27. August 2025, 20:06 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wer sportlich überdurchschnittlich aktiv ist, gilt als Mensch mit einer sehr gesunden Lebensweise. Fünf Stunden Bewegung pro Woche können nachweislich dazu beitragen, Krebs zu vermeiden.1 Eine neue Studie wirft jedoch Fragen auf: Haben Ultra- und Marathonläufer ein erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken?
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Auf der Tagung der American Society of Clinical Oncology 2025 berichteten Forscher des Inova Schar Cancer Institute in Fairfax (US-Staat Virginia), dass eine überraschend hohe Anzahl engagierter Ultra- und Marathonläufer Schleimhautwucherungen im Dickdarm haben. Einige dieser Polypen hatten ein hohes Entartungspotenzial: Von 100 Athleten im Alter von 35 bis 50 Jahren hatten 15 fortgeschrittene Darmpolypen. Diese können sich im Laufe der Zeit bösartig verändern und zu Darmkrebs entwickeln. 39 Läufer wiesen mindestens eine Schleimhautwucherung auf.2
Mindestens 5 Marathons oder 2 Ultras – so wurde untersucht
Die Studie, an der 55 Frauen und 45 Männer teilnahmen und die zwischen Oktober 2022 und Dezember 2024 durchgeführt wurde, ist mit 100 Teilnehmern klein. Sie wurde auch noch nicht von Experten begutachtet. Doch dürfte das von ihr ausgehende Signal unter Langstreckenläufern stark sein. Ganz besonders unter jenen, die an Marathons oder Ultraläufen teilnehmen.
Voraussetzung zur Studienteilnahme: Alle per Darmspiegelung (Koloskopie) untersuchten Läufer hatten in ihrer Vergangenheit an entweder an mindestens fünf registrierten Marathons oder zwei Ultramarathons über 50 Kilometer Länge teilgenommen.
Ausgeschlossen von der Studienteilnahme wurden Läufer mit erblichen Risikofaktoren wie Lynch-Syndrom oder familiärer adenomatöser Polyposis sowie Personen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.
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Wucherungen der Darmschleimhaut bei 40 von 100 Ultra- und Marathonläufern
Die medizinisch gesicherten Koloskopie-Befunde zeigen, dass 39 der 100 untersuchten Ultra- und Marathonläufer mindestens einen Darmpolypen hatten. Polypen im Darm sind gutartige Wucherungen der Darmschleimhaut. Sie entstehen meist unbemerkt und verursachen in der Regel keine Beschwerden – doch sie können sich im Laufe der Zeit bösartig verändern.
15 Ultra- und Marathonläufer hatten Vorstufen von Darmkrebs
Bei 15 Personen wurden fortgeschrittene Darmpolypen diagnostiziert, sogenannte Adenone. Diese haben ein hohes Entartungspotenzial: Sie gelten als klare Krebsvorstufen, das heißt, sie erhöhen das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Die Verteilung der fortgeschrittenen Adenome betraf sowohl Ultra- als auch Marathonläufer – jedoch fanden sich auffällig viele Betroffene unter den besonders intensiven Ultraläufern, z. B. bei jenen, deren Laufhistorie mehr als 15 absolvierte Ultramarathons beinhaltete.
Was sind mögliche Gründe für diese Diagnosen?
Dass Adenone, also klare Vorstufen für Darmkrebs, in dieser Häufigkeit bei einer vermeintlich gesunden, sportlichen Population wie regelmäßige Marathonläufer auftreten, ist bemerkenswert und erfordert weitere Forschung. Die möglichen biologischen Mechanismen sind bisher nicht geklärt – denkbar ist ein Zusammenhang mit der besonderen Darmbelastung, die das Trainingsvolumen mit sich bringen kann. So könnten bei langen Ausdauerbelastungen wiederholte Durchblutungsstörung im Darm vorkommen (sogenannte ischämische Episoden). Ob dies aber tatsächlich zur Entstehung präkanzeröser Veränderungen beiträgt, bleibt offen.
Darmkrebs lässt sich in fast allen Fällen vermeiden – und so geht’s
Screening, Diagnose und die Stadien von Darmkrebs
Einordnung der Ergebnisse
Jahrzehntelange Belege zeigen, dass regelmäßige Bewegung das Krebsrisiko, einschließlich Darmkrebs, senkt und die Prognose nach einer Krebsdiagnose verbessert. Diese Studie widerlegt diese wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht. Sie legt vielmehr nahe, dass eine kleine Gruppe extremer Ausdauersportler (Marathonläufer, Ultraläufer) ein potenziell erhöhtes Risiko für fortgeschrittene Darmpolypen haben könnte.
Die Studie kann erschreckend wirken, weil diese Menschen bislang nicht zu klassischen Risikogruppen zählten. Ein Blick auf die Bevölkerung in Deutschland zeigt, dass nur etwa zehn Prozent der Darmkrebserkrankungen vor dem 55. Lebensjahr auftreten. Mehr als die Hälfte der Patienten erkrankt erst jenseits des 70. Lebensjahres.3 Bei Darmkrebs in jüngeren Jahren zeigen Studien bislang eher, dass Ernährung und Körpergewicht eine bedeutende Rolle bei der Entstehung spielen (FITBOOK berichtete).
Keine Panik – Darmkrebs lässt sich in fast allen Fällen vermeiden
Marathonläufer und Ultraläufer sollten nun dennoch auf keinen Fall in Panik geraten. Darmkrebs lässt sich, so klar sagte es der Onkologe Dr. Rainer Lipp zu FITBOOK einmal, in fast allen Fällen vermeiden. Bedingung: Die Vorstufen davon werden im Rahmen einer Vorsorge-Koloskopie entfernt.
Das ist eine gute Nachricht. Zählt Darmkrebs doch zu den ganz wenigen Krebsarten, deren Vorstufen – die Polypen – die Vorsorge nahezu vollständig beseitigt. „Indem ich die Vorstufen erkenne und entferne, kann ich das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, maximal reduzieren“, erklärt der Onkologe Dr. Rainer Lipp FITBOOK in diesem Artikel, dem Sie auch eine detaillierte Vorsorgeempfehlung entnehmen können.
Es bringt nichts, sich auf der „sicheren“ Seite zu wähnen
„Diese Studie zeigt für mich vor allem eines: Darmkrebsvorsorge ist nicht nur ein Thema für Bewegungsmuffel, sondern genauso für Hochleistungsaktive, die sich gesundheitlich vielleicht häufig auf der „sicheren“ Seite wähnen. Wer viel trainiert und auf seinen Körper vertraut, neigt vielleicht dazu, Warnsignale wie Verdauungsprobleme vorschnell als Folge von Ernährung oder Belastung abzutun. Genau das kann aber ein Fehler sein. Veränderungen wie anhaltende Verstopfung oder Durchfall, Blut im Stuhl oder eine auffällige Farbveränderung können frühe Hinweise auf Darmkrebs sein. Sie sollten ärztlich abgeklärt werden. Spannend wird für mich sein, welche Erkenntnisse die Forscher noch aus den Angaben der 100 Studienteilnehmer zu deren Ernährung und Verdauung ziehen. Die entsprechenden Daten sollen zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werden.“
Marathon- und Ultraläufer könnten früher oder häufiger zur Darmspiegelung
Was heißt das für Marathonläufer und andere sehr aktive Langstreckenläufer? Wer intensiv Ausdauerläufe betreibt, bei dem könnte ein angepasstes Vorsorgekonzept – etwa eine frühere oder häufigere Darmspiegelung – sinnvoll sein. „Lässt man die Polypen alle zehn Jahre aus dem Darm entfernen (vorausgesetzt natürlich, man hat dort welche), hat man große Chancen, dass sich aus den Polypen kein Darmkrebs entwickelt“, äußert sich Lipp in oben erwähntem Text.