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Studie zeigt

Schwere Infektionen offenbar eigenständiger Risikofaktor für Demenz

Infektionen und Demenz im Blick: Eine große Studie prüft, ob Erkrankungen langfristige Folgen für das Gehirn haben können.
Infektionen und Demenz im Blick: Eine große Studie prüft, ob Erkrankungen langfristige Folgen für das Gehirn haben können. Foto: Getty Images/Westend61
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Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

26. März 2026, 14:01 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Schwere Infektionen sind für viele ältere Menschen ein ernstes Gesundheitsproblem. Meist geht es dabei um die akute Erkrankung – doch könnten sie auch langfristige Folgen haben? Besonders beim Thema Demenz sind die Zusammenhänge nicht eindeutig. Denn viele Menschen, die später an Demenz erkranken, haben bereits Jahre zuvor andere Krankheiten. Eine große finnische Studie ist deshalb der Frage nachgegangen, ob schwere Infektionen wirklich selbst mit Demenz zusammenhängen – oder ob andere Erkrankungen dahinterstecken.

Warum Infektionen und Demenz überhaupt zusammenhängen könnten

Seit einigen Jahren zeigen Studien: Schwere Infektionen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, treten häufiger bei Menschen auf, die später an Demenz erkranken.1,2 Unklar war jedoch lange, ob diese Infektionen wirklich eine eigenständige Rolle spielen.3

Das Problem: Demenz entsteht meist schleichend über viele Jahre. In dieser Zeit entwickeln viele Menschen andere Erkrankungen, etwa Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden, Depressionen oder neurologische Störungen. Diese können nicht nur das Demenzrisiko erhöhen, sondern auch anfälliger für Infektionen machen.4

Genau hier setzt die finnische Studie an.5 Sie untersucht, ob Infektionen wirklich ein eigenständiger Risikofaktor sind oder ob sie nur ein Zeichen für einen allgemein schlechteren Gesundheitszustand sind. Die Ergebnisse zeigen: Der Zusammenhang bleibt bestehen – schwere Infektionen stehen also auch unabhängig von anderen Erkrankungen mit einem erhöhten Demenzrisiko in Verbindung.

Blick in die Daten von über 375.000 Menschen

Die Studie basiert auf landesweiten Gesundheitsdaten aus Finnland und ist eine Beobachtungsstudie. Das bedeutet: Die Forscher haben keine Behandlung vorgegeben, sondern vorhandene Daten ausgewertet.

Einbezogen wurden 62.555 Menschen ab 65 Jahren, bei denen zwischen 2017 und 2020 erstmals eine Demenz festgestellt wurde. Diese wurden 312.772 Personen ohne Demenz gegenübergestellt. Beide Gruppen waren hinsichtlich Alter, Geschlecht und Beobachtungszeitraum vergleichbar.

Analysiert wurden alle Krankenhausdiagnosen, die in den ein bis 21 Jahren vor der Demenzdiagnose auftraten. Diagnosen im letzten Jahr davor wurden ausgeschlossen, um Verzerrungen zu vermeiden. Insgesamt ergibt sich damit ein Analysezeitraum von bis zu 21 Jahren mit einem zusätzlichen Abstand von einem Jahr vor der Diagnose. Wie lange die Teilnehmer im Durchschnitt beobachtet wurden, wird in der Studie nicht angegeben.

Zusätzlich berücksichtigten die Forscher Faktoren wie Bildung, Familienstand, Erwerbsstatus und Wohnort, um soziale Unterschiede möglichst auszuschließen.

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Welche Erkrankungen besonders auffallen

Die Analyse identifizierte insgesamt 29 Erkrankungen, die das Demenzrisiko deutlich erhöhten. Zwei davon waren Infektionen, die anderen 27 umfassten psychische und körperliche Leiden wie Schlaganfälle oder Diabetes.

Auffällig war außerdem: Diese Erkrankungen traten oft nicht zufällig auf, sondern entwickelten sich über Jahre hinweg in einer Art Abfolge. Eine Krankheit erhöhte dabei häufig das Risiko für weitere Erkrankungen.

Zwei Infektionen stachen besonders hervor

Zwei Infektionen spielten eine besondere Rolle: eine Blasenentzündung sowie bakterielle Infektionen, bei denen der genaue Ort im Körper nicht näher bestimmt wurde. Menschen mit einer solchen Infektion hatten ein um etwa 21 bis 22 Prozent erhöhtes Risiko, später an Demenz zu erkranken.

Selbst nachdem alle anderen relevanten Erkrankungen in der Analyse berücksichtigt worden waren, blieb das Risiko noch um etwa 19 Prozent erhöht. Nur ein kleiner Teil des Zusammenhangs ließ sich durch andere Krankheiten erklären. Konkret konnten nur ungefähr elf bis 14 Prozent des erhöhten Risikos durch andere Erkrankungen erklärt werden.

Insgesamt hatten 47 Prozent der späteren Demenzpatienten bereits mindestens eine dieser Erkrankungen in den Jahren vor der Diagnose, mehr als jeder Fünfte sogar mehrere. Interessanterweise zeigte sich die Verbindung zwischen Infektionen und Demenz bei Menschen mit höherer Bildung sogar etwas stärker als bei Menschen mit geringerer formaler Bildung. Bei Männern hingegen zeigte sich ein etwas höheres Demenzrisiko nach schweren Infektionen als bei Frauen.

Besonders deutlich war der Zusammenhang bei Menschen, die bereits vor dem 65. Lebensjahr an Demenz erkrankten. In dieser Gruppe zeigten sich zusätzlich weitere Infektionen wie Magen-Darm-Erkrankungen, Lungenentzündungen und sogar Karies als relevante Risikofaktoren.

Was im Körper nach schweren Infektionen passiert

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass schwere Infektionen mehr sind als nur ein Begleitproblem. Sie könnten Prozesse im Körper auslösen, die auch das Gehirn beeinflussen.

Eine mögliche Erklärung sind starke Entzündungsreaktionen. Der Körper reagiert auf Infektionen mit einer Aktivierung des Immunsystems. Diese Entzündung kann sich auch auf das Gehirn auswirken und dort schädliche Prozesse verstärken.

Auffällig ist auch der zeitliche Abstand: Die Infektionen traten im Schnitt etwa fünf bis sechs Jahre vor der Demenzdiagnose auf. Das spricht dafür, dass sie bestehende, noch unbemerkte Krankheitsprozesse möglicherweise beschleunigen, anstatt sie allein auszulösen.

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Wie sicher sind diese Ergebnisse wirklich?

Die Studie ist sehr groß und basiert auf Daten der gesamten finnischen Bevölkerung. Dadurch sind die Ergebnisse statistisch stabil und wenig anfällig für Zufall.

Keine Ursache bewiesen

Trotzdem gilt: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Das bedeutet, dass Zusammenhänge gezeigt werden können, aber keine eindeutigen Ursachen bewiesen werden können. Es bleibt also offen, ob Infektionen tatsächlich direkt zur Demenz beitragen.

Problem der frühen Krankheitsphase

Ein wichtiger Punkt ist die lange Vorphase der Demenz. Die Erkrankung entwickelt sich oft über viele Jahre unbemerkt. Dadurch ist nicht ausgeschlossen, dass frühe, noch nicht diagnostizierte Veränderungen im Gehirn Menschen anfälliger für Infektionen machen – und nicht umgekehrt.

Wichtige Einflussfaktoren fehlen

Zudem fehlten Informationen zu Lebensstil und biologischen Faktoren. Daten zu Rauchen, Ernährung, Bewegung oder genetischen Risiken standen nicht zur Verfügung, könnten aber das Demenzrisiko beeinflussen.

Nur schwere Infektionen erfasst

Ein weiterer Punkt: Erfasst wurden nur Infektionen, die im Krankenhaus behandelt wurden. Leichtere Infektionen, etwa beim Hausarzt, sind in den Daten nicht enthalten. Die Ergebnisse gelten daher vor allem für schwere Verläufe.

Diagnosen aus Registerdaten

Auch die Diagnosen basieren auf Registerdaten und nicht auf direkten Untersuchungen im Rahmen der Studie. Zwar gelten diese Daten als zuverlässig, einzelne Fehleinstufungen sind aber möglich.

Keine Unterscheidung der Demenzformen

Außerdem wurden in der Studie alle Demenzformen zusammen betrachtet. Es wurde also nicht unterschieden, ob es sich zum Beispiel um Alzheimer oder eine andere Form handelt.

Komplexes Zusammenspiel mehrerer Krankheiten

Schließlich hängen viele Erkrankungen miteinander zusammen und beeinflussen einander. Trotz umfangreicher statistischer Anpassungen lässt sich nicht vollständig ausschließen, dass dieser Effekt die Ergebnisse mitbeeinflusst.

Ebenfalls zu beachten: Die Studie wurde von mehreren öffentlichen und wissenschaftlichen Institutionen unterstützt, darunter finnische Stiftungen, der Research Council of Finland, der Wellcome Trust sowie weitere internationale Forschungseinrichtungen. Nach Angaben der Autoren hatten die Geldgeber keinen Einfluss auf Studiendesign, Auswertung oder Veröffentlichung. Interessenkonflikte wurden nicht angegeben.

Fazit: Infektionen könnten mehr als nur ein Warnsignal sein

Die Ergebnisse zeigen, dass schwere Infektionen auch unabhängig von anderen Erkrankungen mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden sind. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass Demenz meist das Ergebnis eines langen Zusammenspiels mehrerer Erkrankungen ist – und Infektionen dabei möglicherweise eine beschleunigende Rolle spielen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Infektion automatisch zu Demenz führt. Vielmehr handelt es sich um einen möglichen Risikofaktor innerhalb eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Einflüsse.

Für den Alltag heißt das vor allem: Schwere Infektionen im Alter sollten ernst genommen und gut behandelt werden. Ob eine bessere Vorbeugung tatsächlich dazu beitragen kann, Demenz zu verhindern, müssen zukünftige Studien klären.

Quellen

  1. Sipilä, P., Heikkilä, N., Lindbohm, J. et al. (2021). Hospital-treated infectious diseases and the risk of dementia: a large, multicohort, observational study with a replication cohort. The Lancet Infectious Diseases. ↩︎
  2. Muzambi, R., Bhaskaran, K., Brayne, C. et al. (2020). Common Bacterial Infections and Risk of Dementia or Cognitive Decline: A Systematic Review. Journal of Alzheimer’s Disease. ↩︎
  3. Muzambi, R., Bhaskaran, K., Smeeth, L et al. (2021). Assessment of common infections and incident dementia using UK primary and secondary care data: a historical cohort study. The Lancet Healthy Longevity ↩︎
  4. Klee, M., Markwardt, S., Elman, MR. et al. (2025). Examining multimorbidity contributors to dementia over time. Alzheimer's Dement. ↩︎
  5. Pyry, N., Kaarina, Korhonen. et al. (2026). The role of noninfectious comorbidities in the association between severe infections and risk of dementia in Finland: A nationwide registry study. Plos Medicine. ↩︎

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