen Konzentrationstest.
Ergebnisse: Auch mit Zucker wird man in ein Entspannungsgefühl versetzt …
Einerseits konnten sich die Teilnehmer psychisch gut entspannen – unabhängig davon, ob sie Zucker oder Wasser getrunken hatten. In beiden Gruppen fühlten sich die Leute bei der Massage entspannter. Ihre Körper hatten auch tatsächlich in den Ruhemodus geschaltet. Der „Ruhenerv“ (Parasympathikus) wurde durch die Massage ganz normal aktiviert, auch der Zucker zerstörte diesen Entspannungsteil nicht.
… aber das Stresssystem bleibt an!
Aber: Mit Zucker blieben die Körper der Probanden während der Massage innerlich auf Alarm geschaltet. Während bei denen, die Wasser tranken, das Stresssystem (der Sympathikus) während der Massage herunterfuhr – die Forscher bezeichnen das als „sympathischen Rückzug“ –, schien der konsumierte Zucker diese Beruhigung aktiv zu blockieren. Bei den Probanden, die vor der Massage Zucker zu sich genommen hatten, blieb das Stresssystem an. Erstautorin Maria Meier: „Wir schließen daher aus unseren Testergebnissen, dass Zucker die Entspannungsfähigkeit des Körpers beeinträchtigt.“2
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Warum das Entspannungsgefühl nicht ausreicht
Nun könnte man einwenden: Ist das nicht egal, wenn doch die gefühlte Entspannung auch nach Zucker einsetzte? Aus medizinischer Sicht ist das Ausbleiben der körperlichen Reaktion keineswegs egal. Die Forscher betonen, dass die rein psychische Entspannung nicht die volle physiologische Wirkung einer Behandlung widerspiegelt.
Problematisch ist das aus ihrer Sicht aus mehreren Gründen:
- Eine gestörte Regulierung dieses Systems wird wiederholt mit physischen und psychischen Krankheiten sowie einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht
- Die Unfähigkeit des Körpers, das Stresssystem nach einer Belastung herunterzufahren, gilt als robuster Risikofaktor für die Sterblichkeit
Studie liefert weiteres spannendes Ergebnis
Die Studie lieferte noch ein weiteres, fast paradoxes Ergebnis: Während der Zucker die volle körperliche Ruhe blockierte, schien er gleichzeitig die geistige Leistungsfähigkeit zu verbessern. Die Teilnehmer, die Glukose getrunken hatten, schnitten beim anschließenden Konzentrationstest deutlich besser ab und arbeiteten präziser als die Teilnehmer der Wassergruppe.
Wissenschaftlich gesehen ist das deshalb so spannend, weil es ein altes Bild unseres Nervensystems revidiert. Lange Zeit ging man davon aus, dass Sympathikus (Stress) und Parasympathikus (Ruhe) wie eine Wippe funktionieren – ist das eine System aktiv, muss das andere Pause machen. Die Konstanzer Studie liefert jedoch eindrucksvolle Hinweise für das Modell des „autonomen Raums“: Beide Zweige können gleichzeitig aktiv sein. Man kann also körperlich „unter Strom“ stehen und dennoch gleichzeitig die beruhigende Wirkung einer Massage auf den Ruhenerv spüren.
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Forscher: Blutzucker vor Entspannungsmaßnahmen Aufmerksamkeit schenken
Was die Wirkung der Massage betrifft, kommen die Forscher zu dem Schluss: „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Entspannungsbehandlungen möglicherweise stärkere physiologische Entspannungsreaktionen auslösen, wenn der Blutzucker im unteren Normalbereich liegt.“ Mit anderen Worten: Wer bei der Massage neben mentaler auch körperliche Ruhe erreichen will, sollte sich diese mit einem Softdrink vorab nicht ruinieren.
Eine von mehreren Schwächen der Studie: Teilnehmer wussten, dass sie Zucker im System hatten
So spannend die Ergebnisse sind, sie haben Grenzen: Die Teilnehmer waren allesamt jung und gesund – ob der „Zucker-Effekt“ bei älteren Menschen oder Sportmuffeln genauso aussieht, müssen weitere Studien erst noch zeigen. Zudem wussten die Probanden aufgrund des süßen Geschmacks natürlich, dass sie Energie getankt hatten. Die Forscher können daher nicht ganz ausschließen, dass auch die reine Erwartung die geistige Leistung ein wenig mit beflügelt hat.
Ein Detail, auf das ich künftig achten werde
„Spannend: Die Forscher schreiben von ‚Entspannungsbehandlungen‘ – das macht das Feld weit auf für verschiedene nicht-stressige Kontexte. Der Körper kommt zur Ruhe – aber möglicherweise nicht vollständig, wenn der Blutzucker zuvor erhöht ist. Warum nicht auch vor ruhigen Yoga-Sessions, Atem- oder Achtsamkeitsübungen darauf achten? Oder auch vor passiven Entspannungsmaßnahmen. Wasser statt Limo und Apfelschorle vor der Sauna! Ein Detail, auf das ich künftig achten werde.“