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Studie entkräftet mögliche Risiken für Kind

Paracetamol in der Schwangerschaft erhöht Autismusrisiko offenbar doch nicht

Studie gibt Entwarnung bei Paracetamol in der Schwangerschaft.
Studie gibt Entwarnung bei Paracetamol in der Schwangerschaft. Foto: Getty Images
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Friederike Ostermeyer
Freie Autorin

22. Januar 2026, 17:03 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Eine aktuelle, umfangreiche Meta-Analyse ergab: Die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft erhöht das Risiko für Autismus oder ADHS beim Kind nicht. Damit widerlegt die Untersuchung auch frühere Befürchtungen.

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Grundsätzlich ist es ratsam, während der Schwangerschaft möglichst auf Medikamente zu verzichten. Aber auch werdende Mütter sind vor Schmerzen und Fieber nicht gefeit. Daher galt und gilt Paracetamol während der Schwangerschaft als Mittel der Wahl, um Beschwerden zu lindern. Immer wieder werden Stimmen laut, die behaupteten, dass das Medikament Autismus und ADHS beim Fötus auslöse. Zuletzt aus den USA. Ein europäisches Forscherteam unter der Leitung von Prof. Asma Khalil von der City St George’s, University of London widerlegt die umstrittene Aussagen mit einer umfassenden Untersuchung. Die Meta-Studie wurde aktuell in der Fachzeitschrift „The Lancet Obstetrics, Gynaecology & Women’s Health“ veröffentlicht.1

43 Studien mit über 1 Mio. Schwangeren ausgewertet

Schwangere wollen das Beste für ihr Kind und würden eher „durch die Hölle gehen“, als ihr Baby zu gefährden. Hinzu kommt, dass Müttern für neurologische Auffälligkeiten wie Autismus oder ADHS vermehrt die Schuld gegeben wird, weil sie angeblich Fehler in der Schwangerschaft gemacht hätten. Für Khalil und Team sind das besorgniserregende Entwicklungen, denen jede qualitative wissenschaftliche Grundlage fehlt. Daher nahmen die Wissenschaftler 43 Studien aus verschiedenen Ländern zum Thema Paracetamol in der Schwangerschaft genau unter die Lupe. Daraus wollten sie ableiten, ob und wie das Medikament möglichen Schaden anrichten kann. Die Daten umfassen über eine Million Schwangerschaften sowie Gesundheitsberichte nach den Geburten.

So gingen die Forscher bei ihrer Untersuchung vor

Für ihre Meta-Analyse wählten sie Studien aus, die die Paracetamol-Einnahme während der Schwangerschaft und die Entwicklung der Kinder in den ersten Lebensjahren dokumentierten. In diesen wurden insbesondere Diagnosen von Autismus, ADHS und weiteren geistigen Beeinträchtigungen erfasst. Gleichzeitig ermittelten sie, wie wissenschaftlich sauber die jeweilige Untersuchung durchgeführt worden war. Viele Studien zeigten methodische Schwächen oder erwiesen sich als verzerrt. Darunter auch jene, die sich auf alarmierende Aussagen aus den USA stützen.

Anschließend verglichen die Forscher Gruppen von Müttern, die während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, mit solchen, die ohne das Medikament auskamen. Wenn Paracetamol schädlich wäre, hätten die Forscher in der ersten Gruppe deutlich mehr Fälle ausmachen müssen. Dies stellten sie jedoch nicht fest.

Elementares Detail: Geschwistervergleiche

Eine wesentliche Stärke der Analyse liegt in den Geschwisterstudien. Hierbei betrachteten die Forscher Mütter, die während einer Schwangerschaft Paracetamol einnahmen und bei einer anderen Schwangerschaft nicht. Insgesamt umfasste die Studie Daten von 262.852 Kindern, die auf Autismus, von 335.255, die auf ADHS, und von 406.681, die auf geistige Behinderung untersucht wurden. Da Geschwister sich genetisch recht ähnlich sind und zudem in der Regel im gleichen familiären Umfeld aufwachsen, müssten eventuelle „Paracetamol-Schäden“ besonders herausstechen. Auch hier konnten die Wissenschaftler keine Auffälligkeiten entdecken. Im Gegenteil verdeutlicht dieser Aspekt einmal mehr den Einfluss genetischer Vorbelastungen und der familiären Vorgeschichte auf neurologische Auffälligkeiten.

Beispiel für eine frühere, alarmierende Studie: ALSPAC

Ein prominentes Beispiel für eine frühere Untersuchung mit alarmierenden Ergebnissen ist die britische „Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC)“.2 Die Langzeitanalyse basiert auf Daten von etwa 14.000 Müttern und ihren Kindern und wurde 2019 veröffentlicht. Die Forscher stellten fest, dass bei regelmäßigem Paracetamolkonsum während der Schwangerschaft häufiger Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern auftraten. So wurden unter anderem eine geringere Anpassungsfähigkeit im Säuglingsalter, Hyperaktivität sowie ein vermindertes Durchhaltevermögen im Kleinkindalter beschrieben. Die Einschätzungen basierten vor allem auf Eltern- und Lehrerberichten sowie standardisierten Entwicklungstests.

Gleichzeitig betonten die Studienautoren, dass die Intelligenz der betroffenen Kinder nicht beeinträchtigt war. Ob Paracetamol tatsächlich für die beobachteten Effekte verantwortlich war, blieb jedoch unklar – auch weil viele Begleitfaktoren wie chronische Erkrankungen der Mutter, Gründe für die Einnahme oder psychosoziale Belastungen nicht eindeutig herausgerechnet werden konnten. Die Aussagekraft war dadurch begrenzt. Dennoch trug die Studie maßgeblich zur öffentlichen Verunsicherung bei – auch wenn diese Bedenken durch die aktuelle, deutlich größere und methodisch robustere Meta-Analyse nun relativiert werden.

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Klare Botschaft: Paracetamol ist sicher!

Wie bei jeder Beobachtungsstudie können zwar Zusammenhänge festgestellt, aber keine kausalen Wirkungen bewiesen werden. Auch sind berichtete Einnahmen oft ungenau, da nicht immer klar ist, zu welchem Zeitpunkt Paracetamol in der Schwangerschaft eingenommen wurde. Angesichts der enormen Datenmenge kommt Prof. Asma Khalil in einer Universitätsmitteilung dennoch zu einem ganz klaren Schluss: „Paracetamol bleibt während der Schwangerschaft eine sichere Option, wenn es gemäß den Anweisungen eingenommen wird.“3 Auf Nachfrage antwortet Khalil gegenüber FITBOOK: „In den meisten Leitlinien bedeutet dies bis zu 1.000 mg pro Dosis, nicht mehr als 3 bis 4 Mal innerhalb von 24 Stunden.“ Außerdem rät sie davon ab, heftige Schmerzen und starkes Fieber unnötig auszuhalten: „Unbehandelte Symptome können selbst Risiken für das ungeborene Kind bergen. Darunter Fehlgeburt, Frühgeburt oder Geburtsfehler.“

Medikamente in der Schwangerschaft – ein sensibles Thema

Trotz der nun vorliegenden umfassenden Datenlage sorgt die Einnahme von Medikamenten in der Schwangerschaft weiterhin für große Unsicherheit. Das liegt unter anderem daran, dass Beipackzettel oft keine klaren Empfehlungen enthalten. Stattdessen wird auf ärztliche Rücksprache verwiesen – ein rechtlich motivierter Hinweis, der viele Schwangere verunsichert.

Ein Grund für diese Zurückhaltung ist der sogenannte Contergan-Skandal in den 1960er-Jahren: Damals führte ein Beruhigungsmittel, das Schwangeren gegen Übelkeit verschrieben wurde, zu schweren Fehlbildungen bei tausenden Neugeborenen. Seitdem werden Schwangere aus Sicherheitsgründen weitgehend von klinischen Medikamentenstudien ausgeschlossen.4

Aussagen zur Verträglichkeit beruhen daher meist auf nachträglichen Beobachtungen, zum Beispiel, wenn eine Frau ein Medikament eingenommen hat, ohne von ihrer Schwangerschaft zu wissen. Auch deshalb können selbst häufig verwendete Arzneimittel wie Paracetamol lange umstritten bleiben – bis umfassende Analysen wie die aktuelle Meta-Studie für mehr Klarheit sorgen.

Quellen

  1. D'Antonio, F., Flacco, M.E., Valle, L.D. et al. (2026). Prenatal paracetamol exposure and child neurodevelopment: a systematic review and meta-analysis, The Lancet Obstetrics, Gynaecology, & Women’s Health ↩︎
  2. Golding, J., Gregory, S., Clark, R. et al. (2019). Associations between paracetamol (acetaminophen) intake between 18 and 32 weeks gestation and neurocognitive outcomes in the child: A longitudinal cohort study. Paediatr Perinat Epidemiol. ↩︎
  3. City St George’s, University of London. Taking paracetamol during pregnancy does not increase risk of autism, ADHD or intellectual disabilities (aufgerufen am 22.01.2026) ↩︎
  4. Deutsches Ärzteblatt. Die Contergan-Katastrophe: Die trügerische Sicherheit der „harten“ Daten. (aufgerufen am 22.01.2026 ↩︎

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