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Hannah Samira Schmidt

„Was Longevity für mich als Biomedizinerin wirklich bedeutet“

Für Biomedizinerin Hannah Samira Schmidt hat Longevity viel mit Verbindung zu tun
Longevity braucht Verbindung – Hannah Samira Schmidt erklärt, was sie damit meint. Foto: Getty Images, Alberto Granzotto granzottophoto; Collage: FITBOOK
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Biomedizinierin Hannah Samira Schmidt
Hannah Samira Schmidt, Biomedizinerin Biomedizinerin (M.Sc.) und Expertin für Psychoneuroimmunologie

15. Dezember 2025, 9:19 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten

Wenn wir über Longevity sprechen, tauchen immer dieselben Empfehlungen auf:Ernährung optimieren, Muskeln aufbauen, besser schlafen, Stress reduzieren, sozialeKontakte pflegen. Alles wichtig, aber aus meiner Sicht greift das zu kurz. Longevityentsteht nicht nur durch Zelloptimierung, sondern im Zusammenspiel von Systemen. Bei FITBOOK erkläre ich, warum ich als Biomedizinerin beim Thema Longevity einen anderen Fokus setze als viele andere – nämlich auf Verbindung. Erfahren Sie im Folgenden, was ich damit genau meine.

Gesund altern heißt, in Verbindung zu bleiben

Longevity ist ein Systemphänomen. Ich arbeite seit Jahren mit der Psychoneuroimmunologie, also den Wechselwirkungen zwischen Psyche, Nervensystem, Immunsystem und Umwelt. Gedanken, Emotionen, Stress, Beziehungen und Umweltreize beeinflussen die Aktivität des Immunsystems und damit Entzündung und Alterungsprozesse. Wir altern also nicht nur durch körperliche Faktoren, sondern auch durch die Qualität unserer inneren und äußeren Verbindung.

Verbindung beginnt im Körper

Der Darm ist eines der zentralen Kommunikationsorgane. Über das Mikrobiom, Immunbotenstoffe und die Darm-Hirn-Achse werden ständig Informationen verarbeitet. Wenn diese Kommunikation gestört ist – durch Dysbiose oder Barriereprobleme –, reagiert das System mit Entzündung.

Auch zwischen Nerven- und Immunsystem braucht es klare Signale: „Was ist gefährlich? Was nicht?“ Fehlt diese Kommunikation, kommt es zu Über- oder Fehlreaktionen – stille Entzündungen, Erschöpfungszustände oder Autoimmunmechanismen.

Gesund altern bedeutet: Unsere Systeme müssen miteinander sprechen können.

Die Verbindung zu uns selbst

Ein Bereich, der selten angesprochen wird, ist die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Interozeption – die Fähigkeit, innere Signale wahrzunehmen – ist ein zentraler Faktor für Selbstregulation. Wenn wir diese Signale übergehen, arbeitet der Körper dauerhaft gegen seine Grenzen. Die Stressachsen destabilisieren sich, Entzündung nimmt zu. Selbstwahrnehmung ist kein Wellnessbegriff, sondern ein biologischer Schutzfaktor.

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Die Verbindung zu anderen

Soziale Sicherheit gehört zu den stärksten Prädiktoren für Gesundheit. Studien zeigen: Isolation erhöht Entzündungsmarker und das Sterberisiko, ähnlich wie klassische Risikofaktoren. Wichtig hierbei: Einsamkeit entsteht nicht durch Alleinsein, sondern durch ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl.

Der Mensch reguliert sich biologisch über Resonanz mit anderen. Sichere soziale Verbindungen stabilisieren das autonome Nervensystem, fördern vagale Aktivität und dämpfen Stressreaktionen – Prozesse, die Alterung messbar verlangsamen.

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Verbindung zur Natur

Licht, Temperatur, Mikroben, Rhythmen – natürliche Reize beruhigen das Nervensystem und stabilisieren Immun- und Hormonsystem. Deshalb wird Naturkontakt zunehmend wissenschaftlich untersucht, unter anderem im Kontext von Stressreduktion, Entzündungshemmung und emotionaler Regulation.

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Verbindung zu etwas Größerem

Und dann gibt es eine Ebene, die in der Longevity-Diskussion kaum berücksichtigt wird, obwohl sie biologisch relevant ist: Sinn und spirituelle Verbundenheit. Damit ist keine Religion gemeint, sondern ein inneres Gefühl von Richtung, Einbettung und Bedeutung. Ob man es Gott, Universum, Intelligenz oder Leben nennt, spielt keine Rolle.1

Dieses Gefühl erzeugt etwas, das in der Psychoneuroimmunologie zentral ist: innere Sicherheit. Und Sicherheit ist die Grundlage jeder biologischen Regeneration. Studien zeigen: Sinn senkt Entzündung, stabilisiert die Stressachsen und verbessert emotionale Regulation. Sinn ist kein abstraktes Konzept, sondern ein stabilisierender Faktor im Stresssystem.

Diese Effekte sind messbar:

  • Das periaquäduktale Grau (PAG) reagiert auf Sicherheit, Mitgefühl und Zugehörigkeit.
  • Der Vagusnerv wird aktiver, sobald das System Sicherheit registriert. Das reduziert Entzündungen, senkt die Herzfrequenz und stabilisiert Stoffwechselprozesse.2
  • Die Insula verbindet Körperwahrnehmung und Selbstwahrnehmung und macht Regulation möglich.3

Verbindung – egal auf welcher Ebene – ist somit kein Bonusfaktor, sondern eine biologische Notwendigkeit.

Was das für Longevity bedeutet

Am Ende geht es bei Longevity nicht darum, wie viel wir optimieren. Es geht darum, wie
gut unser System mit dem Leben in Kontakt ist. Ein Körper, der sich sicher fühlt – durch Sinn, klare Signale und Verbindung – arbeitet anders als ein Körper, der ständig im Alarmzustand ist. Er regeneriert besser, reagiert präziser und altert langsamer. Alles andere ist Optimierung ohne Fundament.

Für mich bedeutet Longevity deshalb nicht „mehr machen“, sondern: im Leben ankommen. Verbunden sein. Reguliert sein. Dort entsteht Energie, es entstehen Heilung und Leben. Gesund altern heißt, ein System zu schaffen, das sich tragen kann – nicht durch Perfektion, sondern durch Verbindung.

Quellen

  1. Ferguson, M.A., Schaper, F.L.W.V.J., Cohen, A. et al. (2022). A Neural Circuit for Spirituality and Religiosity Derived From Patients With Brain Lesions. Biol Psychiatry. ↩︎
  2. Pérez-Alcalde, A.I., Galán-Del-Río, F., Fernández-Rodríguez, F.J. et al. (2024). The Effects of a Single Vagus Nerve's Neurodynamics on Heart Rate Variability in Chronic Stress: A Randomized Controlled Trial. Sensors (Basel). ↩︎
  3. Zhang, R., Deng, H., Xiao, X.(2024). The Insular Cortex: An Interface Between Sensation, Emotion and Cognition. Neurosci Bull. ↩︎

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