6. Juli 2026, 18:16 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Zahngesundheit beginnt und endet nicht im Mund. Tatsächlich kann entzündetes Zahnfleisch laut einer Studie sprichwörtlich an die Nieren gehen. Die Erkenntnis, dass Parodontitis und anfänglich symptomlose Nierenerkrankungen sich möglicherweise gegenseitig bedingen, könnte die Früherkennung revolutionieren. FITBOOK erklärt die Hintergründe.
Zahnfleischbluten, das meist mit einer Parodontitis einhergeht, kann offenbar Auswirkungen haben, die weit über den Mundraum hinausreichen. Parodontitis ist eine chronische Entzündung, die bereits jetzt mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes in Verbindung gebracht wird. Forschern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zufolge besteht der Verdacht, dass zwischen Parodontitis und frühen Nierenschäden ein enger Zusammenhang bestehen könnte. Dies ist eine wichtige Forschungsfrage, da fast zehn Prozent der Bevölkerung gesundheitliche Probleme mit den Nieren haben, teils ohne es zu wissen. Lässt sich ihre drohende, mitunter lebenslange Leidensodyssee dank dieser neuen Erkenntnisse abmildern oder gar verhindern?
Studie mit über 6000 Erwachsenen
Die in der Fachzeitschrift „International Journal of Oral Science“ veröffentlichte Studie umfasste 6179 Teilnehmer der Hamburger Stadt-Gesundheitsstudie.1 Zu Beginn erhielten alle Probanden eine umfassende medizinische und zahnmedizinische Untersuchung. Dabei wurden folgende Gesundheitsdaten erfasst:
- Alter, Geschlecht, Bildungsstand
- Raucherstatus
- Alkoholkonsum
- Diabetes
- Bluthochdruck
- Fettstoffwechselstörungen
- Nierenfunktion
- Parodontitis nach Schweregrad bzw. Vorhandensein
Nierenfunktion und Entzündungsmarker
Was die Nierengesundheit betraf, betrachteten die Forscher zwei etablierte Marker. Einerseits die eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate), die angibt, wie gut die Nieren arbeiten. Zum anderen den uACR (Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin). Albumin ist ein Protein, das normalerweise kaum in den Urin gelangt. Steigende Werte sprechen für erste Schäden der Nierenfilter. Zusätzlich bestimmten die Forscher mit hsCRP und Interleukin-6 (IL-6) zwei Blutmarker für systemische Entzündungen. Somit ließ sich unter Berücksichtigung möglicher Störfaktoren ein recht genaues Bild davon abzeichnen, inwiefern Parodontitis und Nierenerkrankungen zusammenhängen. Und das lange bevor sich die Symptome nicht mehr ignorieren lassen.
Diese Zusammenhänge fanden Forscher zwischen Parodontitis und Nierenerkrankungen
Die Analyse ergab einen deutlichen Zusammenhang zwischen schlechter Parodontalgesundheit und abnehmender Nierenfunktion. Bei Menschen mit normaler Nierenfunktion hatten 14 Prozent eine schwere Parodontitis. Bei moderat eingeschränkter Nierenfunktion waren es bereits 36 Prozent. Die Häufigkeit hatte sich damit mehr als verdoppelt. Außerdem litten 39 Prozent der Personen mit stark erhöhten Albumin-Werten unter Parodontitis. Mit jeder Verschlechterung der Mundgesundheit sank auch die Nierenfunktion. Dies galt auch, nachdem Alter, Geschlecht, Diabetes und Rauchen berücksichtigt worden waren.
Welche Rolle spielten Entzündungen wirklich?
Die Forscher gingen zunächst davon aus, dass chronische Entzündungen den Zusammenhang vollständig erklären könnten. Tatsächlich erklärte der Entzündungsmarker hsCRP jedoch nur rund 35 Prozent des Zusammenhangs zwischen Parodontitis und einer eingeschränkten Nierenfunktion. Das spricht dafür, dass die Verbindung nicht allein auf Entzündungsprozesse zurückzuführen ist.
Daher gehen die Forscher davon aus, dass noch weitere Mechanismen beteiligt sind. So könnten beispielsweise Bakterien aus der Mundhöhle über den Blutkreislauf in die Nieren gelangen. Auch oxidativer Stress könnte eine Rolle spielen, indem er Blutgefäße und Nierengewebe schädigt. Dieser Effekt könnte sich insbesondere bei Diabetes und anderen Stoffwechselerkrankungen zusätzlich verstärken.
Symptome, die auf geschädigte Nieren hindeuten
Fataler Effekt von Erkrankungen der Mundhöhle auf das Schlaganfall-Risiko
Was Nierenleiden besonders tückisch macht
Da eine chronische Nierenerkrankung oft jahrelang keine Beschwerden verursacht, wird sie häufig erst entdeckt, wenn die Nieren bereits deutlich geschädigt sind. Umso wichtiger sind frühe Warnzeichen. Genau hier könnte die Mundgesundheit künftig eine größere Rolle spielen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Zustand des Zahnfleischs Hinweise auf eine beginnende Nierenschädigung geben könnte“, erklärt Studienautorin Prof. Dr. Ghazal Aarabi in einer Medienmitteilung.2
Sollten sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, könnte eine zahnärztliche Untersuchung künftig helfen, Menschen mit einem erhöhten Risiko für eine chronische Nierenerkrankung früher zu erkennen. Ebenso wollen Aarabi und ihr Team untersuchen, ob eine Behandlung der Parodontitis den Verlauf einer beginnenden Nierenerkrankung ausbremsen könnte.
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Stärken und Schwächen der Studie
Die Untersuchung liefert deutliche Hinweise darauf, dass Parodontitis bereits in frühen Stadien einer chronischen Nierenerkrankung auftreten kann. Dafür sprechen die hohe Teilnehmerzahl, die vielen Untersuchungen, modernste Messmethoden sowie die Analyse möglicher biologischer Mechanismen über Entzündungsmarker.
Dennoch sind keine Aussagen darüber möglich, ob eine Parodontitis die Nierenerkrankung verursacht oder umgekehrt. Da nur zu einem Zeitpunkt untersucht wurde, konnte nicht festgestellt werden, welche Erkrankung zuerst auftrat. Außerdem sind die Ergebnisse zunächst nur für Menschen im Raum Hamburg gültig. Ihre Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen, Städte, Länder etc. muss daher geprüft werden.