12. August 2025, 20:07 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Kann ein uraltes Ritual aus der indischen Kultur eine moderne Schlafstörung lindern? Eine neue klinische Studie hat genau das untersucht – mit überraschendem Ergebnis. Teilnehmer einer Studie mit Schlafapnoe profitierten nach nur sechs Monaten regelmäßigem Blasen einer Muscheltrompete, der sogenannten Shankh oder Conch, spürbar. Tagesmüdigkeit, Schlafqualität und Atemaussetzer besserten sich – und das ganz ohne Gerätetherapie.
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Blasen einer Muscheltrompete gegen Schlafapnoe – was die Forscher wissen wollten
Das obstruktive Schlafapnoesyndrom (OSAS) ist weltweit verbreitet, in Deutschland wird die Zahl der Betroffenen auf bis zu 14 Millionen geschätzt.1 OSAS führt durch wiederholte Atemaussetzer im Schlaf zu starker Tagesmüdigkeit, schlechter Schlafqualität und langfristig auch zu kardiovaskulären Risiken. Zwar ist die Therapie mit CPAP-Beatmung (Überdruckbeatmung) hochwirksam, wird aber von vielen Betroffenen nicht akzeptiert oder regelmäßig angewendet – vor allem bei leichter bis mittelgradiger Ausprägung der Erkrankung. Alternative Therapien wie Kieferschienen, Lagerungshilfen oder Operationen zeigen teils nur begrenzte Wirkung.
Es gibt Hinweise, dass gezieltes Training der oberen Atemwegsmuskulatur, etwa durch das Spielen von Blasinstrumenten oder spezielle Atemübungen, die Symptome von OSA lindern kann. Vor diesem Hintergrund wurde in Indien die Wirkung einer traditionellen Yogatechnik – das Blasen eines Shankh (einer spiralförmigen Muscheltrompete) – auf Schlafapnoe untersucht. Ziel war es, die Effekte dieser speziellen Atemübung auf Tagesschläfrigkeit, Schlafqualität und Atemaussetzer bei Menschen mit mittelgradigem OSAS zu untersuchen.
Schlafapnoe – Symptome und Ursachen
Wer Schlafapnoe hat, schnarcht. Dies kann sich mit einem auffällig trockenen Mund am Morgen bemerkbar machen. Aufgrund der Apnoe (übersetzt: „Nicht-Atmung“) hören die Betroffenen im Schlaf häufiger für jeweils bis zu zehn Sekunden auf, zu atmen. In dieser Zeit sind sie wach, ohne es bewusst wahrzunehmen. Zu den Symptomen einer Schlafapnoe kann deshalb auch Sekundenschlaf im Tagesverlauf zählen, weil sich Betroffene nachts nicht richtig erholen konnten. Viele von ihnen können sich z. B. bei der Arbeit nur schwer konzentrieren, oft haben sie Kopfschmerzen. Das erschöpfende Syndrom kann die Lebensqualität einschränken und neben z. B. dem Verlust der Libido verschiedene gesundheitliche Folgen haben. Schlafapnoe kann unbehandelt die Lebenserwartung um im Schnitt rund zehn Jahre senken.2
Die körperliche Ursache für Schlafapnoe bzw. Schnarchen ist eine Verengung des Rachenraums. Hierfür gibt es viele bekannte Risikofaktoren, etwa fortschreitendes Alter, denn mit den Jahren erschlaffen die Muskeln im Rachenraum immer mehr. Man geht weiterhin von genetischen Faktoren aus, denn oft gibt es in Familien mehrere Schlafapnoetiker. Die konkreten Faktoren sind jedoch noch nicht eingehend erforscht. Dem Befund können auch z. B. durchgemachte Schlaganfälle, neurodegenerative Erkrankungen oder entzündliche Hirnerkrankungen zugrunde liegen.3
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Muscheltrompete oder Atemübungen – so lief der direkte Vergleich
Die prospektive, randomisierte, kontrollierte Studie wurde am Eternal Heart Care Centre and Research Institute in Jaipur (Indien) durchgeführt.4 Insgesamt nahmen 38 Erwachsene mit neu diagnostiziertem, mittelgradigem Schlafapnoesyndrom daran teil. Die eine Hälfte praktizierte fünfmal pro Woche je 15 Minuten über sechs Monate Shankh-Blasen. Die restlichen 19 Studienteilnehmer praktizierten tiefe Atemübungen ohne Shankh im gleichen Rhythmus. Im Studienverlauf schieden acht Personen aus.
Das Blasen einer Muscheltrompete – ob als Conch oder Shankh – ist eine jahrtausendealte Praxis, die sowohl praktische als auch spirituelle Bedeutung hat. Die Technik benötigt etwas Übung und ähnelt dem Blasen in ein Blechblasinstrument (wie Trompete oder Posaune). Im Hinduismus gilt das Blasen eines Shankh als Ausruf göttlicher Präsenz. In anderen Kulturen wie Japan, Tibet oder Polynesien wird die Chonch als Rufhorn verwendet.
Ergebnis: Das haben 15 Minuten Training für 6 Monate mit der Muscheltrompete verändert
Die Ergebnisse zeigen eine signifikante Verbesserung in der Shankh-Gruppe. Die Verbesserungen wurden anhand von speziellen Skalen gemessen, die das Ausmaß der Schlafprobleme objektiv einschätzen sollen.
- Die Tagesschläfrigkeit, die mit der sogenannten Epworth Sleepiness Scale, kurz ESS, gemessen wird, sank von 14,6 auf 9,6 Punkte – und reduzierte sich somit um 34 Prozent. In der Kontrollgruppe, die tiefe Atemübungen praktizierte, betrug die Veränderung lediglich –0,31 Punkte.
- Auch die Schlafqualität, gemessen mit dem Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI) verbesserte sich mit Shankh-Blasen: Der PSQI-Wert sank um 1,8 Punkte. Die Kontrollgruppe zeigte eine leichte Verschlechterung.
- Auch die Anzahl der nächtlichen Atemaussetzer pro Stunde, der sogenannte Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI), verringerte sich in der Shankh-Gruppe signifikant um – 4,4 Ereignisse pro Stunde. In der Kontrollgruppe wurde hingegen ein Anstieg beobachtet. Besonders deutlich war die Reduktion in der REM-Schlafphase (–21,8 Prozent)
- Eine Verbesserung gab es auch bei der nächtlichen Sauerstoffsättigung
- Zuletzt: Die Studie zeigte eine signifikante Verringerung des Halsumfangs in der Shankh-Gruppe. Das weist darauf hin, dass sich durch das Training möglicherweise strukturelle Veränderungen im Bereich der oberen Atemwege vollzogen haben – ein Hinweis auf ein sogenanntes „Airway-Remodeling“.
Muscheltrompete-Blasen stärkt offenbar Muskulatur, die bei Schlafapnoe entscheidend ist
Beim Blasen eines Shankh muss mit gezieltem Druck und kontrollierter Atmung ausgeatmet werden. Dadurch werden insbesondere die Muskulatur im Mund- und Rachenbereich, Zunge und Gaumensegel sowie die Atemhilfsmuskulatur im Brust- und Halsbereich trainiert. Das regelmäßige Training führt laut den Studienautoren zu einer besseren Stabilität der oberen Atemwege, wodurch diese während des Schlafs weniger leicht kollabieren – ein Hauptmechanismus beim obstruktiven Schlafapnoesyndrom.
Durch die gestärkte Muskulatur wird der Rachenraum widerstandsfähiger gegen das Zusammenfallen während des Schlafs – insbesondere in den kritischen REM-Schlafphasen, in denen viele Atemaussetzer auftreten. Dies könnte die deutliche Reduktion des Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) erklären. Die Atemtechnik beim Shankh-Blasen beinhaltet tiefes Einatmen und kraftvolles, kontrolliertes Ausatmen. Dadurch wird nicht nur die Lunge besser belüftet, sondern auch die Atemmuster stabilisiert. Das kann sich positiv auf die nächtliche Atmung auswirken. Die verbesserte Sauerstoffsättigung spricht dafür, dass die Atmung insgesamt effizienter wurde – wahrscheinlich durch weniger Atemaussetzer und bessere Atemtiefe.
Welche Bedeutung haben die Ergebnisse?
Die Studie zeigt erstmals, dass das regelmäßige Blasen eines Shankh eine wirksame nicht-medikamentöse Therapieoption bei mittelgradigem obstruktiven Schlafapnoesyndrom darstellen kann. Die klinisch signifikanten Verbesserungen in Tagesmüdigkeit, Schlafqualität und Atemaussetzern deuten darauf hin, dass man durch gezieltes Atemmuskeltraining – ähnlich wie bei Instrumenten wie dem Didgeridoo – eine funktionelle Stabilisierung der oberen Atemwege erreichen kann.
Gerade für Menschen, die CPAP nicht vertragen oder bei denen die Symptome nicht schwer genug für eine apparative Therapie sind, bietet diese Methode eine einfache, kostengünstige und kulturell verwurzelte Alternative. Zudem war die Adhärenz hoch, die Durchführung nebenwirkungsarm, und die Technik gut erlernbar. Auch Veränderungen in Körpermaßen – etwa eine Verringerung des Halsumfangs – deuten auf mögliche strukturelle Anpassungen hin.
Angesichts der zentralen Rolle von Atemaussetzern in der REM-Schlafphase für das Risiko kardiovaskulärer Komplikationen könnten die hier gezeigten Effekte auch über die Symptomlinderung hinaus gesundheitlich bedeutsam sein.
Wie sich hohe Temperaturen nachts auf Schlafapnoe auswirken
Dieser Faktor wirkt sich bei Menschen über 45 negativ auf die Psyche aus
Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Diese Studie stellt einen innovativen Beitrag zur nicht-invasiven OSAS-Therapie dar. Die Verwendung eines traditionellen Instruments zur Atemmuskelkräftigung ist einzigartig und wurde methodisch sorgfältig umgesetzt. Die randomisierte kontrollierte Struktur, die Verwendung validierter Messinstrumente sowie die objektive Polysomnografie stärken die Aussagekraft.
Dennoch gibt es Einschränkungen: Es handelte sich um eine offene Studie, wodurch ein gewisser Einfluss von Erwartungen nicht ausgeschlossen werden kann. Zudem war der Stichprobenumfang klein und es wurde lediglich ein Zentrum in Indien einbezogen. Die Ergebnisse sind daher als richtungsweisend, aber bisher nicht generalisierbar zu verstehen. Auch wurden mögliche Einflussfaktoren wie körperliche Aktivität außerhalb der Intervention nicht systematisch erfasst.
Fazit
Die vorliegende Studie zeigt, dass das Blasen einer traditionellen Shankh-Muschel über sechs Monate bei Personen mit mittelgradiger Schlafapnoe zu deutlichen Verbesserungen in Schläfrigkeit, Schlafqualität und Atemaussetzern führt. Die Methode ist einfach, kulturell akzeptiert und könnte besonders für Menschen ohne Zugang oder Akzeptanz für CPAP eine interessante Behandlungsoption darstellen. Weitere größere Studien sind notwendig, um die Erkenntnisse zu bestätigen und die zugrunde liegenden Mechanismen besser zu verstehen.