4. Oktober 2026, 8:41 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Viele Frauen betrachten es als gewöhnliche Begleiterscheinung des Älterwerdens, nachts häufiger aufstehen zu müssen, um die Toilette aufzusuchen. Der medizinische Fachbegriff für das wiederholte nächtliche Erwachen zum Wasserlassen lautet Nykturie. Sie kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Zugleich kann Nykturie ein Symptom verschiedener möglicher Ursachen sein. Bei zunehmendem oder regelmäßigem Auftreten sollte daher nach den zugrunde liegenden Ursachen gesucht werden. FITBOOK sprach mit einem Gynäkologen über das Thema.
Bei vielen jungen Frauen ist die Blase nicht unbedingt ein Organ, um das sie sich viele Gedanken machen. Dabei würde sich genau das oft lohnen. Es kann sich beispielsweise im Alter auszahlen, nicht jedem leichten Harndrang direkt nachzugehen, sprich ein wenig die Blase zu trainieren. Ebenso empfiehlt es sich, Kräftigungsübungen für den Beckenboden durchzuführen, um die Muskelplatte zu kräftigen, die die Blase stützt. Denn Schwangerschaften, Geburten, hormonelle Veränderungen und das Alter können die Blasenfunktion verändern. Und diese Veränderungen können Beschwerden wie Harndrang oder nächtliches Wasserlassen begünstigen.
Es gibt aber auch Auslöser einer Nykturie, die Frauen weniger einfach beeinflussen können. FITBOOK hat über das Thema mit dem Gynäkologen Dr. med. Christian Albring gesprochen.
Mögliche natürliche Gründe für nächtlichen Harndrang bei Frauen
Der Fachbegriff Nykturie beschreibt zunächst das nächtliche Aufwachen zum Wasserlassen. Das Symptom kann viele verschiedene Ursachen haben, und darunter sind einige harmlose. Nächtlicher Harndrang kann etwa durch ganz alltägliche und vorübergehende Umstände entstehen. Dazu gehören beispielsweise eine hohe Flüssigkeitszufuhr am Abend, viel Kaffee oder Tee sowie der Konsum von Alkohol.
In der Schwangerschaft ist Nykturie übrigens sehr häufig und meist harmlos. Hormonelle Veränderungen können die Nierentätigkeit und damit die Urinproduktion steigern. Gleichzeitig wird im Liegen vermehrt Flüssigkeit aus dem Gewebe in den Kreislauf zurückgeführt und über die Nieren ausgeschieden. Zusätzlich kann die wachsende Gebärmutter zunehmend Druck auf die Blase ausüben und dadurch bereits bei geringerer Füllung Harndrang auslösen.
Das Vorliegen einer Nykturie muss nicht bedeuten, dass gesundheitliche Probleme vorliegen. Kann sie aber.
Bei Männern kann mehrfacher nächtlicher Harndrang unter anderem ein nützlicher Hinweis auf eine vergrößerte Prostata sein. Dass das Organ mit fortschreitendem Alter an Größe zunimmt, ist an sich normal. Das Ausmaß der Nykturie kann in ihrem Fall eine erste Aussage darüber zulassen, wie dringlich eine Behandlung der Prostata wäre – medikamentös oder operativ. In diesem Beitrag, der allgemeine mögliche Ursachen für Nykturie (bei beiden Geschlechtern) behandelt, geht FITBOOK näher darauf ein.
Wie Dr. Albring FITBOOK erklärt, spielen bei einer Nykturie bei Frauen häufig mehrere Faktoren zusammen. Wir gehen einzeln darauf ein.
Überaktive Blase und Entzündungen
Eine neurologisch bedingt überaktive Blase kann dazu führen, dass bereits bei geringer Füllung ein starker Harndrang entsteht und die Blase häufiger entleert wird. Auch wiederkehrende Blaseninfektionen können die Blasenschleimhaut reizen und langfristig die Blasenfunktion verändern. Wie der Arzt erklärt, können solche Veränderungen zu einer verminderten Blasenkapazität und damit zu einer sogenannten Blasenspeicherstörung führen. Die Blase kann dann weniger Urin speichern, bevor erneut Harndrang entsteht. Auch altersbedingte Veränderungen und eine Schrumpfung der Blasenschleimhaut können dabei eine Rolle spielen.
Wenn die Blase im Alter schrumpft
„Mit zunehmendem Alter schrumpft die Blasenschleimhaut“, erklärt der Gynäkologe. Interessant: „Das gilt besonders dann, wenn wenig getrunken wird.“ Normalerweise betrage die Füllmenge der Blase mindestens 300 bis 400 Milliliter. Wenn Frauen jedoch sehr wenig Flüssigkeit zu sich nehmen, verkleinere sich die Blase, und somit auch das Füllvolumen. „Ist dieses reduzierte Volumen erreicht, muss die Frau zur Toilette.“
Das ist eine wichtige Information für Frauen. Denn Betroffene einer Nykturie könnten geneigt sein, ihre Trinkmenge zu reduzieren, in der Hoffnung, nachts nicht mehr so häufig raus zu müssen. Es bleibt wichtig, zwei bis drei Liter am Tag zu trinken, mahnt Dr. Albring. Aber: nicht am Abend.
Hohe Flüssigkeitszufuhr am Abend (bei Herzproblemen)
„Es ist grundsätzlich sehr wichtig, über den Tag verteilt ausreichend zu trinken, etwa zwei bis drei Liter Flüssigkeit täglich“, so der Arzt. Größere Trinkmengen sollten jedoch möglichst nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen aufgenommen werden, da die Flüssigkeit über die Nieren wieder ausgeschieden werden muss und dadurch das nächtliche Wasserlassen zunehmen kann.
Eine besondere Rolle spielt dabei die Flüssigkeitsverteilung im Körper. Während des Tages sammelt sich bei manchen Menschen, insbesondere bei eingeschränkter Herzleistung, vermehrt Flüssigkeit im Gewebe und in den Beinen an. Im Liegen wird diese Flüssigkeit wieder in den Blutkreislauf aufgenommen und anschließend über die Nieren ausgeschieden. Dadurch kann es gerade während der Nacht zu einer erhöhten Urinproduktion kommen. Menschen mit einer Herzschwäche, die zusätzlich am Abend größere Mengen trinken, können daher besonders häufig von einer Nykturie betroffen sein.
Körperliche Veränderungen durch Schwangerschaften
Im Zusammenhang mit möglichen Ursachen einer Nykturie weist Dr. Albring auf mögliche langfristige Folgen einer vaginalen Geburt hin. Er berichtet von einer Studie, deren Ergebnissen zufolge „sehr viele Frauen nach einer vaginalen Geburt, manchmal auch erst viele, viele Jahre später, an einer Blasenschwäche bis zur Senkung beziehungsweise einem Vorfall der Gebärmutter leiden“.1
Als mögliche Ursache beschreibt er Verletzungen des Beckenbodens während der Geburt. Dabei kann insbesondere der Musculus levator ani, ein wichtiger Muskel des Beckenbodens, verletzt oder eingerissen werden. Gleichzeitig können die Strukturen des Beckenbodens und der Vagina stark überdehnt werden. Dadurch kann sich die Position der Blase verändern und der Blasenausgangsmuskel in seiner Funktion beeinträchtigt werden.
Für die Frage nach Nykturie ist dabei vor allem relevant, dass solche Veränderungen die Funktion und die Speicherfähigkeit der Blase beeinflussen können. Eine veränderte Blasenfunktion kann dazu führen, dass Harndrang früher auftritt und die Blase häufiger entleert werden muss. Ob und in welchem Ausmaß eine solche Beckenbodenverletzung tatsächlich zur Nykturie beiträgt, lässt sich jedoch nicht allein aus dem Vorliegen einer Blasenschwäche ableiten.
Bedeutung der Nachsorge
Dr. Albring betont deshalb die Bedeutung einer sorgfältigen Untersuchung des Beckenbodens nach einer vaginalen Geburt. Seiner Einschätzung nach werden Verletzungen des Beckenbodens nicht immer unmittelbar erkannt. Eine ärztliche Untersuchung könne daher sinnvoll sein, um mögliche Verletzungen oder Senkungen festzustellen und gegebenenfalls über Maßnahmen zur Stabilisierung und Wiederherstellung des Beckenbodens zu sprechen.
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Östrogenmangel in den Wechseljahren
Eine weitere mögliche Ursache für Veränderungen der Blasenfunktion, die Nykturie bei Frauen begünstigen kann, ist laut Gynäkologe Albring der Östrogenmangel, der mit dem Eintritt in die Wechseljahre entsteht. „In dieser Lebensphase stellen die Eierstöcke zunehmend weniger Östrogen her, bis die körpereigene Östrogenproduktion schließlich stark zurückgeht.“ Der Östrogenmangel wirkt sich nicht nur auf die Fortpflanzungsorgane, sondern auch auf die Schleimhäute und das Gewebe im Bereich der Harnwege und der Vagina aus.
Die Blasenschleimhaut und die Scheidenschleimhaut können dünner und empfindlicher werden, erklärt der Experte. Auch die Elastizität und Funktion des Gewebes können sich verändern. Dadurch können Beschwerden wie (nächtlicher) Harndrang, häufiges Wasserlassen oder eine erhöhte Anfälligkeit für Harnwegsinfektionen begünstigt werden.
Was können Frauen dagegen tun? „In dem Fall ist eine Östrogenisierung sehr sinnvoll“, also eine medizinische Zufuhr des weiblichen Sexualhormons. Eine solche Behandlung muss jedoch individuell ärztlich beurteilt und mit den behandelnden Ärzten abgestimmt werden.
Weitere internistische Ursachen
Neben Veränderungen der Blase und des Beckenbodens können auch internistische Erkrankungen zu einer verstärkten nächtlichen Urinproduktion führen. Wie bereits beschrieben, gehört dazu beispielsweise eine Herzschwäche. Aber auch ein Diabetes mellitus und andere Erkrankungen können mit einer erhöhten nächtlichen Urinausscheidung verbunden sein.
Darüber hinaus können bestimmte Medikamente die Häufigkeit des nächtlichen Wasserlassens beeinflussen. Dazu gehören beispielsweise einige Medikamente, die zur Behandlung eines Bluthochdrucks eingesetzt werden und die Ausscheidung von Flüssigkeit über die Nieren fördern. Je nach Wirkstoff und Einnahmezeitpunkt kann dadurch die Urinmenge – auch während der Nacht – zunehmen.