4. September 2026, 20:22 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Warum werden manche Menschen außergewöhnlich alt und bleiben dabei vergleichsweise lange gesund? Eine neue Untersuchung mit Daten aus drei großen Langzeitstudien liefert Hinweise darauf, dass ein Teil dieses Vorteils auch in der nächsten Generation zu beobachten sein könnte. Die Forscher untersuchten dafür Menschen, deren Mutter oder Vater mindestens 100 Jahre alt geworden war.
Langlebigkeit liegt offenbar auch in der Familie
Die aktuelle Analyse von verschiedenen US‑amerikanischen Institutionen zeigt, dass Kinder von Hundertjährigen gesundheitliche Vorteile gegenüber Menschen ohne außergewöhnlich langlebige Eltern haben. Besonders deutlich sind diese bei Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie beim Sterberisiko. Die Unterschiede betreffen dabei nicht nur die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung, sondern teilweise auch den Zeitpunkt ihres Auftretens. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Jama Network Open“ veröffentlicht.1
So wurde die Studie durchgeführt
Hundertjährige sind für die Altersforschung besonders interessant, weil sie typische altersbedingte Krankheiten häufig erst vergleichsweise spät entwickeln. Die Forscher wollten deshalb wissen, ob sich dieser gesundheitliche Vorteil auch bei ihren Kindern nachweisen lässt.
Dafür werteten sie Daten aus drei Langzeitstudien aus: der US-amerikanischen „LonGenity“-Studie, der „New England Centenarian Study“ und der britischen UK Biobank. Insgesamt flossen Daten von mehr als 4000 Menschen in die Analysen ein. Verglichen wurden Personen mit mindestens einem Elternteil, das 100 Jahre oder älter geworden war, mit Menschen, deren Eltern deutlich früher gestorben waren. Die Wissenschaftler untersuchten unter anderem, wann die Teilnehmer an Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall oder Krebs erkrankten und wann sie starben. Dabei berücksichtigten sie – soweit entsprechende Daten vorhanden waren – auch Faktoren wie Geschlecht, Bildung, Rauchen und weitere Lebensgewohnheiten.
Durch die Kombination dreier voneinander unabhängiger Studien wollten die Forscher prüfen, ob sich die beobachteten Zusammenhänge in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen wiederfinden.
Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten später auf
Am klarsten zeigte sich der Zusammenhang beim Bluthochdruck: Das Risiko war bei Kindern von Hundertjährigen etwa 32 Prozent niedriger. Im Durchschnitt wurde die Erkrankung bei ihnen zudem rund 5,2 Jahre später festgestellt.
Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigte sich ein Vorteil. Das Erkrankungsrisiko lag rund ein Drittel niedriger. Dass die Krankheiten auch später auftraten, ließ sich allerdings nicht in allen drei Studien gleichermaßen nachweisen. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt in der UK Biobank, wo Herz-Kreislauf-Erkrankungen je nach Vergleichsgruppe rund sechs Jahre später auftraten.
Auch das Sterberisiko war bei Nachkommen von Hundertjährigen geringer. In der zusammengefassten Analyse lag es rund 42 Prozent unter dem der Vergleichsgruppen. Der Tod trat durchschnittlich etwa 3,1 Jahre später ein.
Für Schlaganfälle fanden zwei der untersuchten Studien ebenfalls ein geringeres Risiko. Bei Krebs zeigte sich dagegen kein statistisch eindeutiger Vorteil: Weder das Erkrankungsrisiko noch der Zeitpunkt der Erkrankung unterschieden sich signifikant. Die Forscher vermuten hierzu, dass die Nachkommen zwar nicht seltener an Krebs erkranken, diesen aber dank einer höheren körperlichen Widerstandskraft (Resilienz) besser überleben. Zudem könnte ihr oft besserer Gesundheitszustand dazu führen, dass sie häufiger an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen, wodurch vermehrt (teils harmlose) Tumoren frühzeitig entdeckt werden (sogenannter Diagnose-Bias). Schließlich ist die Entstehung von Krebs zu einem gewissen Teil ein zufälliger Prozess, der sich durch die biologischen Schutzmechanismen familiärer Langlebigkeit nicht vollständig verhindern lässt.
Die Ergebnisse deuten somit darauf hin, dass der gesundheitliche Vorteil außergewöhnlich langlebiger Familien vor allem bestimmte altersbedingte Erkrankungen betrifft. Obwohl Lebensstilfaktoren eine Rolle spielen, zeigt die Studie Überraschendes: Die gesundheitlichen Vorteile der Nachkommen waren fast völlig unabhängig von ihrer Ernährung, Bewegung oder dem Rauchverhalten. Dies spricht stark für eine tiefere, biologisch-genetische Schutzwirkung.
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Einordnung der Studie
Die Studie hat einige Stärken: Die Forscher werteten Daten aus drei voneinander unabhängigen Langzeitstudien aus. Da sich wichtige Ergebnisse in mehreren dieser Gruppen zeigten, werden die Befunde zusätzlich gestützt.
Allerdings gibt es auch Einschränkungen. So konnten die Wissenschaftler nicht alle Einflüsse berücksichtigen, die sich auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirken können. Angaben zum Lebensstil und zu Erkrankungen beruhten teilweise auf den Aussagen der Teilnehmer und wurden nicht immer anhand von Krankenakten überprüft. Informationen über die Kindheit, etwa zur damaligen Ernährung, fehlten ebenfalls. Außerdem waren die meisten untersuchten Personen weiß. Ob sich die Ergebnisse auf Menschen anderer Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, ist daher unklar.
Die Studie wurde überwiegend durch die US-amerikanischen „National Institutes of Health“ finanziert. Nach Angaben der Autoren hatten die Geldgeber keinen Einfluss auf die Durchführung oder Veröffentlichung der Studie. Einige Autoren gaben mögliche Interessenkonflikte an, darunter Forschungsförderungen, Patentanmeldungen und Aktienbesitz eines Ehepartners an Pharmaunternehmen.
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Was andere Studien zeigen
Die Beobachtung, dass sich Langlebigkeit in Familien häuft, ist nicht neu. Die niederländische „Leiden Longevity Study“ untersuchte bereits vor Jahren Kinder von Geschwisterpaaren, die mindestens 90 Jahre alt geworden waren, und verglich sie mit deren Ehepartnern.2 Der Vorteil dieses Vorgehens: Beide Gruppen lebten im selben Haushalt, unter ähnlichen wirtschaftlichen Bedingungen und mit vergleichbaren Gewohnheiten. Trotzdem hatten die Nachkommen langlebiger Familien schon im mittleren Lebensalter seltener Bluthochdruck, Diabetes und Herzinfarkte als ihre Partner. Der gesundheitliche Vorsprung zeigt sich also offenbar lange, bevor das hohe Alter überhaupt erreicht ist.
Das heißt allerdings nicht, dass die Herkunft alles entscheidet. Eine 2025 in „Nature Medicine“ veröffentlichte Auswertung von fast 500.000 Menschen aus der UK Biobank verglich, wie viel genetische Veranlagung und Lebensumstände jeweils zum Sterberisiko beitragen.3 Das Ergebnis: Genetische Risiko-Scores für 22 verbreitete Erkrankungen erklärten weniger als zwei Prozentpunkte der Unterschiede in der Sterblichkeit. Umwelt- und Lebensstilfaktoren – von Rauchen über körperliche Aktivität bis zu sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen – kamen dagegen auf 17 Prozentpunkte. Bei einzelnen Erkrankungen kehrte sich das Verhältnis um: Für Demenzen sowie Brust-, Prostata- und Darmkrebs wog das Erbgut schwerer, für Erkrankungen von Lunge, Herz und Leber die Lebensumstände.