4. Februar 2026, 21:39 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Multiple Sklerose (MS) gehört zu den am meisten gefürchteten Krankheiten. Die entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems kann zu motorischen Störungen und letztlich zum Versagen einzelner Körperfunktionen führen. Schwedische Forscher haben nun einen neuen Faktor entdeckt, der möglicherweise mit MS in Verbindung steht.
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Aktuellen Zahlen zufolge leben allein in Deutschland mehr als 280.000 Menschen mit MS.1 Jedes Jahr kommen in Deutschland viele neue Diagnosen hinzu – häufig im jungen Erwachsenenalter. Erstdiagnosen im Jugendalter oder ab dem 60. Lebensjahr sind hingegen eher selten. Dabei sind Frauen häufiger betroffen wie Männer. Bislang gibt es keine Heilung dieser Autoimmunerkrankung. Eine große Frage lautet nach wie vor: Was verursacht die Erkrankung des zentralen Nervensystems? Schwedische Forscher haben jetzt einen neuen Faktor identifiziert, der die Wahrscheinlichkeit für Multiple Sklerose womöglich deutlich erhöht: sogenannte Ewigkeitschemikalien.
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Was sind Ewigkeitschemikalien?
Um das Thema besser zu verstehen, sollten wir zunächst klären, was Ewigkeitschemikalien überhaupt sind. Damit sind vor allem Fluorchemikalien wie Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) gemeint.2 Diese Stoffgruppe umfasst rund 10.000 extrem stabile chemische Verbindungen. Das sorgt dafür, dass sie sehr langlebig sind und in der Natur nicht abgebaut werden. Daher werden sie umgangssprachlich als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet.
Das Problem dabei ist, dass sie Wasser und Boden dauerhaft verschmutzen und sich so über die Nahrung und andere verbrauchernahe Produkte in Mensch und Tier anreichern. PFAS kommen in zahlreichen Produkten vor, insbesondere dort, wo sie vor Fett, Schmutz, Wasser und anderen Ablagerungen schützen sollen. Zu den typischen Produkten zählen folgende:
- Auf Polstern und anderen Stoffen zum Schutz vor Flecken und Schmutz
- Bei Pfannen und anderen Küchengeräten mit einer Anti-Haft-Beschichtung
- In fettabweisenden Lebensmittelverpackungen
- Als Anti-Beschlag-Mittel auf Gläsern
Laut der Verbraucherzentrale ist es schwierig, zuverlässig zu erkennen, ob ein Produkt PFAS enthält. Denn in den meisten Produktbereichen gibt es dafür keine Kennzeichnungspflicht. Man kann jedoch auf Nachhaltigkeitssiegel und Bezeichnungen wie „Frei von PFAS“, „Frei von PFC“ oder „fluorfrei“ achten.
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Was hat die Studie untersucht?
Die Häufigkeit von Multipler Sklerose ist in den vergangenen 30 Jahren weltweit um etwa 26 Prozent gestiegen. Das berichten schwedische Forscher in einer neuen Studie.3 In einigen Ländern hat sich die Zahl der Diagnosen seit 1990 mehr als verdoppelt. Was die Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems auslöst, ist bis heute nicht genau bekannt. Mit ihrer Studie identifizierten die Forscher jedoch PFAS als einen bisher unbeachteten Faktor, der die Möglichkeit für eine MS-Erkrankung erhöhen könnte.
Um dies nachzuweisen, hat man anhand schwedischer Gesundheitsdaten 24 PFAS-Verbindungen im Blut von 907 Patienten untersucht, bei denen kürzlich MS diagnostiziert wurde. Als Kontrollgruppe dienten 907 gesunde Personen, die man ebenfalls auf dieselben Chemikalien untersucht hat. Zusätzlich wurden noch andere Ewigkeitschemikalien, die als polychlorierte Biphenyle (PCB) bezeichnet werden, untersucht.
Patienten mit MS hatten höhere Konzentrationen von Ewigkeitschemikalien im Blut
Die Auswertung der Blutproben ergab, dass Personen mit höheren Konzentrationen der „Ewigkeitschemikalien“ im Blut eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit für MS hatten. Einzelne Stoffe zeigten zwar Signale – am deutlichsten PFOS sowie zwei hydroxylierte PCB-Metaboliten. Besonders klar wurde der Zusammenhang aber, als die Forschenden die Mischung mehrerer Stoffe gemeinsam betrachteten. Die Forscher vermuten daher, dass insbesondere das Vorkommen vieler verschiedener Chemikalien in Kombination ein gefährdender Faktor für Multiple Sklerose ist.
„Die Ergebnisse zeigen, dass wir bei dem Versuch, die Auswirkungen von PFAS und anderen Chemikalien auf den Menschen zu verstehen, nicht nur einzelne Substanzen, sondern auch Mischungen von Chemikalien berücksichtigen müssen, da Menschen in der Regel mehreren Substanzen gleichzeitig ausgesetzt sind“, kommentiert Studienautorin Aina Vaivade von der Universität Uppsala in Schweden die Datenauswertung.4
Diese Probanden hatten eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit für MS
Eine genauere Datenanalyse ergab, dass speziell Probanden mit hohen PFOS-Werten (PFOS ist eine Chemikalie aus der PFAS-Gruppe) oder mit hohen Werten der beiden PCB-Nebenprodukte 4-OH-CB187 und 3-OH-CB153 eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit aufwiesen, an MS zu erkranken. „Wir haben festgestellt, dass mehrere einzelne Substanzen, wie PFOS und zwei hydroxylierte PCBs, mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für MS in Verbindung stehen“, erklärt Hauptautorin Kim Kultima, klinische Chemikerin aus Uppsala. So hatten Personen mit den höchsten PFOS- und PCB-Konzentrationen eine etwa doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, an MS zu erkranken, wie Menschen mit den niedrigsten Konzentrationen.
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Warum sind diese Chemikalien ein Risikofaktor für Multiple Sklerose?
Doch warum stehen ausgerechnet diese Chemikalien mit MS in Verbindung? Auch dafür haben die schwedischen Wissenschaftler eine mögliche Erklärung parat. Ihrer Ansicht nach können sowohl PFOS als auch OH-PCBs die Blut-Hirn-Schranke überwinden und in die Immunzellen des zentralen Nervensystems eindringen. Wenn diese Chemikalien oxidativen Stress auslösen, könnten sie nach Ansicht der Forscher die antioxidative Abwehr im Gehirn beeinträchtigen und so zu Muskelschwäche, Taubheitsgefühlen oder Sehstörungen beitragen, die häufig mit MS einhergehen.
Genetische Veranlagung spielt auch eine Rolle
Doch auch eine Genvariante könnte eine wichtige Rolle beim MS-Risiko spielen. Die Forscher stellten nämlich fest, dass die Wahrscheinlichkeit, an MS zu erkranken, bei Probanden mit einer bestimmten Genvariante, die eigentlich mit einem geringeren Risiko für die Krankheit verbunden ist, viel höher war, wenn sie hohen PFOS-Konzentrationen ausgesetzt waren. Bei diesen Studienteilnehmern war das Risiko, an MS zu erkranken, bei steigender PFOS-Exposition mehr als viermal höher.
„Dies deutet darauf hin, dass es eine komplexe Wechselwirkung zwischen Vererbung und Umweltexposition im Kontext des MS-Risikos gibt“, sagt Kim Kultima. Allerdings handelte es sich um einen statistischen Zusammenhang. Das bedeutet, es ist nicht gesichert, dass Menschen mit der entsprechenden Genvariante tatsächlich ein erhöhtes MS-Risiko haben.
Generell zeigt die Studie keine kausalen Zusammenhänge auf. Weitere Untersuchungen sind also nötig, um die identifizierten Verbindungen zu bestätigen. Welche Zusammenhänge zwischen Umweltgiften, wie den sogenannten Ewigkeitschemikalien, der genetischen Veranlagung und MS bestehen, müssen weitere Studien klären.