20. August 2026, 20:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Melatonin kennen viele als Supplement, das beim Einschlafen helfen soll. Für den Schmerzmediziner Stefan Wirz ist es mehr als das: Er setzt Melatonin erfolgreich bei Patienten ein, die schwer unter chronischen Schmerzen leiden und bisher keine Alternative zu schweren Tabletten sahen.
Es geht um Patienten, die vor Schmerzen nicht schlafen
Wer unter chronischen Schmerzen leidet, fürchtet oft die Dunkelheit. Sobald es im Schlafzimmer still wird, beginnt das Gedankenkarussell und der Körper findet keine Ruhe. Doch die Schlaflosigkeit ist weit mehr als eine lästige Begleiterscheinung – sie wirkt wie ein Brandbeschleuniger für das Leiden.
Der Schmerzmediziner Prof. Dr. Stefan Wirz, Chefarzt am Cura Krankenhaus Bad Honnef, beobachtet das täglich in seinem Klinikalltag: „Schlaflosigkeit verstärkt den Schmerz massiv“, erklärt er im Gespräch mit FITBOOK. Patienten, die vor Schmerzen nicht schlafen können und am nächsten Morgen gerädert aufwachen. Der Körper befinde sich in einem Zustand von Dauerstress, der die Schmerzschwelle drastisch senke, so der Facharzt für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Schmerztherapie und Palliativmedizin.
Er bezieht sich dabei auf eine faszinierende Untersuchung der Schmerzforscherin Emma Hertel. Sie konnte in einer klinischen Studie zeigen, dass das Schmerzempfinden drastisch nach oben schnellt bei Probanden, die eine Nacht lang nicht schliefen.1 Was dabei biologisch passiert, haben Wissenschaftler kürzlich im Tiermodell entschlüsselt: Im Hirn von Mäusen identifizierten sie einen ‚Schmerz-Schaltkreis‘, der Schmerz bei Schlafmangel sozusagen ‚auf laut‘ stellt.2
Melatonin für viele Patienten ein neuer Hoffnungsschimmer
Eine echte Perspektive, um aus diesem zermürbenden Kreislauf auszubrechen, bietet ein Botenstoff, den die meisten lediglich als frei verkäufliches Supplement kennen, um einen Jetlag zu vermeiden: Melatonin. Für Prof. Wirz ist das Hormon jedoch weit mehr als eine bloße Einschlafhilfe. Er setzt es gezielt als ‚supportiven Baustein‘ bei schwer leidenden chronischen Patienten ein.
Dabei handelt es sich um Menschen, deren Alltag etwa durch Nervenschmerzen (Neuropathien), die Folgen eines Bandscheibenvorfalls oder diabetesbedingte Nervenschäden (Polyneuropathie) massiv eingeschränkt ist. Für sie ist das Leben oft kein Gestalten mehr, sondern ein reiner Erschöpfungszustand. Prof. Wirz bringt es drastisch auf den Punkt: Wenn diese Patienten nachts keine Erholung finden, sind sie am nächsten Morgen nur noch damit beschäftigt, „dass sie den Tag irgendwie überleben“. Ein aktives Vorgehen gegen die Schmerzen ist in diesem Zustand der totalen Erschöpfung kaum möglich.
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Wirkung auf 3 Ebenen
Das Melatonin wirke auf gleich drei Ebenen, erklärt Wirz: Der entscheidende Hebel für chronische Schmerzpatienten sei die Regulierung der Nachtruhe, erklärt der Mediziner. „Chronische Schmerzen versetzen den Körper in Dauerstress, was die Schmerzschwelle senkt. Melatonin hilft, diesen Mechanismus zu unterbrechen.“ Erst wenn der Patient nachts zur Ruhe komme, habe er die Energie, um tagsüber aktiv an seiner Genesung durch Physiotherapie oder Training zu arbeiten, erklärt er. Der Schmerzmediziner beobachtet, dass bei seinen Patienten eine gewisse Erholung einsetzt durch das Melatonin.
Aber auch über die bloße Schlafförderung hinaus habe das Melatonin eine Wirkung: „Melatonin kann den Schmerz direkt leicht verringern, indem es in die internen Prozesse der Nervenzellen eingreift“, erklärt Wirz. Innerhalb der Nervenzellen gibt es Botenstoffe, die normalerweise für eine erhöhte Nervenaktivität sorgen. Melatonin bremse diese Aktivität sanft aus und verringert so die Weiterleitung von Schmerzreizen. Drittens besitzt es eine anti-entzündliche Komponente, die den körpereigenen Schmerzhemm-Systemen unter die Arme greift. Es verstärkt offenbar die Wirkung jener Stoffe, die unser Körper ohnehin produziert, um Schmerzen zu lindern. Auch das wirke – indirekt – der Schmerzverstärkung entgegen.
Ein großer Vorteil gegenüber Ibuprofen und Aspirin
Um bei seinen chronischen Schmerzpatienten einen Effekt zu erzielen, beginnt Wirz in der stationären Therapie mit einer Dosis von vier Milligramm. Je nach Wirkung wird schrittweise auf acht bis zehn Milligramm gesteigert. Seiner Erfahrung nach bringen Dosen über zehn Milligramm oft keine zusätzliche Verbesserung.
Der größte Vorteil gegenüber klassischen Schmerzmitteln wie Ibuprofen, Aspirin oder Voltaren liegt in der Sicherheit: Stefan Wirz hatte schon oft Patienten in Behandlung, die jahrelang mehrere Schmerztabletten täglich geschluckt haben. Während diese bei langfristiger Anwendung Magen, Herz und Nieren schwer schädigen können, ist Melatonin für die inneren Organe unbedenklich und macht zudem nicht abhängig.
Melatonin senkte in Studie Ibuprofen-Verbrauch bei Arthrose und Rückenschmerzen
Eine neue Metaanalyse, für die insgesamt 23 klinische Studien mit über 2000 Teilnehmern ausgewertet wurden, zeigt diesen Nutzen eindrucksvoll: Bei Menschen mit Rückenschmerzen, Arthrose und Fibromyalgie konnte die Gabe von Melatonin den Ibuprofen-Verbrauch signifikant senken. Ohne, dass die Schmerzlinderung darunter litt.3 Die Autoren der Analyse weisen allerdings darauf hin, dass die Schmerzreduktion klinisch oft nicht relevant war. Für eine finale Empfehlung braucht es mehr Forschung.
Wirz jedenfalls sieht im Klinikalltag, wie Melatonin den Patienten hilft. Diese seien häufig erst durch den verbesserten Schlaf wieder in der Lage, aktiv an ihrer Genesung zu arbeiten. „Wenn jemand gerädert ist, dann wird er gar nichts gegen seine chronischen Schmerzen unternehmen können […] Aber wenn er geschlafen hat und sich erholt fühlt, dann kann Melatonin ein super Baustein für ihn sein.“
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Einsparpotenzial bei Opioiden
Melatonin kann laut Wirz auch dabei helfen, die Dosis von starken Schmerzmitteln zu senken. „Wenn man Melatonin ergänzt, braucht man unter Umständen weniger Opioide, da sich die Effekte gegenseitig unterstützen kann“, erklärt der Experte. Er schildert den Fall eines Patienten, der nach jahrelanger Einnahme von Diclofenac auf ein Opioid umgestellt wurde. Durch Melatonin-Gabe habe die Opioid-Dosis verringert werden können. Vorsichtig müsse man etwa bei Pregabalin oder Gabapentin sein, die gegen Nervenschmerzen oder Angststörungen (Pregabalin) eingesetzt werden: Melatonin könne die Wirkung dieser Schmerzmittel unterstützen.
Kein Schmerzstopper z. B. bei akuten Kopfschmerzen
Der Mediziner betont, dass Melatonin einen leicht schmerzmodulierenden Effekt hat, jedoch kein „richtiger Schmerzstopper“ sei. Melatonin tauge nicht als Schmerzmittelersatz, sondern zur Unterstützung bei der Schmerztherapie, so Wirz. „Es ist eine Substanz, die man mitberücksichtigen sollte, finde ich.“ Bei alltäglichen Beschwerden, etwa gelegentlichen Kopfschmerzen, sei es nicht das Richtige.
Bei Spannungskopfschmerzen bspw. hilft Paracetamol. Geht es um Zahnschmerzen, Migräne oder rheumatische Beschwerden, ist Ibuprofen oft die wirksamere Wahl. Wichtig: Sowohl Ibuprofen als auch Paracetamol sollten ohne ärztlichen Rat maximal eine Woche eingenommen werden.