28. August 2025, 13:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Hitze ist offenbar nicht nur eine Gefahr für brüchige Haare, sondern auch für die Lunge. Unter der Hitzeeinwirkung bilden sich unsichtbare Schadstoffe in der Raumluft – winzige Partikel, die tief in die Lunge gelangen können. Eine aktuelle Studie zeigt erstmals, wie stark diese Belastung tatsächlich ist – und wie schwerwiegend bereits ein einziges Styling mit herkömmlichen Produkten ist. Doch es gibt Maßnahmen, um das Risiko zu senken.
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Beim Haarglätten denkt wohl kaum jemand an die Gesundheit seiner Lunge, höchstens an die seiner Haare. Und für diese wird pflichtbewusst Hitzeschutz aufgetragen. Doch eben diese und andere Stylingprodukte wie Sprays und Seren werden unter Hitze zur Gefahr. Pflegeprodukte sind eine wesentliche Quelle chemischer Emissionen in Innenräumen, doch wurden sie bislang wenig erforscht. Ein Forschungsteam der Purdue University unter der Leitung von Assistenzprofessorin Nusrat Jung testete in einem realitätsnahen Wohnumfeld, wie stark Personen während ihres Haarstylings tatsächlich belastet werden – inklusive Auswirkungen auf die Atemwege.1
Haare glätten im Tiny House
Die Studie wurde in einem für Experimente errichteten Tiny House durchgeführt – einem speziell ausgestatteten, gut belüfteten Wohncontainer mit kontrollierbarem Luftaustausch. Insgesamt fanden 21 Styling-Experimente mit sieben Probanden und unterschiedlichen Kombinationen aus fünf Haarpflegeprodukten, Stylinggeräten (Glätteisen, Lockenstab, Welleneisen) und Temperaturstufen bis 260 Grad Celsius statt.
Zur Messung der Partikel, die beim Haarglätten entstehen, kam ein hochpräzises Messgerät namens HR-ELPI+ (High-Resolution Electrical Low-Pressure Impactor) zum Einsatz. Es zeigt, wie viele Partikel in der Luft schweben und wie groß sie sind. Es kann Partikel zwischen sechs und 500 Nanometern in Echtzeit erfassen. Zusätzlich wurde mit einem sogenannten PTR-TOF-MS (Proton Transfer Reaction – Time of Flight – Massenspektrometer) die Konzentration flüchtiger organischer Verbindungen (u. a. Siloxane, Terpene, Glykolverbindungen) gemessen. Der Luftaustausch im Tiny House wurde auf 3,0 bzw. 6,5 pro Stunde eingestellt.
Die Wissenschaftler legten ihr Hauptaugenmerk darauf, wo genau sich die eingeatmeten Partikel in den verschiedenen Abschnitten der Atemwege ablagern:
- Nasen-Rachen-Raum
- Bronchien
- Lungenbläschen
Hierfür kam das MPPD-Modell (Multiple-Path Particle Dosimetry) zum Einsatz, das berechnet, wie viele Partikel unterschiedlicher Größen sich in den jeweiligen Atemwegsregionen ablagern.
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Bereits 10 Minuten Haarglätten belasten die Lunge ähnlich wie Autoabgase
Je nach Haarlänge dauerten die Experimente mit Glätteisen und Co. zehn bis 20 Minuten. Die wichtigste Erkenntnis: Hitzestyling kann die Innenraumluft massiv mit Nanopartikeln belasten. Schon bei knapp 149 Grad Celsius, die meist bei feinem Haar angewendet werden, lagen die Partikelzahlen bei bis zu 100.000 Partikeln pro Kubikzentimeter. Bei Temperaturen über 182 Grad Celsius (normales bis dickes Haar) waren über 95 Prozent der Partikel ultrafein, genauer gesagt unter 100 Nanometer – diese haben ein besonders leichtes Spiel in der Lunge. Während eines einzigen Stylings bei 210 Grad Celsius (dickes bis widerspenstiges Haar) lagerten sich rund 64,9 Milliarden Partikel im Atemtrakt einer Person ab, die Mehrheit davon in der Lunge. Laut den Autoren entspricht diese Partikelbelastung der Menge, die man beim Einatmen von Verkehrsluft über 20 bis 200 Minuten im Auto oder bei 30 bis 100 Minuten in städtischer Außenluft aufnimmt.
Studienleiterin Nusrat Jung kommentiert die Ergebnisse in einer Pressemitteilung der Universität: „Das ist wirklich sehr besorgniserregend. Die Menge der Nanopartikel, die wir bei der Verwendung typischer, im Handel erhältlicher Haarpflegeprodukte einatmen, ist viel höher, als wir je erwartet hätten.“2
Hitze als Haupttreiber, Produktauswahl unwesentlich
Die Partikel entstanden primär durch die Erwärmung hitzeempfindlicher Stoffe in den Pflegeprodukten, insbesondere zyklischer Siloxane wie das Decamethylcyclopentasiloxan (D5) – ein Silikon, das häufig in Haarpflegeprodukten verwendet wird, um Geschmeidigkeit und Glanz zu fördern. Laut Jung stehe D5 oft an erster oder zweiter Stelle in den Inhaltsstofflisten von Produkten.
Diese verdampfen bei hohen Temperaturen, kühlen anschließend ab und kondensieren zu Nanopartikeln. Als zweiten Mechanismus identifizierten die Forschenden die Reaktion von Duftstoffen mit Ozon (Ozonolyse). Die Produktauswahl beeinflusst zwar die chemische Zusammensetzung der Emissionen, aber nicht wesentlich die Partikelzahl – diese hängt vor allem von der Temperatur ab.
D5-Siloxan
Die Europäische Chemikalienagentur stuft D5 als sehr persistent und sehr bioakkumulativ ein. Testergebnisse an Labortieren zeigen negative Effekte auf die Atemwege, die Leber und das Nervensystem. Bisher gibt es jedoch kaum Informationen über die Auswirkungen auf den Menschen. Deswegen ist die Verwendung der Chemikalie in abwaschbaren Kosmetikprodukten in der Europäischen Union bereits eingeschränkt. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz wurde D5 allerdings 2024 in zahlreichen Haarspülungen und -masken gefunden.
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Einfluss von Haarlänge und Belüftung
Auch Haarlänge und Raumlüftung hatten einen erheblichen Einfluss auf die eingeatmete Menge an Nanopartikeln. Bei Personen mit langem Haar fiel die Partikelaufnahme deutlich höher aus als bei kurzem Haar – allein durch die längere Stylingdauer und die größere behandelte Haarfläche. Die Studie zeigte, dass die Dosis bei langem Haar unter gleichen Bedingungen etwa 70 Prozent höher lag als bei kurzem Haar.
Weiterhin stieg in Räumen mit niedrigem Luftaustausch (3,0 Luftwechsel pro Stunde) die eingeatmete Partikelmenge deutlich an – verglichen mit gut belüfteten Szenarien (6,5 Luftwechsel pro Stunde). Schlechte Belüftung führt dazu, dass sich die Partikel länger in der Raumluft halten und dadurch über einen längeren Zeitraum eingeatmet werden können.
Bedeutung und Einordnung der Studie
Die Studie macht deutlich, dass Hitzestyling eine unterschätzte Quelle für Luftverschmutzung in Innenräumen ist. Ein einziges Mal Haarglätten oder -locken setzt Milliarden ultrafeiner Partikel frei, die tief in die Lunge gelangen. Die Belastung ist mit der Exposition im Straßenverkehr vergleichbar – ein überraschender Befund für eine Routine, die viele Menschen täglich im Badezimmer ausführen. Besonders betroffen sind regelmäßige Nutzer und Berufsgruppen wie Friseure. Entscheidend sind dabei drei Faktoren: Temperatur, Haarlänge und Belüftung. Um sein Risiko zu reduzieren, sollte man Stylinggeräte möglichst nicht auf Maximaltemperatur betreiben und Räume gut lüften – auch Badezimmerabluftventilatoren und Luftfilter in Friseursalons sind denkbar.
Co-Autor Jianghui Liu rät gänzlich von der Nutzung von Haarpflegeprodukten und Stylinggeräten ab. „Wenn Sie unbedingt Haarpflegeprodukte verwenden müssen, beschränken Sie deren Verwendung und sorgen Sie für eine gute Belüftung. Auch ohne Heizgeräte kann eine bessere Belüftung die Belastung durch flüchtige Chemikalien wie D5-Siloxan in diesen Produkten reduzieren.“
Die Untersuchung hat jedoch auch Grenzen. Sie wurde in einem hochbelüfteten Testhaus durchgeführt – in Wohnungen mit weniger Luftaustausch könnten die Werte höher liegen. Zudem wurden Partikel, die kleiner als sechs Nanometer sind, nicht erfasst, und die genaue chemische Zusammensetzung blieb unvollständig bestimmt. Aussagen zu Langzeitfolgen sind daher noch offen.