30. Oktober 2025, 4:43 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Herzinfarkt trotz gesunder Ernährung? Schlaganfall ohne Bluthochdruck? Der Grund kann im Blut liegen – und kaum jemand weiß davon. Lipoprotein(a) ist ein Wert, der erblich festgelegt ist und Ihr Herz-Kreislauf-Risiko mehr als verdoppeln kann. Ein einziger Test genügt, um Gewissheit zu haben. Bei Frauen sollte der Wert noch einmal nach der Menopause gemessen werden. Die Kasse zahlt nicht – mit rund 20 Euro ist man dabei.
Lipoprotein(a) ab dem Kindesalter weitgehend stabil
Lipoprotein(a), kurz: Lp(a), ist ein Blutwert, der bereits ab dem Kindesalter weitgehend stabil ist, sich im Laufe des Lebens kaum ändert – und der über Jahrzehnte über die Gesundheit der Gefäße entscheidet. „Lp(a) ist genetisch vorgegeben und lässt sich nach aktuellem Wissensstand leider nicht positiv durch unser Verhalten beeinflussen“, erklärt Dr. Christopher Schneeweis, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie in Köln, FITBOOK. Das bedeutet: Wer einen erhöhten Lipoprotein(a)-Wert hat, kann ihn durch Ernährung oder Bewegung kaum beeinflussen.
Sinnvoll ist die Bestimmung des Wertes, weil Lp(a) das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall mehr als verdoppeln und mit der Gefahr einer frühzeitigen Verkalkung der Aortenklappe einhergeht. Auch internationale Fachgesellschaften wie die European Atherosclerosis Society (EAS) empfehlen die Bestimmung des Lp(a) einmalig zur Risikoeinschätzung.1
Was genau ist Lipoprotein(a)?
Lipoprotein(a), kurz Lp(a), ist eine Art verändertes LDL-Cholesterin. Es trägt neben ApoB100 ein zusätzliches Transportmolekül, das sogenannte Apoprotein a. Ähnlich wie das „böse“ LDL-Cholesterin, bringt dieses Apoprotein a Cholesterin zu den Zellen. Die sogenannten „Kringles“, aus denen das Apoprotein a besteht, machen das Lipoprotein(a) besonders gefährlich. Schneeweis erklärt: „Durch die Kringles scheint Lipoprotein(a) deutlich atherogener als LDL-Cholesterin. Das bedeutet, dass Ablagerungen in den Gefäßen durch hohe Lp(a)-Spiegel gefördert werden.“ Ferner wirke Lipoprotein(a) entzündungs- und blutgerinnungsfördernd. „Alles Dinge, die wir gerne vermeiden würden“, stellt der Kardiologe klar.
Auch interessant: Die wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für Herzkrankheiten
Kardiologe Schneeweis: „Lp(a)-Test sollte kassenärztliche Leistung sein“
Trotz der großen Bedeutung des Lipoprotein(a)-Werts gehört ein Test dieses potenziell lebenswichtigen Blutwertes bislang nicht zur Routine beim Hausarzt – er kann nur auf eigene Kosten getestet werden. Das stößt bei Fachleuten auf Unverständnis: „Warum der Wert nicht regelhaft bestimmt wird, ist mir nicht klar. Prinzipiell sollte dies eine kassenärztliche Leistung sein“, sagt Schneeweis.
Kosten für Lp(a)-Bestimmung liegen bei rund 20 Euro
Der Lipoprotein(a)-Wert wird nicht automatisch mitbestimmt, wenn man beim Arzt ein großes Blutbild machen lässt.
Patienten müssen den Lp(a)-Test als sogenannte IGeL-Leistung („Individuelle Gesundheitsleistung“) selbst bezahlen. Die Kosten sind überschaubar – je nach Labor liegen sie zwischen rund 17 und 25 Euro. Die Blutabnahme kann beim Hausarzt erfolgen, der die Probe an ein Labor schickt, das den Lp(a)-Wert bestimmt. Nach wenigen Tagen liegt das Ergebnis vor und kann dann vom behandelnden Arzt eingeordnet werden.
Auch interessant: Die Unterschiede zwischen kleinem und großem Blutbild
Geschlechteraspekt – nach der Menopause erneut messen
Laut Schätzungen hat etwa jede fünfte Person weltweit einen erhöhten Lipoprotein(a)-Wert, das entspricht 20 Prozent der Weltbevölkerung.2 Die allermeisten wissen nichts davon, denn die Bestimmung des Wertes ist kein Standard. Da der Wert fast vollständig erblich festgelegt ist, reicht meist eine einmalige Messung im Leben aus, um das Risiko einzuschätzen. Schneeweis: „Bei Frauen sollte der Wert auch noch einmal nach der Menopause gemessen werden, da er sich verändert haben könnte.“
Wenn ein erhöhter Lp(a)-Wert festgestellt wurde
Es gibt noch keine zugelassene medikamentöse Therapie, die gezielt das Lipoprotein(a) senkt. Deshalb gilt: Wird ein erhöhter Wert festgestellt, sollte dringend an anderen – gut behandelbaren – Stellschrauben gedreht werden, um das Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls zu senken. Gemeint sind laut Schneeweis „die übrigen fettbezogenen Risikofaktoren im Blut – also LDL-Cholesterin und ApoB100 – die in diesem Zusammenhang dann optimal eingestellt werden sollten.“ Ziel sollte es sein, LDL und ApoB100 möglichst niedrig zu halten, um die Gefäße zu entlasten und Komplikationen zu verhindern.
Auch andere Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck oder Rauchen sollten laut Schneeweis bei erhöhtem Lipoprotein(a) dann „besonders kritisch“ betrachtet werden.
Kardiologe Dr. Schneeweis gibt Tipps für ein starkes Herz
Wenn der Wert zu hoch ist
In seltenen, schweren Fällen kann laut Schneeweis eine sogenannte Lipidapherese – eine Art Blutwäsche – nötig werden. „Diese muss dann allerdings einmal wöchentlich erfolgen.“ Eine extreme Maßnahme, die zeigt, wie ernst zu nehmen dieser Laborwert ist.
Kardiologe über koronare Herzkrankheit: »Plötzlicher Herztod ist schlimmstenfalls Erstsymptom
Worauf ist bei den Cholesterinwerten HDL, LDL und Triglyceride zu achten?
Familiäre Prävention
Wie erwähnt, ist Lipoprotein(a) erblich. Wer erhöhte Werte hat, trägt dieses Risiko mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht allein: Eltern, Geschwister und Kinder haben ein deutlich erhöhtes Risiko, ebenfalls hohe Werte zu haben. Dr. Christopher Schneeweis rät deshalb: „Wenn ein erhöhter Lipoprotein(a)-Wert festgestellt wird, sollten prinzipiell auch die Verwandten ersten Grades getestet werden.“
Ein einfacher Bluttest kann also nicht nur für die eigene Gesundheit entscheidend sein, sondern auch für die Früherkennung in der Familie. Besonders wichtig ist das, wenn in der Familie Fälle von frühen Herzinfarkten oder Schlaganfällen aufgetreten sind, also vor dem 60. Lebensjahr.
Medikamente könnten zukünftig Risiko für Millionen Betroffene deutlich senken
Noch gibt es keine zugelassene Therapie, die das Lp(a) gezielt senken kann. Doch laut Schneeweis befinden sich derzeit mehrere Medikamente bereits in der Erprobungsphase. Sie könnten in den nächsten Jahren das Risiko für Millionen Betroffene deutlich senken. Bis dahin lautet die Empfehlung vom Experten: „Wenn Sie Ihren Lp(a)-Wert noch nicht kennen, lassen Sie ihn beim nächsten Bluttest mitbestimmen.“