9. September 2026, 17:51 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Es ist relativ normal, nachts zwischendurch einmal aufzuwachen und zur Toilette gehen zu müssen. Doch wenn die Blase sich während einer Schlafenszeit häufiger als einmal meldet, kann dahinter ein Symptom stecken, das medizinisch abgeklärt werden sollte: Nykturie. Nähere Informationen dazu bei FITBOOK.
Der medizinische Fachbegriff Nykturie steht für nächtliches Wasserlassen. Nach der Definition der International Continence Society besteht bereits dann eine Nykturie, wenn eine Person nachts einmal oder häufiger aufstehen muss, um Wasser zu lassen.1
Trotzdem bedeutet das nicht automatisch, dass eine Erkrankung vorliegen muss oder eine Behandlung notwendig ist. In der Praxis wird vor allem dann genauer hingesehen, wenn Betroffene regelmäßig mindestens zweimal pro Nacht aufstehen müssen und der nächtliche Harndrang den Schlaf oder die Lebensqualität beeinträchtigt.
Wenn Sie nachts müssen, ist das nicht automatisch ein Problem
Ein nächtlicher Toilettengang kann zunächst völlig natürliche Gründe haben. Wer beispielsweise kurz vor dem Zubettgehen größere Mengen Flüssigkeit zu sich nimmt, muss nachts entsprechend häufiger zur Toilette. Auch gibt es verschiedene Lebensstilfaktoren, die Einfluss nehmen können – beispielsweise wirken verschiedene Lebensmittel sowie der Konsum von Alkohol harttreibend. Nicht zuletzt unterscheidet sich das Fassungsvermögen der Blase von Mensch zu Mensch.
Mit zunehmendem Alter wird ein nächtlicher Toilettengang zudem häufiger und ist nicht zwangsläufig ein Zeichen für eine Erkrankung. Entscheidend ist deshalb weniger eine bestimmte Zahl als vielmehr die individuelle Situation und die Veränderung über die Zeit. Wenn Sie beispielsweise schon seit Jahren einmal pro Nacht aufstehen und gut damit zurechtkommen, besteht allein deshalb meist kein Grund zur Sorge. Anders sieht es aus, wenn sich das nächtliche Wasserlassen plötzlich deutlich verändert. Etwa wenn aus einem Toilettengang zwei oder drei werden oder der Harndrang den Schlaf regelmäßig unterbricht.
Mögliche Ursachen von Nykturie
An der Stelle sollte man noch einmal betonen, dass Nykturie keine Krankheit oder eigenständige Störung ist. Es handelt sich um ein Symptom, und dieses kann auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sein.
Erhöhte Urinproduktion
Wie viel Urin der Körper produziert, hängt vor allem davon ab, wie viel Flüssigkeit aufgenommen wird. Doch es gibt auch Fälle, in denen der Körper übermäßig viel Urin produziert. Medizinisch spricht man von Polyurie (FITBOOK geht in diesem Beitrag näher darauf ein), wenn die tägliche Urinmenge deutlich erhöht ist, typischerweise auf mehr als drei Liter innerhalb von 24 Stunden.
Bei der nächtlichen Polyurie produziert der Körper während der Nacht einen ungewöhnlich großen Anteil des täglichen Urins. Sie kann somit im Zusammenhang mit Nykturie stehen.
Probleme mit der Blase
Die Ursache kann aber auch in der Blase selbst liegen, wenn etwa eine Blasenspeicherstörung vorliegt.2 In dem Fall ist bei Betroffenen die Speicherkapazität der Blase verringert oder der Blasenmuskel überaktiv. Dann kann bereits eine relativ kleine Urinmenge einen starken Harndrang auslösen. Typischerweise müssen Betroffene dann häufiger zur Toilette, scheiden dabei aber nur kleine Mengen Urin aus. Doch daran ändert nichts, dass sie nachts wach werden, um Wasser zu lassen.
Weiterhin können Erkrankungen der unteren Harnwege für eine Nykturie eine Rolle spielen.
Wenn die Prostata die Blase belastet
Eine (gutartige) Vergrößerung der Prostata ist im Alter ein weitestgehend normaler Prozess, den FITBOOK in diesem Beitrag näher thematisiert. Bei manchen Männern führt das mit der Zeit jedoch zu Beschwerden. Die Prostata liegt direkt unterhalb der Harnblase und umschließt einen Teil der Harnröhre. Nimmt sie an Größe zu, kann sie den Harnfluss beeinträchtigen. Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder das Gefühl, trotz starken Harndrangs die Blase nicht richtig entleeren zu können, sollten deshalb ärztlich abgeklärt werden.
Nykturie laut Urologe „ein nützliches Zeichen“
Eine vergrößerte Prostata kann außerdem zu häufigerem, insbesondere nächtlichem Harndrang führen. Der Urologe Prof. Dr. med. Sigmund Pomer bezeichnet dies im Gespräch mit FITBOOK als ein „nützliches Zeichen“. *
Denn die Häufigkeit der nächtlichen Toilettengänge kann einen Hinweis darauf geben, wie ausgeprägt die durch die Prostata verursachten Beschwerden sind. Muss ein Mann beispielsweise mehr als viermal pro Nacht Wasser lassen, könne dies auf eine stärker ausgeprägte Prostatavergrößerung hindeuten und bei der Frage helfen, wie dringlich eine Behandlung ist.
Je nach Ausmaß der Beschwerden kommen unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten infrage. Zunächst können Medikamente eingesetzt werden, die den Reizzustand der Blase lindern beziehungsweise die Beschwerden beim Wasserlassen verbessern. Reichen diese nicht aus, kann bei einer ausgeprägten Prostatavergrößerung auch ein Eingriff infrage kommen, bei dem Prostatagewebe verkleinert oder entfernt wird, um den Harnfluss zu verbessern.
Auf diese Erkrankungen können Blasenbeschwerden hindeuten
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Viele weitere mögliche Ursachen
Es gibt verschiedene Erkrankungen und andere Faktoren, die mit Nykturie in Verbindung stehen können. Dazu gehören Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder eine Herzschwäche. Auch Nierenerkrankungen, Schlafapnoe und andere Schlafstörungen kommen als mögliche Ursachen infrage. Zudem können Flüssigkeitseinlagerungen in den Beinen oder bestimmte Medikamente, etwa harntreibende Mittel, eine Rolle spielen.
Nicht selten ist ein ADH-Mangel oder eine verminderte ADH-Ausschüttung die Ursache. ADH steht für antidiuretisches Hormon. Dieses sorgt dafür, dass die Nieren nachts weniger Wasser ausscheiden. Mit zunehmendem Alter schüttet der Körper nachts häufig weniger ADH aus. Aber auch bei jüngeren Menschen kann z. B. ein wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus die nächtliche ADH-Ausschüttung vorübergehend aus dem Takt bringen. Das kann zu einer vermehrten Urinproduktion in den Nachtstunden führen.3
Welche Ursache im Einzelfall hinter den Beschwerden steckt, lässt sich nur individuell ärztlich klären. Das kann auch dann sinnvoll sein, wenn der persönliche Leidensdruck zunächst gering erscheint.
Studien zeigen erhöhtes Sturzrisiko bei Nykturie
Auch wenn Nykturie selbst keine Krankheit ist, kann sie im Alltag zum Sicherheitsrisiko werden. Wer nachts mehrfach aufstehen muss, bewegt sich womöglich müde und bei Dunkelheit durch die Wohnung. Gerade bei älteren Menschen kann dadurch die Gefahr von Stürzen steigen.
Eine systematische Übersichtsarbeit von 2020 untersuchte den Zusammenhang zwischen Nykturie und Stürzen beziehungsweise Knochenbrüchen.4 Den Beobachtungen zufolge war Nykturie mit einem rund 20 Prozent höheren relativen Risiko für Stürze verbunden. Für Knochenbrüche ergab sich eine Risikoschätzung von etwa 32 Prozent. Die Aussagekraft war bei Frakturen allerdings geringer als bei Stürzen. Auch eine neuere Beobachtungsstudie bei älteren Menschen mit Hüftfrakturen fand einen Zusammenhang zwischen stärker ausgeprägter Nykturie und nächtlichen Stürzen.5
Wichtig: Aus den Daten lässt sich nicht ableiten, dass Nykturie die Stürze oder Knochenbrüche unmittelbar verursacht.
* Der beratende Urologe ist mit der Autorin des Artikels verwandt.