16. Dezember 2025, 13:07 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Ein gesunder Mann erleidet plötzlich einen Schlaganfall. Der Auslöser? Kein seltener Gendefekt, keine Vorerkrankung – sondern ein vermeintlich harmloses Alltagsprodukt aus dem Supermarkt. Dieser reale Fall zeigt, wie gefährlich übermäßiger Energydrink-Konsum sein kann. FITBOOK fasst zusammen, was die Forschung insgesamt zum Herz-Kreislauf-Risiko durch Energydrinks sagt und wer besonders gefährdet ist.
Der Mann, der 8 Dosen am Tag trank und einen Schlaganfall erlitt
Der Mann soll in seinen Fünfzigern gewesen sein, fit und nie ernsthaft krank, heißt es im aktuell im Fachjournal BMJ veröffentlichten Bericht zu dem extremen Fall, der mehrere Jahre zurückliegen soll.1 Bei Vorstellung in der Klinik sei seine linke Körperhälfte schwach gewesen, er habe kaum noch richtig stehen können und seine Bewegungen sollen unkoordiniert gewirkt haben. Das MRT habe gezeigt: ein ischämischer Schlaganfall im Thalamus. Die Ärzte sollen bei dem Mann einen Blutdruck von 254 zu 150 mmHg gemessen haben – ein lebensgefährlicher Wert –, worauf er blutdrucksenkende Medikamente erhalten habe. Nach seiner Entlassung soll sein Blutdruck jedoch erneut angestiegen und – trotz Intensivierung der medikamentösen Therapie – anhaltend hoch geblieben sein.
Genauer nach seinem Alltag befragt, kommt der entscheidende Hinweis: Der Mann gab laut Fallbericht „einen durchschnittlichen täglichen Konsum von acht Dosen Energydrink zu, die jeweils 160 mg Koffein enthielten“. Das sind zusammen 1280 Milligramm täglich.
Der Mittefünfziger sei gebeten worden, auf diese tägliche Gewohnheit zu verzichten, woraufhin sich sein Blutdruck vollständig normalisiert habe. Blutdrucksenkende Medikamente seien nicht mehr erforderlich gewesen. Die Mediziner, die den Fallbericht verfasst haben, schreiben: „Es wurde angenommen, dass der Konsum hochpotenter Energydrinks durch den Patienten zumindest teilweise zu seiner sekundären Hypertonie (Bluthochdruck) und damit zu seinem Schlaganfall beigetragen hat.“
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Wie viel Energydrink ist „zu viel“ – und warum?
Die Menge an Koffein, die der Mann offenbar täglich aufgenommen hat (1280 Milligramm), ist mehr als das Dreifache dessen, was Fachgesellschaften, etwa die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), als unbedenkliche Obergrenze für gesunde Erwachsene ansehen (ausgenommen Schwangere): 400 Milligramm Koffein pro Tag.2
So viel Koffein steckt drin:
1 Dose Energydrink: 80 bis 100 Milligramm
1 Espresso (single): 63 bis 135 Milligramm
1 große Tasse Filterkaffee: 96 bis 158 Milligramm
1 großer Milchkaffee: 65 Milligramm
1 große Tasse Schwarztee: 47 Milligramm
1 Dose Cola Light: 36 Milligramm
Dieser Fall ist extrem, aber nicht der einzige, bei dem ein kausaler Zusammenhang zwischen Erkrankung und Energydrink-Konsum zwar nicht eindeutig bewiesen ist, aber stark vermutet wird. Ein anderer beschreibt den Fall eines 21-Jährigen mit schwerem Herzversagen nach exzessivem Energydrink-Konsum.3 Fälle wie diese zeigen ein grundsätzliches Problem: Energydrinks werden wie harmlose Softdrinks verkauft – sind aber in Wahrheit Hochdosis-Präparate aus Koffein, Zucker (oder Süßstoffen) und weiteren Stimulanzien wie Taurin oder Guarana, Zusätzen wie Glucuronolacton (soll die Leistung steigern) oder Aromen, die das Herz-Kreislauf-System und das Belohnungssystem im Gehirn stimulieren.
Der Mittfünfziger, der 21-Jährige – beides sind Einzelfälle. Doch sie passen zu den gemessenen physiologischen Effekten von Energydrinks aus klinischen Studien.
Was die Forschung insgesamt zum Herz-Kreislauf-Risiko durch Energydrinks sagt
FITBOOK hat schon häufiger über die potenziellen Risiken durch einen hohen Konsum von Energydrinks berichtet: Ihr Einfluss auf die elektrische Aktivität des Herzens, drohende Gefäßerkrankungen, Gehirnschäden durch Mischkonsum mit Alkohol, erhöhtes Risiko für Arrhythmien bei Menschen mit genetisch bedingten Herzerkrankungen. Diese führen im schlimmsten Fall zum Herzstillstand, was, unbehandelt, in wenigen Minuten tödlich endet.
Kardiovaskuläre Effekte von Energydrinks
2025 zeigte etwa eine Auswertung von 37 Studien bei 54 Prozent der Probanden – alles junge, gesunde Erwachsene – nach dem Konsum von Energydrinks einen Blutdruckanstieg um 61,5 Prozent. Besonders kritisch: Bei 63 Prozent der Teilnehmer wurde ein potenziell höheres Risiko für Herzrhythmusstörungen festgestellt und bei 58 Prozent traten EKG-Veränderungen auf. Symptome wie Unruhe oder Herzklopfen wurden in rund einem Fünftel der Studien deutlich. Die Koffeinmenge, die durchschnittlich aufgenommen wurde, betrug 147,6 Milligramm.4
Akute, langfristig sehr schädliche Effekte auf Blutdruck
Auch eine Meta-Analyse randomisierter Studien mit ausnahmslos gesunden Erwachsenen aus dem Jahr 2023 zeigte klare akute Effekte von Energydrinks auf den Kreislauf bereits 30 Minuten nach dem Konsum. Bei gesunden Erwachsenen stiegen nach einer oder mehreren Dosen Energydrinks sowohl der systolische als auch der diastolische Blutdruck klinisch signifikant an. Warum ist das nicht gut? Langfristig könnte dies das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
Deutsche Studie zu Schäden für das jugendliche Herz durch Red Bull, Monster & Co.
Der Forschungsstand zu den langfristigen kardiologischen Risiken durch chronisch hohen Energydrink-Konsum ist bislang noch dünn. Eine der Studien, die genau das bei Jugendlichen untersucht hat, ist die 2020 von der damaligen Bundesernährungsministerin Julia Klöckner in Auftrag gegebene und im September 2025 veröffentlichte EDKAR-Studie (Energy Drinks und Kardiologisches Risiko) des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) und der Charité Berlin.5
5100 Heranwachsende zwischen 15 und 18 Jahren aus Berlin gaben dafür Auskunft über ihren Konsum von aufputschenden Getränken. Von den 288 identifizierten chronischen „Energydrink-Hochkonsumenten“ durchliefen 99 kardiologische Untersuchungen (mehr meldeten sich nicht zurück). Zudem wurde eine Kontrollgruppe untersucht. „Hochkonsument“ wurde in der Studie, wer „seit mindestens 1 Jahr an mindestens 4 Tagen pro Woche“ Energydrinks trank.
Das Ergebnis der Studie lautete, dass Energydrinks keine Herzschäden bei Kindern verursachen würden. Stutzig macht allerdings, dass selbst Tabak- und Alkoholkonsum in den Studiendaten keine Veränderungen an der Herzgesundheit von Jugendlichen zeigten – dennoch ist unstrittig, dass Alkohol und Tabak zwei entscheidende Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind.
Kinderkardiologen sind anderer Meinung – Verkaufsverbot an Minderjährige gefordert
Kinderkardiologen wie Prof. Dr. Nikolaus Haas, Direktor der Kinderkardiologie des Uniklinikums München, kritisierten die Studie daher wegen methodischer Mängel. „Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen eindeutig, dass Energydrinks für Kinder und Jugendliche gefährlich sind. Schon eine einzelne große Dosis kann Blutdruck und Herzfrequenz erhöhen, den Schlaf verschlechtern und Herzrhythmusstörungen begünstigen. Der Konsum von Energydrinks für Kinder und Jugendliche muss aus gesundheitlichen Gründen eingeschränkt werden“, wird Haas bei „foodwatch“ zitiert.6 Weitere Mediziner hätten gegenüber der Verbraucherschutzorganisation klargemacht, dass sie „entschieden anderer Meinung“ seien.
Energydrinks werden gezielt an Minderjährige vermarktet, weshalb Ärzte sowie Verbraucherzentralen ein Verkaufsverbot von Red Bull, Monster & Co. an Minderjährige fordern. Politisch ist das bisher aber nicht gewollt.
So viel Koffein sollten Jugendliche höchstens konsumieren
Energydrinks könnten bei bestimmter Erkrankung lebensbedrohlich sein
Kurzfristige Folgen durch die hohe Koffeinaufnahme
Kann das jugendliche Herz-Kreislauf-System so ausreichend anpassungsfähig sein, um potenzielle kardiovaskuläre Auswirkungen durch einen chronischen Energydrink-Hochkonsum abzufedern? Man muss das weiter untersuchen. Ausruhen auf dem Ergebnis der EDKAR-Studie sollte man sich jedenfalls nicht. Weder als Konsument noch als Mutter oder Vater eines Jugendlichen, der Monster und Co. viel und gerne trinkt. Auch in der EDKAR-Studie werden noch einmal die kurzfristigen Folgen durch die hohe Koffeinaufnahme bei übermäßigem Verzehr von Energydrinks erwähnt:
- Herzrasen
- Kurzatmigkeit
- Muskelzittern
- schwere Übelkeit
- Angstzustände
- Nervosität
- Veränderungen im Elektrokardiogramm
Mann leidet 8 Jahre nach Schlaganfall noch unter Taubheitsgefühlen in Hand, Fingern, Fuß und zehen
Noch dazu sagt die EDKAR-Studie nichts über mögliche Schäden eines chronisch hohen Energydrink-Konsums im Erwachsenenalter aus. Wie bei dem Mittfünfziger, der sehr große Mengen an Energydrinks konsumierte und einen Schlaganfall erlitt. Er leide „noch immer, auch nach acht Jahren, unter Taubheitsgefühlen in der linken Hand, den Fingern, dem Fuß und den Zehen“, wird der anonyme Mittfünfziger im BMJ-Fallbericht zitiert. Ihm sei die „Gefahr, die der Konsum von Energydrinks für mich mit sich brachte, offensichtlich nicht bewusst“ gewesen.