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Studie auf ERS vorgestellt

Überraschender Zusammenhang zwischen Rauchen und Einsamkeit

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Laut einer neuen Studie sind Raucher einsamer als Nichtraucher Foto: Getty Images/Catherine Falls Commercial
Isa Kabakci
Redakteur

8. September 2026, 17:10 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Rauchen gilt oft als soziale Aktivität, etwa beim gemeinsamen Gang vor die Tür oder in geselliger Runde. Doch wie hängt Rauchen tatsächlich mit dem sozialen Wohlbefinden zusammen? Eine große Studie, die auf dem European Respiratory Society (ERS) Congress 2026 in Barcelona präsentiert wurde, ist dieser Frage nachgegangen. Sie umfasste mehr als 51.000 Menschen aus 15 Ländern. FITBOOK-Redakteur Isa Kabakci hat zudem beim Studienautor nachgefragt.

Raucher sind einsamer als Menschen, die nicht rauchen

Die von Dr. Keir Philip vom Imperial College London geleitete und auf dem European Respiratory Society (ERS) Congress 2026 in Barcelona präsentierte Studie, zeigt, dass rauchende Menschen, sich im Durchschnitt etwas einsamer fühlten als Menschen, die nicht (mehr) rauchten. Zudem nahm ihre Einsamkeit innerhalb von zwei Jahren stärker zu. Die Unterschiede waren statistisch eindeutig, allerdings klein.1

So wurde die Studie durchgeführt

Die körperlichen Folgen des Rauchens sind gut erforscht. Weniger klar ist, wie Rauchen mit dem sozialen und seelischen Wohlbefinden zusammenhängt. Frühere Untersuchungen aus England hatten bereits Hinweise darauf geliefert, dass Rauchen mit einer ungünstigeren sozialen Entwicklung verbunden sein könnte. Die Forscher um Dr. Philip wollten deshalb herausfinden, ob sich dieser Zusammenhang auch über verschiedene Länder hinweg beobachten lässt.

Dafür werteten sie Daten von 51.532 Menschen aus 14 europäischen Ländern und Israel aus. Die Daten stammen aus dem „Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe“ (SHARE), einer großen europäischen Langzeituntersuchung zum Älterwerden. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 67 Jahre alt. 54 Prozent waren Frauen. 22 Prozent von ihnen rauchten zu Beginn der Untersuchung – wobei der Rauchstatus auf Selbstauskunft beruhte. Knapp 49 Prozent hatten zwei oder mehr chronische Erkrankungen.2

Verglichen wurden dabei ausschließlich Menschen, die zum Zeitpunkt der Befragung rauchten, mit allen übrigen Teilnehmern. Ehemalige Raucher wurden also nicht gesondert betrachtet, sondern der Vergleichsgruppe zugerechnet. Auf FITBOOK-Nachfrage begründet Dr. Keir Philip das mit der Ausgangsüberlegung der Studie: „Wir haben uns entschieden, in aktuell Rauchende und nicht aktuell Rauchende einzuteilen, weil unsere Theorie den Gedanken einschloss, dass ein Teil der sozialen Gesundheitsfolgen daraus resultiert, dass aktuell Rauchende aufgrund sozialer Normen und rauchbezogener Gesetzgebung von bestimmten sozialen Kontexten ausgeschlossen werden.“

Die Wissenschaftler erfassten 2013, ob die Teilnehmer aktuell rauchten und wie einsam sie sich fühlten. Zwei Jahre später wurde die Einsamkeit erneut gemessen. Dafür nutzten sie die standardisierte „UCLA Loneliness Scale“. Sie erfasst unter anderem, wie häufig sich Menschen ausgeschlossen oder isoliert fühlen. Die Werte reichen von drei bis neun Punkten – je höher der Wert, desto stärker die Einsamkeit.

Bei der Auswertung berücksichtigten die Forscher mögliche Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung, Erwerbsstatus, Vermögen, Depressionen und chronische Erkrankungen. Bei der Entwicklung über zwei Jahre bezogen sie zudem ein, wie einsam die Teilnehmer zu Beginn gewesen waren. Diese Angaben hat Philip gegenüber FITBOOK bestätigt. Die hier genannten und folgenden Detailangaben stammen aus der Studienpräsentation, die FITBOOK vorliegt.

Weitere Ergebnisse im Detail

Zu Beginn lag der durchschnittliche Einsamkeitswert aller Teilnehmer bei 3,8 Punkten. Menschen, die aktuell rauchten, lagen im Mittel 0,092 Punkte über Nichtrauchern. Der Unterschied war damit zwar klein, statistisch aber eindeutig.

Auch die Entwicklung über die folgenden zwei Jahre unterschied sich: Bei Menschen, die zu Beginn rauchten, stieg der Einsamkeitswert im Durchschnitt um 0,049 Punkte stärker als bei Nichtrauchern.

Die Ergebnisse blieben auch bestehen, nachdem die Forscher mögliche Störfaktoren berücksichtigt hatten. Zusätzliche Analysen, etwa getrennt nach Alter und Geschlecht, kamen insgesamt zu vergleichbaren Ergebnissen. Zwischen verschiedenen europäischen Regionen gab es lediglich Hinweise auf leichte Unterschiede. Konkrete Zahlen dazu liegen bislang nicht vor: „Wir schließen diese Analysen derzeit ab, daher habe ich aktuell keine Ergebnisse, die ich weitergeben kann“, teilte Philip mit.

Philip selbst fasst die Befunde in einer Pressemitteilung vorsichtig zusammen: „Rauchen geht bei älteren Menschen mit zunehmender Einsamkeit einher. Das deutet darauf hin, dass es zusätzlich zu den körperlichen Effekten auch der psychosozialen Gesundheit schaden könnte.“

Mögliche Erklärungen

Warum Raucher einsamer sein könnten, kann die Studie nicht beantworten. Philip nennt dazu zwei Vermutungen. Zum einen könnten fortschreitende rauchbedingte Erkrankungen die Mobilität einschränken und es dadurch erschweren, an sozialen Aktivitäten teilzunehmen. Dazu passt, dass fast die Hälfte der Teilnehmer mehrere chronische Erkrankungen hatte.

Zum anderen verweist er auf veränderte soziale Normen: „Rauchverbote im öffentlichen Raum und rauchfreie Wohnungen könnten solche Orte für Raucher weniger attraktiv machen – was die Möglichkeiten für soziale Kontakte einschränken könnte.“ Belegt sind diese Erklärungen durch die Daten allerdings nicht. Die Forscher selbst benennen als offene Fragen unter anderem, über welche Wege der Zusammenhang zustande kommt, ob sich Einsamkeit nach einem Rauchstopp verringert und wie sich E-Zigaretten auswirken.

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Einordnung der Studie

Eine Stärke der Studie ist die große Zahl von mehr als 51.000 Teilnehmern. Zudem wurden die Menschen nach zwei Jahren erneut befragt. So konnten die Forscher nicht nur untersuchen, ob Rauchen und Einsamkeit zum selben Zeitpunkt zusammenhingen, sondern auch, wie sich die Einsamkeit im weiteren Verlauf entwickelte.

Allerdings handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Sie kann daher nicht beweisen, dass Rauchen zu mehr Einsamkeit führt. Andere Faktoren könnten sowohl das Rauchverhalten als auch die Einsamkeit beeinflusst haben. Außerdem waren diese im Durchschnitt 67 Jahre alt. Ob sich die Ergebnisse auf jüngere Menschen übertragen lassen, ist daher unklar.

Zudem stammen die analysierten Daten aus den Jahren 2013 und 2015. Obwohl die Ergebnisse erst 2026 präsentiert wurden, bilden sie somit die Verhältnisse von vor rund einem Jahrzehnt ab. Seither könnten sich die gesellschaftlichen Normen und gesetzlichen Rauchverbote in vielen der untersuchten Länder nochmals deutlich verschärft haben.

Die Studie wurde aus öffentlichen Mitteln finanziert: über das EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 im Rahmen einer Marie-Skłodowska-Curie-Förderung (Projekt EUREST-RISE) sowie über ein Nachwuchsprogramm des Imperial College London. Interessenkonflikte gab der Studienleiter keine an.

Auch interessant: Einsamkeit kann laut Studie in bestimmten Fällen lebensbedrohlich werden

Was andere Studien zu diesem Thema zeigen

Die aktuellen Ergebnisse stehen nicht allein. Bereits 2022 hatte dieselbe Arbeitsgruppe im Fachjournal „The Lancet Regional Health – Europe“ Daten von 8.780 Menschen ab 50 Jahren aus England ausgewertet, mit Nachbefragungen über zwölf Jahre.3 Raucher waren dort nicht nur einsamer, sondern auch objektiv stärker sozial isoliert: Sie hatten seltener Kontakt zu Familie und Freunden, nahmen seltener an Vereins- oder Kulturangeboten teil und lebten häufiger allein. Über die Zeit nahmen Kontakte und Aktivitäten bei ihnen stärker ab als bei Nichtrauchern. Beim reinen Einsamkeitswert zeigte sich ein Effekt allerdings nicht zu jedem Messzeitpunkt.

Ob Rauchen tatsächlich einsam macht oder Einsamkeit zum Rauchen führt, lässt sich mit solchen Beobachtungsdaten nicht klären. Ein anderer Ansatz kommt der Frage näher: 2021 nutzte ein Team um Robyn Wootton im Fachjournal „Addiction“ die sogenannte Mendelsche Randomisierung.4 Dabei werden genetische Varianten genutzt, um die Richtung eines Zusammenhangs abzuschätzen. Das Ergebnis deutet auf einen Kreislauf hin: Einsamkeit erhöhte die Wahrscheinlichkeit, mit dem Rauchen anzufangen, mehr zu rauchen und seltener aufzuhören – umgekehrt sprach einiges dafür, dass der Einstieg ins Rauchen die Einsamkeit verstärkt. Die Autoren bezeichnen ihre Belege selbst als vorläufig, da die Ergebnisse nicht in allen Kontrollrechnungen stabil blieben.

Quellen

  1. ERS. Smoking leads to increased loneliness. (zuletzt aufgerufen am 8.9.26) ↩︎
  2. K. E. J. Philip et al. (2026). The Relationship of Smoking with current andfuture loneliness in 15 countries using data fromthe Survey of Health and Ageing in Europe(SHARE). (zuletzt aufgerufen am 8.9.26) ↩︎
  3. Philip, K. E., Bu, F., Polkey, M. I., Brown, J., Steptoe, A., Hopkinson, N. S., & Fancourt, D. (2022). Relationship of smoking with current and future social isolation and loneliness: 12-year follow-up of older adults in England. The Lancet regional health. Europe, 14, 100302. ↩︎
  4. Wootton, R. E., Greenstone, H. S. R., Abdellaoui, A., Denys, D., Verweij, K. J. H., Munafò, M. R., & Treur, J. L. (2021). Bidirectional effects between loneliness, smoking and alcohol use: evidence from a Mendelian randomization study. Addiction (Abingdon, England), 116(2), 400–406. ↩︎

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