5. November 2025, 20:00 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Melatonin gilt als natürliche Einschlafhilfe: sicher, rezeptfrei, unkompliziert. Doch eine neue großangelegte Studie wirft Zweifel an dieser Annahme auf. Erstmals wurde untersucht, wie sich die langfristige Einnahme auf die Herzgesundheit auswirken könnte. Die Ergebnisse werfen Fragen auf – insbesondere für Menschen, die regelmäßig zu Melatonin greifen.
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Schlafprobleme sind verbreitet – doch wie gefährlich ist die dauerhafte Einnahme von Melatonin?
Melatonin wird häufig bei Schlafproblemen eingesetzt – in vielen Ländern rezeptfrei. In den USA ist es eines der beliebtesten Nahrungsergänzungsmittel gegen Schlafstörungen. Doch obwohl Melatonin seit Jahren auf dem Markt ist, fehlen bisher verlässliche Daten über mögliche langfristige Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System.
Diese Unsicherheit nahmen sich Forscher zum Anlass, mögliche Zusammenhänge zwischen dem Langzeitgebrauch von Melatonin und dem Risiko für Herzschwäche (Herzinsuffizienz) zu untersuchen – insbesondere bei Menschen mit chronischer Schlaflosigkeit. Denn laut der American Heart Association (AHA) betrifft Herzschwäche bereits 6,7 Millionen Erwachsene in den USA und zählt zu den häufigsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen.1
Dabei zeigte sich ein auffälliger Zusammenhang: Personen mit langfristiger Melatonineinnahme hatten in mehreren Auswertungen ein klar erhöhtes Risiko für Herzprobleme. Die Ergebnisse wurden auf der diesjährigen Jahrestagung der AHA vorgestellt.
Über 130.000 Datensätze ausgewertet – zwei Gruppen im Vergleich
Die Untersuchung basiert auf Daten aus dem TriNetX Global Research Network, einer internationalen Datenbank mit elektronischen Gesundheitsakten. Insgesamt wurden die Gesundheitsdaten von 130.828 Erwachsenen mit chronischer Schlaflosigkeit über einen Zeitraum von 5 Jahren ausgewertet. Das Durchschnittsalter lag bei 55,7 Jahren, 61,4 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen.
Die Probanden wurden in zwei Gruppen eingeteilt:
- Melatonin-Gruppe: Personen, die Melatonin über mindestens 12 Monate eingenommen hatten.
- Kontrollgruppe: Personen mit Schlafstörungen, bei denen jedoch kein Melatonin in den Gesundheitsakten verzeichnet war.
Wichtig: Personen mit einer bereits bestehenden Herzschwäche oder mit Verschreibungen anderer Schlafmittel wie Benzodiazepinen wurden ausgeschlossen. Beide Gruppen wurden auf 40 verschiedene Faktoren abgeglichen – darunter Alter, Geschlecht, BMI, Vorerkrankungen und Medikamente –, um eine möglichst gute Vergleichsbasis zu schaffen.
Zur Absicherung der Ergebnisse führten die Forscher zusätzlich eine sogenannte Sensitivitätsanalyse durch. Dabei prüften sie, ob sich die Resultate auch dann bestätigen, wenn sie in der Melatonin-Gruppe nur Personen berücksichtigten, die mindestens zwei Melatonin-Verschreibungen mit einem Abstand von 90 Tagen erhalten hatten.
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Deutlich erhöhtes Risiko: Herzschwäche, Klinikeinweisungen und Todesfälle häufiger bei Melatonin-Nutzern
Die Ergebnisse der Studie fallen deutlich aus – und wirken aus medizinischer Sicht alarmierend. Menschen mit chronischer Schlaflosigkeit, die Melatonin mindestens 12 Monate lang einnahmen, hatten ein um 90 Prozent höheres Risiko, innerhalb von fünf Jahren eine Herzschwäche zu entwickeln. In der Melatonin-Gruppe waren 4,6 Prozent betroffen, in der Kontrollgruppe dagegen nur 2,7 Prozent.
Auch eine ergänzende Auswertung mit strengeren Kriterien bestätigte den Zusammenhang. Die Forscher betrachteten dabei nur Personen, die mindestens zwei Melatonin-Verschreibungen im Abstand von 90 Tagen erhalten hatten. Selbst in dieser Gruppe war das Risiko noch um 82 Prozent erhöht.
Zusätzliche Risiken: Klinikaufenthalte und Sterblichkeit
Weitere Ergebnisse zeigten ebenfalls große Unterschiede: 19,0 Prozent der Melatonin-Nutzer mussten wegen Herzschwäche ins Krankenhaus. Verglichen mit nur 6,6 Prozent in der Kontrollgruppe. Das bedeutet ein mehr als 3,5-fach erhöhtes Risiko für eine Klinikeinweisung.
Auch die Sterblichkeit war deutlich höher. In der Melatonin-Gruppe starben 7,8 Prozent der Teilnehmenden während des Beobachtungszeitraums, in der Kontrollgruppe waren es nur 4,3 Prozent. Das Risiko, in diesem Zeitraum zu versterben, war damit fast doppelt so hoch.
Die Forscher überprüften zudem, ob andere Faktoren wie Vorerkrankungen oder demografische Merkmale die Ergebnisse erklären könnten. Doch selbst nach dieser Anpassung blieben die Unterschiede bestehen. Das spricht dafür, dass Melatonin selbst möglicherweise zur Entstehung von Herzproblemen beiträgt – auch wenn die Studie keine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung belegen kann.
Was bedeuten die Ergebnisse?
Die Ergebnisse stellen ein verbreitetes Gesundheitsverständnis infrage: Melatonin wird gemeinhin als natürliche, harmlose Einschlafhilfe angesehen. Doch diese Annahme könnte laut den Studienautoren trügerisch sein. Besonders auffällig war, wie konsistent und deutlich die Risiken über verschiedene Analyseformen hinweg erhöht waren. Das betrifft nicht nur die Entwicklung einer Herzschwäche, sondern auch die Sterblichkeit und Krankenhausaufenthalte.
Unkontrollierte Anwendung und mögliche Verzerrung der Datenlage
Melatonin wird in vielen Ländern – darunter die USA – ohne ärztliche Kontrolle konsumiert, was zu einem unkontrollierten und teils jahrelangen Gebrauch führen kann. In anderen Ländern wie Großbritannien ist Melatonin dagegen verschreibungspflichtig. Laut den Autoren können die unterschiedlichen Regelungen die Daten verzerren, weil viele Langzeitnutzer in den USA nicht als Melatonin-Anwender erfasst wurden.
Auch wenn die Studie keinen direkten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang beweist, sind die Erkenntnisse ein deutlicher Hinweis auf einen potenziell riskanten Langzeitgebrauch. Sie unterstreichen die Notwendigkeit, Melatonin – trotz seines „natürlichen“ Ursprungs – kritischer zu betrachten, vor allem bei längerfristiger Anwendung.
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Einschränkungen der Studie
Die Studie liefert erste aussagekräftige Hinweise auf gesundheitliche Risiken durch langfristige Melatonineinnahme – doch sie hat auch klare Limitationen:
Keine Kausalität nachgewiesen
Die Beobachtungsstudie zeigt Zusammenhänge, beweist aber nicht, dass Melatonin die Ursache der Risiken ist.
Fehlende Informationen zu rezeptfreier Nutzung
In Ländern wie den USA ist Melatonin rezeptfrei erhältlich – also ohne ärztliche Verordnung. Man spricht dabei von sogenannter „Over-the-Counter“-Nutzung (kurz: OTC, englisch für „über den Ladentisch“). Wer Melatonin auf eigene Faust kauft und einnimmt, taucht jedoch nicht in der Patientenakte auf. Die Studie berücksichtigte nur dokumentierte Einnahmen. Dadurch ordneten die Autoren viele tatsächliche Nutzer vermutlich der Nicht-Nutzer-Gruppe zu – und unterschätzten so das Risiko in der Auswertung.
Unbekannter Schweregrad der Schlafstörungen
Womöglich hatten Personen, die Melatonin einnahmen, schwerwiegendere Schlafprobleme oder psychische Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Beides kann das Risiko für Herzprobleme ebenfalls erhöhen.
Nicht peer-reviewed
Die Ergebnisse stammen aus einem Forschungsabstract, das im Rahmen der American Heart Association Scientific Sessions 2025 vorgestellt wurde. Eine vollständige Veröffentlichung in einem wissenschaftlich begutachteten Fachjournal steht noch aus.
Trotz dieser Einschränkungen ist die Datenbasis solide. Die große Fallzahl, die ausgewogene Gruppenzusammenstellung und die Sensitivitätsanalyse stärken die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse.
Fazit
Melatonin wird oft als sichere Einschlafhilfe angesehen – doch diese neue Studie zeigt deutliche Zusammenhänge zwischen langfristiger Einnahme und erhöhtem Risiko für Herzschwäche, Krankenhausaufenthalte und Tod. Auch wenn kein ursächlicher Zusammenhang bewiesen wurde, liefern die Ergebnisse wichtige Hinweise auf mögliche Gesundheitsrisiken. Menschen mit Schlafproblemen sollten Melatonin daher nicht leichtfertig oder über längere Zeiträume ohne ärztliche Begleitung einnehmen. Weitere Forschung ist dringend notwendig, um die kardiovaskuläre Sicherheit von Melatonin zu klären.