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Studie findet Hinweise

Bestimmte Chemikalien könnten Leukämie bei Kindern begünstigen

Leukämiezellen im Blut
Leukämiezellen im Blut. Akute lymphoblastische Leukämie ist die häufigste Krebserkrankung bei Kindern. Foto: "Michael J. Klein, M.D."
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Anna Echtermeyer
Redakteurin

28. April 2026, 13:51 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Wussten Sie, dass ewige Chemikalien, sogenannte PFAS, bereits bei der Geburt im Blut von Babys nachweisbar sind? Eine neue Studie aus Kalifornien untersuchte den Zusammenhang zwischen PFAS und dem Risiko für akute lymphoblastische Leukämie, die häufigste Krebserkrankung im Kindesalter. Einen sicheren Zusammenhang können die Daten zwar nicht belegen – doch die Hinweise sind stark. Hinzu kommt: Eine neue Generation von ewigen Chemikalien könnte das Gesundheitsrisiko weiter verschärfen. Wo diese Stoffe im Alltag lauern und wie Sie die Belastung für Ihr Kind bereits während der Schwangerschaft reduzieren können.

Zusammenhang zwischen PFAS bei Geburt und Leukämie bei Kindern

PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen), auch als „ewige Cemikalien“ bezeichnet, gelten als potenziell krebserregend, sind jedoch im Zusammenhang mit Krebserkrankungen bei Kindern bisher kaum erforscht. Ein multidisziplinäres Team von mehreren US-amerikanischen Universitäten analysierte deshalb getrocknete Blutproben von Neugeborenen, die routinemäßig kurz nach der Geburt entnommen wurden. Die Forscher stellten fest, dass Kinder, die bei ihrer Geburt im Blut die höchsten Konzentrationen von einigen „Ewigkeitschemikalien“ hatten, ein höheres Risiko aufwiesen, später an akuter lymphatischer Leukämie (ALL) zu erkranken. Das Fachmagazin „Journal of Exposure Science & Environmental Epidemiology“ berichtete.1

ALL ist die häufigste Krebserkrankung bei Kindern. Am häufigsten sind Kinder zwischen einem und fünf Jahren betroffen, in Deutschland erkranken rund 600 Kinder unter 18 Jahren.2

Ewigkeitschemikalien im Blut vieler Menschen nachweisbar

Die Forscher um die Hauptautorin Veronica M. Vieira, Lehrstuhlinhaberin für Umwelt- und Arbeitsmedizin an der University of California, Irvine, untersuchten eine breite Palette von PFAS. Besonders in den Fokus nahmen sie die PFA-Chemikalien PFOA (Perfluoroctansäure) und PFOS (Perfluoroctansulfonsäure), weil sie für ihre extreme Beständigkeit in der Umwelt bekannt sind. Im menschlichen Körper sammeln sich die Stoffe im Laufe der Zeit an, weil sie schneller aufgenommen als abgebaut oder ausgeschieden werden können (Bioakkumulation).

Laut den Forschern sind diese PFAS im Blut von 98 Prozent der US-Bevölkerung nachweisbar, obwohl sie dort in der Produktion weitgehend ersetzt wurden. Auch in Deutschland sind PFAS in der Bevölkerung weitverbreitet und im Blut häufig nachweisbar, vor allem im Blut von Kindern und Jugendlichen.3

PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) sind auch als „Ewigkeitschemikalien“ bekannt, weil sie besonders stabil sind und sich in der Umwelt über lange Zeiträume kaum abbauen. Die Chemieindustrie setzt sie für etliche verschiedene Produkte ein.

Forscher untersuchen PFA-Chemikalien in Neugeborenenblut

Um die PFAS-Belastung zum Zeitpunkt der Geburt und deren Zusammenhang mit dem Risiko für akute Leukämie im Kindesalter zu untersuchen, griffen die Forscher auf getrocknete Blutstropfen von 344 Kindern zurück, die routinemäßig nach der Geburt entnommen werden. Bei 125 Kindern wurde vor dem 18. Lebensjahr ALL diagnostiziert, 219 waren krebsfrei. Alle Kinder wurden im Zeitraum zwischen 2000 und 2015 im Los Angeles County, Kalifornien, geboren.

Die Blutproben wurden an die Yale University geschickt und dort mit spezialisierten Verfahren extrahiert, wo man in dem Blut nach 24 bereits bekannten PFAS-Verbindungen suchte. Die Forscher identifizierten über die Suche nach speziellen chemischen Mustern sogar 26 zusätzliche PFAS-Verbindungen.

Um die Ergebnisse abzusichern, berücksichtigten die Wissenschaftler potenzielle Störfaktoren wie das Alter der Mutter, die Art der Krankenversicherung sowie ethnische Merkmale.

Auch interessant: PFAS beschleunigen wohl Alterung bei Männern ab 50

Ergebnisse – Risiko steigt deutlich an, wenn PFAS zusammenkommen

  • Mit PFOA und PFOS wurden zwei bekannte ewige Chemikalien in mehr als 50 Prozent der Proben gefunden.
  • Kinder, die später an akuter lymphatischer Leukämie erkrankten, hatten bereits bei der Geburt durchschnittlich höhere PFAS-Stoffe im Blut als die Kontrollgruppe.
  • Das Risiko schien mit der Konzentration anzusteigen.
  • Kinder mit der höchsten Belastung an „Ewigkeitschemikalien“ hatten ein um etwa 60 Prozent höheres Risiko für akute lymphatische Leukämie im Vergleich zur Gruppe mit der niedrigsten Belastung.
  • Besonders deutlich wurde das Risiko bei einer gemeinsamen Belastung durch die Chemikalien PFOA und PFOS: Das Risiko stieg kontinuierlich mit den kombinierten Werten beider Stoffe an.

Durch ihre spezielle Analyse entdeckten die Forscher zudem Risiken bei modernen Ersatzchemikalien, die oft noch gefährlicher erschienen als die alten Substanzen.

„Neue“ Ewigkeitschemikalien tauchen auf

So war eine Verdopplung der Konzentration zweier „neuer“ Stoffe mit einem mehr als fünffach erhöhten Leukämie-Risiko verbunden. Diese „neuen“ Ewigkeitschemikalien tauchen zunehmend in Umwelt und Blut auf, sind bisher aber schlecht erforscht. Laut den Forschern gehören diese Stoffe zur Klasse der sogenannten PCFA-Ether, die als Ersatz für PFOA in der modernen Fertigung eingesetzt werden. Auch könne es sich dabei um Abbauprodukte bekannter PFAS handeln. Was die neuen PFAS so gefährlich macht: Für sie gibt es bisher keine etablierten Grenzwerte.

Höhere PFAS-Werte bei Kindern aus „teureren“ Wohngegenden

Die Studie zeigte signifikante Unterschiede in der Belastung und im Risiko je nach Herkunft und Status. So waren die Zusammenhänge zwischen PFAS und dem Krebsrisiko bei nicht-hispanischen Teilnehmern durchweg stärker ausgeprägt als bei hispanischen Teilnehmern.
Hohe Werte der PCFA-Ether fanden sich besonders häufig bei Kindern asiatischer Herkunft.

Höhere Werte von PFOS und PFOA fanden sich tendenziell bei Kindern von Eltern mit höherer Bildung, privater Krankenversicherung und in Wohngegenden mit höheren Immobilienwerten. Dies deutet darauf hin, dass die Nutzung spezifischer Konsumgüter oder bestimmte Lebensgewohnheiten in diesen Gruppen zu einer höheren Exposition führen.

Bedeutung der Studie

Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist der Nachweis, dass getrocknete Blutstropfen von Neugeborenen eine hervorragende Quelle sind, um Umweltexpositionen aus der frühesten Lebensphase zu untersuchen. Die Autoren weisen darauf hin, dass viele Ergebnisse aufgrund der kleinen Stichprobengröße (344 Kinder) die Schwelle zur statistischen Signifikanz nicht erreichten. Dennoch liefern die Daten deutliche Hinweise auf eine Verbindung, die in größeren Folgestudien weiter untersucht werden muss.

Einschränkungen

Die Autoren der Studie weisen selbst auf mehrere Einschränkungen hin, welche die statistische Aussagekraft und die Interpretation der Ergebnisse beeinflussen. Obwohl die Forscher ein effizientes Stichprobenverfahren nutzten, war die Gesamtzahl der Teilnehmer mit 344 Kindern relativ klein. Viele der beobachteten Zusammenhänge zeigten zwar deutliche Trends, erreichten aber keine statistische Signifikanz.

Für bessere Chancen, einen Zusammenhang zu finden, berücksichtigten die Forschenden Kinder aus PFAS-belasteten Regionen stärker. Der Haken an diesem Vorgehen: Die Stichprobe ist nicht mehr repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Man half sich mit statistischen Gewichtungen, um das auszugleichen.

Was die Aussagekraft der Ergebnisse auch einschränkt: Die Analyse stützt sich auf eine einzige PFAS-Messung zum Zeitpunkt der Geburt. Die Autoren merken an, dass dies potenziell weniger zuverlässig ist als wiederholte Messungen im Blutserum über einen längeren Zeitraum hinweg. Die Untersuchung bezog sich ausschließlich auf Geburten im Los Angeles County zwischen 2000 und 2015, was die direkte Übertragbarkeit auf andere Regionen einschränken könnte.

Nichtsdestotrotz untermauern die Ergebnisse und der wissenschaftliche Hintergrund der Untersuchung die erhebliche Gefahr, die von PFAS ausgeht.

So erreichen PFAS das Neugeborene

Die Studie identifiziert mehrere Wege, über die Kinder bereits zu Beginn ihres Lebens mit PFAS in Kontakt kommen. Da die Proben bei Neugeborenen innerhalb der ersten 36 Stunden nach der Geburt entnommen wurden, erfolgt die Belastung primär pränatal über die Mutter. Kontaminiertes Trinkwasser stellt eine der bedeutendsten Expositionsquellen dar.

Die ewigen Chemikalien erreichen die Kinder über:

  • das Trinkwasser (PFAS sind hochgradig wasserlöslich),
  • kontaminierte Lebensmittel, die die Mutter konsumiert hat (hier finden Sie eine Übersicht zu beliebten Lebensmitteln, die mit PFAS kontaminiert sein können)
  • Einwegverpackungen, die fettabweisend beschichtet sind (z. B. Fast-Food-Verpackungen oder Mikrowellen-Popcorn-Tüten)
  • PFAS finden sich in vielen Haushaltsprodukten wie fleckenabweisenden Behandlungen für Teppiche und Möbel. Diese Stoffe reichern sich im Hausstaub an.
  • Auch in Körperpflegeprodukten, antihaftbeschichtetem Kochgeschirr und wasserabweisender Kleidung sind PFAS enthalten.
  • Ein weiterer genannter Ursprung sind wasserfilmbildende Löschschäume, die unter anderem bei der Brandbekämpfung eingesetzt werden.
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So reduziert man die PFAS-Belastung deutlich

PFAS lassen sich nicht komplett vermeiden. Sie sind zu verbreitet und einzelne Produkte sind selten der Auslöser, es geht um die Dauerbelastung aus vielen kleinen Quellen.
Die Belastung lässt sich jedoch spürbar reduzieren – und gerade in der Schwangerschaft lohnt sich das.

Das Trinkwasser ist einer der wenigen Bereiche, in denen man wirklich viel Einfluss hat. Wie Sie PFAS aus dem Trinkwasser filtern können, lesen Sie bei unseren Kollegen von myHOMEBOOK.

Auch gilt: Setzen Sie möglichst auf unverpackte Lebensmittel und verwenden Sie zum Braten eine unbeschichtete Pfanne. Weil sich PFAS auch gerne in Hausstaub sammeln: regelmäßig feucht wischen und Hände waschen, vor allem vor dem Essen. Und sonst? „Lesen Sie vor dem Kauf von wasserdichten oder schmutzabweisenden Textilien das Etikett, um sicherzustellen, dass sie nicht mit PFAS behandelt wurden. Besser noch, suchen Sie nach Produkten, die als frei von PFC, PFOS und PFOA gekennzeichnet sind“, schreibt die Umweltchemikerin Dr. Johanna Roberts in einem Artikel im britischen Wissenschaftsmagazin „The Conversation“.4

Forschung: Ewige Chemikalien an vielen Krankheiten beteiligt

Die Forschung zeigt, dass PFAS an vielen verschiedenen Krankheiten beteiligt sind, wobei Studien sie mit Hoden- und Nierenkrebs, einer eingeschränkten Nierenfunktion, Schilddrüsenproblemen, Fettleibigkeit, Fortpflanzungsstörungen und Entwicklungsproblemen beim Fötus in Verbindung bringen.5,6,7 Auch wird vermutet, dass ewige Chemikalien ein Grund dafür sein können, dass die Spermienqualität in den Industrienationen so rasant abnimmt.8

Quellen

  1. Vieira V. M., Liu S., Morimoto L. M. et al. (2026): Targeted and non-targeted analyses of per-and polyfluoroalkyl substances in newborn dried blood spots and risk of childhood acute lymphoblastic leukemia. Journal of Exposure Science & Environmental Epidemiology. ↩︎
  2. Forschungsinstitut Kinderkrebs-Zentrum Hamburg: Leukämien bei Kindern. Häufig, aber nicht hoffnungslos (2023, aufgerufen am 28.04.2026) ↩︎
  3. Umwelt Bundesamt: PFAS im Menschen. (2025, aufgerufen am 28.04.2026) ↩︎
  4. The Conversation. ‚Forever chemicals’ are everywhere – here’s what you need to know about them (aufgerufen am 28.04.2026) ↩︎
  5. Bartell SM, Vieira VM. (2021). Critical review on PFOA, kidney cancer, and testicular cancer. J Air Waste Manag Assoc. ↩︎
  6. Coperchini F, Croce L, Ricci G, Magri F, Rotondi M, Imbriani M, Chiovato L. (2021). Thyroid Disrupting Effects of Old and New Generation PFAS. Front Endocrinol (Lausanne). ↩︎
  7. tanifer JW, Stapleton HM, Souma T, Wittmer A, Zhao X, Boulware LE. (2018). Perfluorinated Chemicals as Emerging Environmental Threats to Kidney Health: A Scoping Review. Clin J Am Soc Nephrol. ↩︎
  8. Hærvig KK, Petersen KU, Hougaard KS, Lindh C, Ramlau-Hansen CH, Toft G, Giwercman A, Høyer BB, Flachs EM, Bonde JP, Tøttenborg SS. (2022). Maternal Exposure to Per- and Polyfluoroalkyl Substances (PFAS) and Male Reproductive Function in Young Adulthood: Combined Exposure to Seven PFAS. Environ Health Perspect. ↩︎

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