13. Oktober 2026, 20:11 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Für viele beschränkt sich Vorsorge auf die kostenlosen Check-ups, die gesetzlich Versicherte in Anspruch nehmen können. In der Regel einmal zwischen dem 18. und 34. Geburtstag. Und ab dann alle drei Jahre. Bestenfalls liegen zu diesen Zeitpunkten alle Werte im Normbereich und das Thema Vorsorge ist damit abgehakt. Doch ist das sinnvoll? Schließlich sind einzelne Laborwerte nur eine Momentaufnahme. Und manche Marker, die viel über das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verraten, werden gar nicht erst gemessen. Welche Gesundheitswerte für eine wirksame Prävention tatsächlich zählen, wollte ich genauer wissen. Deshalb habe ich beim Präventionsmediziner Dr. Hadi Saleh nachgefragt.
Saleh hat Vorsorge zum zentralen Aspekt seiner Arbeit gemacht. Jede Woche veröffentlicht er mit „Mission Gesundheit“ einen Podcast, in dem er sich mit verschiedenen Experten über gesundes Altern, Fitness, Resilienz oder auch Ernährung austauscht. Auch ich durfte bereits zu Gast bei ihm sein.
In seiner Praxis in Berlin-Grunewald geht es in erster Linie nicht darum, Krankheiten zu behandeln, sondern sie zu vermeiden. Dafür setzt Saleh gezielt auf bestimmte Werte, die er allerdings nicht isoliert betrachtet, sondern im langfristigen Verlauf. „Ein Wert kann noch im Referenzbereich liegen und sich trotzdem kontinuierlich verschlechtern“, erklärt er mir.
Was der Referenzbereich aussagt
Das Problem bei Referenzbereichen: Sie zeigen an, wo die Messwerte einer gesunden Vergleichsgruppe statistisch üblicherweise liegen. Das kann dazu führen, dass man sich in falscher Sicherheit wiegt. Wer sich nämlich am oberen Rand der Referenzbereiche bewegt, gilt formal als noch unauffällig. Steigt ein Wert allerdings von Jahr zu Jahr an, kann das ein frühes Warnsignal sein, lange bevor er die Grenze zur manifesten Krankheit überschreitet.
Welche Messungen Dr. Hadi Saleh einmal im Jahr empfiehlt
„Wenn wir über sinnvolle Prävention sprechen, würde ich einmal im Jahr zumindest die wichtigsten Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Marker anschauen“, sagt Saleh. Konkret nennt er:
- Nüchternblutzucker: Die Messung erfolgt in der Regel morgens nach acht bis zwölf Stunden ohne Nahrungsaufnahme.
- Nüchterninsulin: Ein erhöhter Wert kann darauf hindeuten, dass die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin ausschütten muss, um den Blutzucker im Normbereich zu halten.
- HbA1c: Im Gegensatz zum Nüchternblutzucker zeigt der sogenannte Langzeit-Blutzucker an, wie hoch der Glukosespiegel im Mittel während der vergangenen zwei bis drei Monate war.
- Nieren- und Leberwerte: Beide Organe spielen eine zentrale Rolle im Stoffwechsel. Erkrankungen verlaufen bei ihnen häufig lange ohne spürbare Beschwerden.
- Lipidprofil: LDL- und HDL-Cholesterin sowie Triglyceride, ergänzt um Apolipoprotein B (ApoB)
Aus Nüchternblutzucker und Nüchterninsulin lässt sich der sogenannte HOMA-Index berechnen. Er kann laut Saleh ein guter Indikator für eine beginnende Insulinresistenz sein. Dabei sprechen die Körperzellen schlechter auf Insulin an. Der Insulinspiegel steigt dann oft schon, während der Blutzucker noch normal ist.
Abhängig von Alter, Krankheitsgeschichte und persönlichem Risiko können laut Saleh weitere Gesundheitswerte hinzukommen, zum Beispiel ein Blutbild oder Entzündungsmarker.
ApoB: Warum die Zahl der Partikel entscheidend sein kann
Cholesterin ist für unseren Organismus lebensnotwendig. Er benötigt es unter anderem für die Zellwände und zur Herstellung von Hormonen. Weil Cholesterin allerdings nicht wasserlöslich ist, wird es im Blut in winzigen Transportteilchen befördert, den sogenannten Lipoproteinen. Davon gibt es verschiedene Formen, die sich unter anderem in ihrer Dichte unterscheiden: HDL (High-Density-Lipoprotein) bringt überschüssiges Cholesterin zurück zur Leber, LDL (Low-Density-Lipoprotein), VLDL (Very-Low-Density-Lipoprotein) und Lipoprotein(a) können dagegen in die Gefäßwand eindringen und dort zu Ablagerungen beitragen. Je mehr dieser Teilchen im Blut sind, desto größer das Risiko.
Potenziell gefäßschädigende Teilchen wie LDL, VLDL und Lipoprotein(a) tragen auf ihrer Oberfläche jeweils genau ein Molekül namens Apolipoprotein B (ApoB), HDL dagegen nicht. Deswegen zeigt der ApoB-Wert ziemlich genau, wie viele dieser ungünstigen Teilchen im Blut unterwegs sind. Das übliche LDL-Cholesterin gibt dagegen an, wie viel Cholesterin in den LDL-Teilchen steckt. Zwar passen beide Werte in der Regel gut zusammen, doch bei manchen Menschen gehen sie dennoch auseinander. Dies kann häufig bei erhöhten Triglyceriden oder Typ-2-Diabetes der Fall sein. Dann ist das LDL-Cholesterin unter Umständen relativ unauffällig, obwohl viele ApoB-tragende Teilchen unterwegs sind. Auch deshalb halten viele Fachleute ApoB für den etwas verlässlicheren Marker für das Herz-Kreislauf-Risiko. Allerdings wird er beim Check-up ab 35 und routinemäßig nicht bestimmt.
Diese Symptome können auf eine Fettstoffwechselstörung hinweisen
Diese Gesundheitswerte sollten Sie unbedingt kennen
Lipoprotein(a): Einmal messen reicht in der Regel
Eine Ausnahme vom jährlichen Rhythmus macht Saleh beim Lipoprotein(a), kurz Lp(a): Dieser weitgehend genetisch bestimmte Risikomarker sollte „aus meiner Sicht mindestens einmal im Leben bestimmt werden“, erklärt der Präventionsmediziner.
Hintergrund: Etwa 20 Prozent der Menschen haben erblich bedingt deutlich erhöhte Lp(a)-Werte – und damit ein wesentlich höheres Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Leider verändert sich Lipoprotein(a) im Erwachsenenalter kaum und lässt sich auch nur wenig durch Ernährung oder Sport beeinflussen. Wer jedoch um diesen Risikofaktor weiß, kann dennoch gemeinsam mit seinem Arzt umso konsequenter an anderen beeinflussbaren Risikofaktoren ansetzen. Die Kosten für eine einmalige Messung von Lp(a) belaufen sich auf rund 20 Euro. Angesichts der Relevanz des Werts fordern Kardiologen wie Dr. Christopher Schneeweis, dass die Bestimmung von Lipoprotein(a) „eine kassenärztliche Leistung sein“ sollte.
4 weitere Gesundheitswerte, die man kennen sollte
Neben den Blutwerten sollte man laut Saleh auch „einige sehr einfache Gesundheitsgrößen kennen“. Dazu zählen:
Zur Vorsorge gehört für Saleh zudem, sich „ein realistisches Bild“ von der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit zu machen. Dafür könne man sich etwa fragen, wie schnell man beim Treppensteigen außer Atem gerate und wie es um Kraft und Ausdauer stehe. „Wer es genauer wissen wolle, könne auch seine kardiorespiratorische Fitness bzw. VO2max bestimmen lassen.“
„Entscheidend ist aber immer das Gesamtbild und die Entwicklung über die Zeit. Prävention wird sinnvoll, wenn wir die relevanten Werte kennen“, sagt mir Saleh. Dabei gehe es nicht um die größtmögliche Zahl an Tests, sondern um die richtige Auswahl, „aus denen sich tatsächlich Konsequenzen für Prävention und Lebensstil ableiten lassen“.