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Studie zeigt, worauf es ankommt

Körpergewicht offenbar gar nicht so wichtig zur Vorbeugung von Diabetes

Offenbar spielt das Körpergewicht bei Diabetes nicht die entscheidende Rolle, die ihm bislang zugeschrieben wurde. Wie Forscher herausfanden, sind andere Faktoren wie viszerales Bauchfett entscheidender.
Offenbar spielt das Körpergewicht bei Diabetes nicht die entscheidende Rolle, die ihm bislang zugeschrieben wurde. Wie Forscher herausfanden, sind andere Faktoren entscheidender. Foto: Getty Images/fStop
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Martin Lewicki
Freier Autor

1. Oktober 2025, 16:36 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Rund zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben diagnostizierten Diabetes. Davon sind über 90 Prozent von Typ-2-Diabetes betroffen, der sich durch eine gesunde Lebensweise meistens vermeiden lässt. Deutsche Forscher haben nun herausgefunden, dass Gewichtsreduktion nicht entscheidend ist, um sich vor der Erkrankung zu schützen. Offenbar spielen andere Faktoren eine wichtigere Rolle.

Dr. Matthias Riedl
Mit fachlicher Beratung von Dr. Matthias Riedl, Internist, Ernährungsmediziner, Diabetologe und ärztlicher Leiter des Medicum Hamburg


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Bei Diabetes mellitus Typ 1 ist die Insulinproduktion genetisch bedingt gestört, sodass Betroffene ein Leben lang auf Insulinspritzen angewiesen sind, um ihren Blutzuckerspiegel zu regulieren.1 Diabetes mellitus Typ 2 entsteht hingegen über Jahre durch eine ungesunde Lebensweise. Auch dies führt zu einer gestörten Insulinproduktion bzw. zu einer Insulinresistenz. Die Vorstufe davon nennt sich Prädiabetes und zeigt sich durch dauerhaft leicht erhöhte Blutzuckerwerte. Gerade in diesem Stadium können Betroffene mit einem gesunden Lebensstil, bestehend aus vollwertiger Ernährung und viel Bewegung, gegensteuern. Bislang galt Gewichtsreduktion als eine der wichtigsten empfohlenen Maßnahmen. Doch in einer aktuellen Studie fanden deutsche Forscher heraus, dass Menschen, die ihre Blutzuckerwerte durch eine Lebensumstellung in den Normalbereich verschieben, ihr Risiko für Typ-2-Diabetes selbst ohne Gewichtsverlust um 71 Prozent reduzieren.2 Körpergewicht allein ist offenbar nicht der wichtigste Faktor zur Vorbeugung.

Wie sind die Studienforscher vorgegangen?

Unter der Leitung der Tübinger Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie wurden in einer Langzeitstudie über 1100 Prädiabetes-Patienten nach einer Lebensstilumstellung beobachtet. Das Alter der Probanden lag zwischen 18 und 75 Jahren. Die Daten hierfür wurden aus einer laufenden multizentrischen Studie des des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung mit Personen aus ganz Deutschland herangezogen. Hierbei wurden die Prädiabetes-Teilnehmer einer zwölfmonatigen gesunden Lebensstilumstellung unterzogen und anschließend bis zu neun Jahre lang begleitet.

Zu den vorgenommenen Messmethoden gehörten eine metabolische Phänotypisierung, orale Glukosetoleranztests für den Glukosestoffwechsel sowie eine Ganzkörper-Magnetresonanztomographie (MRT) zur Beurteilung der Körperfettverteilung vor und nach der Behandlung sowie während der Nachbeobachtungszeit. Zu den Zielen der gesunden Lebensstilumstellung gehörten folgende Aspekte:

  • Reduzierung der Fettaufnahme auf weniger als 30 Prozent der Gesamtenergiezufuhr
  • Gesättigte Fette sollten weniger als 10 Prozent der Gesamtenergiezufuhr ausmachen
  • Erhöhung der Ballaststoffzufuhr auf mehr als 15 Gramm pro 1.000 Kilokalorien der Gesamtenergiezufuhr
  • Steigerung der körperlichen Aktivität und Fitness zum Beispiel durch Erhöhung der Schrittanzahl pro Tag und sportliche Aktivitäten

Studienergebnisse zeigen: Körpergewicht spielt bei Vorbeugung von Diabetes eine untergeordnete Rolle

Die Auswertung der Daten führte zu spannenden Erkenntnissen. Von den ursprünglich 1.105 Prädiabetes-Teilnehmern verloren 234 (21,2 Prozent) während der einjährigen Lebensstilumstellung kein Gewicht oder nahmen sogar zu. Allerdings erreichten 51 dieser Personen wieder normale Blutzuckerwerte, also etwa 22 Prozent. Das Bemerkenswerte war, dass diese Gruppe ohne Gewichtsverlust eine bis zu 71 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit hatte, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Besonders interessant: Die Wahrscheinlichkeit sank nahezu genauso stark wie bei Probanden mit einer Gewichtsabnahme (73 Prozent geringeres Risiko für Typ-2-Diabetes). Daraus folgern die Forscher: Eine gesunde Lebensweise ist wichtiger, als sich allein auf die Gewichtsreduktion zu fokussieren.

„Die Wiederherstellung eines normalen Nüchternblutzuckerspiegels ist das wichtigste Ziel zur Prävention von Typ-2-Diabetes und nicht zwingend die Zahl auf der Körperwaage“, kommentiert Studienleiter Prof. Dr. Andreas Birkenfeld die Ergebnisse in einer Pressemitteilung der Universität Tübingen.3 Laut Dr. Birkenfeld wirken sich Sport und eine ausgewogene Ernährung günstig auf den Blutzucker aus, unabhängig davon, ob Gewicht reduziert wird. „Gewicht zu verlieren, bleibt hilfreich, aber unsere Daten weisen darauf hin, dass es nicht zwingend notwendig für den Schutz vor Diabetes ist“, ergänzt er. „Die Leitlinien zur Prävention und Behandlung von Typ-2- Diabetes sollten künftig nicht nur das Gewicht, sondern vor allem die Blutzuckerkontrolle und Fettverteilungsmuster berücksichtigen“, ergänzt Prof. Dr. Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg, Letztautor an der Studie.

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Körperfettverteilung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Diabetes-Prävention

Doch die Forscher fanden noch einen anderen wichtigen Zusammenhang: Die Fettverteilung im Körper ist ein ausschlaggebender Faktor für das Diabetesrisiko. Während der Studie wurde nämlich auch die Körperfettverteilung der Probanden gemessen. Hierbei wurde das Verhältnis zwischen Viszeralfett und dem Subkutanfett bestimmt. Ein hoher Viszeralfettanteil gilt als besonders ungesund, da es Organe umschließt und Botenstoffe freisetzt, die Entzündungen fördern und den Hormonhaushalt stören können. Dies wiederum führt zu einer Insulinresistenz, wodurch Viszeralfett im direkten Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes steht, wie die Wissenschaftler erklären. Weniger schädlich ist hingegen das Subkutanfett, das sich unter der Haut befindet.

In der Studie hatten die Probanden, deren Blutzuckerspiegel sich ohne Gewichtsabnahme wieder normalisierte, allein durch die Lebensstilumstellung einen geringeren Anteil an Bauchfett im Vergleich zu denjenigen, deren Blutzuckerspiegel im Prädiabetesbereich blieb. Deswegen raten die Forscher dazu, auch diesen Faktor bei der Diabetesprävention stärker in den Fokus zu setzen.

 So beurteilt unser Ernährungsexperte die Studie

FITBOOK hat den Diabetologen und Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl zu der Studie befragt. Wir wollten wissen, ob er ebenfalls empfiehlt, bei der Behandlung von Prädiabetes den Fokus weniger auf Gewichtsverlust und stärker auf die Normalisierung des Blutzuckers zu legen „Beides lässt sich nicht voneinander trennen“, so die Einschätzung des Experten. „Allerdings ist die Blutzuckerhöhe die direkte Effektgröße, die verbessert werden muss. Sie drückt die Leistung des Stoffwechselsystems rund um die Bauchspeicheldrüse aus. Das ist in der Diabetologie bisher übersehen worden.“ Dies sei auch der Grund, warum bei einigen Typ-2-Diabetes-Patienten schon bei geringer Gewichtsreduktion die Krankheit geheilt werden konnte. Während bei anderen Patienten selbst 20 Kilogramm weniger keine Remission bewirkten.

Laut Dr. Riedl hängt das Ausmaß der Insulinresistenz bzw. der Schädigung von verschiedenen Faktoren ab:

  • viszerale Fettmasse (diese leider oft nicht gemessen)
  • der Fettverteilungstyp
  • Ausmaß der diabetogenen Nahrungsauswahl – also wie stark man seine ungesunden Ernährungsgewohnheiten reduziert

Deswegen rät Dr. Riedl, speziell die Ernährung in den Fokus zu rücken, um den Blutzuckerspiegel zu senken. Seine Erfahrungswerte zeigen: „Hochverarbeitetes stellt bei vielen die Nahrungsgrundlage von über 50 Prozent dar. Zu viel Zucker, zu wenig Ballaststoffe, zu viel Weizen. Wer daran etwas ändert, kann bei gleichem Gewicht große Erfolge im Kampf gegen Typ-2-Diabetes und Prädiabetes erzielen“.

Auch er sieht im viszeralen Fett einen wichtigen Faktor, der zu Diabetes führen kann. Laut Dr. Riedl ist viszerales Fett ein Diabetesrisikofaktor und gleichzeitig auch für viele andere Zivilisationskrankheiten verantwortlich. „Wer dadurch Prädiabetes bekommen hat, hat allerdings auch eine gute Chance auf Heilung. Menschen mit Prädiabetes ohne übermäßiges viszerales Fett als Ursache müssen dagegen mehr auf dem Gebiet der antidiabetischen Ernährung tun. Schmilzt dieses Fett, ist der Prädiabetes meist auch weg“, konstatiert der Experte.

Insgesamt zeige die Studie die längst überfällige Notwendigkeit, die Gewichtsabnahme nicht als Dogma zu behandeln und mehr andere in den Fokus zu rücken. „Es wurde Zeit, die antidiabetische Ernährung als wichtigste Säule zu etablieren, dann erst folgt die Gewichtsreduktion und dann der Sport“, erklärt Dr. Matthias Riedl.

Quellen

  1. Bundesministerium für Gesundheit: Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 (aufgerufen am 1.10.2025) ↩︎
  2. Sandforth, A., Arreola, E.V., Hanson, R.L., et al. (2025) Prevention of type 2 diabetes through prediabetes remission without weight loss. Nature Medicine. ↩︎
  3. Universitätsklinikum Tübingen: Neuer Schlüssel bei Prädiabetes: Blutzuckerspiegel wichtiger als Körpergewicht (aufgerufen am 1.10.2025) ↩︎

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