20. Mai 2026, 15:30 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Eine Depression kann jeden Menschen unerwartet treffen. Umso wichtiger ist es deshalb, Frühwarnzeichen zu erkennen und die Indikatoren zu kennen. Nun haben Forscher herausgefunden, dass die Griffkraft ein Hinweis für das Depressionsrisiko sein kann.
„Ob jemand depressiv wird oder nicht, hat mit Veranlagung zu tun“, erklärte Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, bereits in einem früheren FITBOOK-Beitrag. Und es gibt offenbar Hinweise dafür, wer ein höheres Risiko hat, daran zu erkranken. Denn Forscher haben nun herausgefunden, dass die Griffkraft ein Indikator für das Depressionsrisiko sein könnte.
Schwache Griffkraft offenbar mit Depressionsrisiko verbunden
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2025 hat bereits gezeigt, dass übergewichtige Menschen mit höherer Griffkraft ein geringeres Risiko für ernsthafte Erkrankungen haben (FITBOOK berichtete). Nun zeigt eine internationale Studie mit Daten von fast einer halben Million Menschen, dass die Griffkraft auch etwas über das Depressionsrisiko aussagt.1 Offenbar haben Menschen mit einer schwachen Griffkraft ein höheres Risiko, eine Depression zu entwickeln.
Wie die Forscher in ihrer Meta-Analyse erklären, gab es bereits eine Reihe einzelner Studien, die darauf hindeuteten, dass eine höhere Handgriffkraft mit einem geringeren Risiko für depressive Symptome einhergeht. Allerdings sei die Gesamtheit der Erkenntnisse nicht eindeutig. Deshalb haben die Forscher die bereits vorhandenen Studiendaten ausgewertet: Sie betrachteten zwölf verschiedene Kohorten mit insgesamt 497.336 Probanden. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug rund 61 Jahre, etwa 54 Prozent waren weiblich.
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Eine einfache und kostengünstige Methode, Depressionen vorherzusagen?
Das Ziel bestand darin, den Zusammenhang zwischen Handgriffkraft und dem Auftreten depressiver Symptome bzw. Depressionen zu untersuchen sowie mögliche Moderatoren dieses Zusammenhangs zu ermitteln. Denn gängige Methoden zur Diagnose und Vorhersage von Depressionen stehen vielen Menschen nicht zur Verfügung. Sie sind aufwendig und mit höheren Kosten verbunden. Daher wollten die Wissenschaftler einen kostengünstigen Indikator ermitteln, um das Risiko einer Depression mit einer einfachen Methode vorherzusagen. Der große Vorteil der Griffstärke besteht eben darin, dass sie sich schnell, einfach und kostengünstig mit einem kleinen Handgerät ermitteln lässt.
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Das hat die Datenanalyse ergeben
Für die Meta-Analyse wurden ausschließlich Kohortenstudien mit einer Dauer von mindestens einem Jahr ausgewählt. Hierbei hat man die Griffkraft mit einem Handkraftmesser ermittelt. Probanden, die zu Beginn der Studien bereits an einer Depression litten, wurden ausgeschlossen, um sicherzustellen, dass der Beginn der Depression im Laufe der Untersuchung erfasst wurde.
Die Auswertung der Daten hat gezeigt, dass eine schwache Griffkraft als ein stiller Marker für Depressionen taugt. Personen, die einen schwächeren Griff hatten, entwickelten mit einer um rund 26 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit eine Depression im Laufe des Lebens. Der Zusammenhang zwischen der Griffkraft und Depressionen erwies sich als sehr beständig und wurde weder durch Alter, Geschlecht noch durch Rauchgewohnheiten beeinflusst. Die Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass eine schwächere Griffkraft zwangsläufig zu einer Depression führt. Die Ergebnisse zeigen lediglich, dass eine geringere Griffkraft als nützliches Warnzeichen dafür dienen kann, dass eine Person in Zukunft möglicherweise anfälliger für Depressionen ist.
Dabei betonen die Forscher, dass der Zusammenhang statistisch signifikant ist, seine klinische Bedeutung jedoch relativ gering ist. Das heißt, dass der festgestellte Zusammenhang zwar rein rechnerisch besteht, aber für die tatsächliche Diagnose gering ist.
Außerdem stellten die Forscher fest, dass Studien, die die Teilnehmer über längere Zeiträume begleiteten, einen etwas stärkeren Zusammenhang zeigten, auch wenn der Effekt gering blieb. Dennoch deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass die Griffkraft ein möglicher Indikator für den allgemeinen Gesundheitszustand und für das Depressionsrisiko sein könnte, so die verantwortlichen Wissenschaftler.
Einschränkungen der Studie
Die Ergebnisse der Studie werfen einige Fragen auf. So müsste beispielsweise definiert werden, wie hoch eine gesunde Griffkraft in welchem Alter ist. Ein Dreißigjähriger hat schließlich andere Werte als ein Sechzigjähriger. Zudem war das Durchschnittsalter der Probanden mit 61 Jahren relativ hoch. Taugt die Griffkraft also nur bei älteren Menschen als Indikator für das Depressionsrisiko oder bestehen die Zusammenhänge auch bei jüngeren Menschen, beispielsweise im Alter von 20 bis 30 Jahren? Und natürlich muss man die Frage klären, warum die Griffkraft etwas über die psychische Gesundheit aussagt. Die schwache Hand ist nicht die Ursache der Depression, sondern eher ein Spiegelbild der allgemeinen körperlichen Widerstandskraft. Um all diese Zusammenhänge besser zu verstehen und daraus eine in der Praxis anwendbare Frühwarnmethode für Depressionen zu entwickeln, sind noch weitere Untersuchungen erforderlich.