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Neue Fallstudie

Forscher besorgt! ChatGPT-Gespräch endete für 60-Jährigen mit schwerer Vergiftung

Künstliche Intelligenz
Nach einer Unterhaltung mit ChatGPT traf ein 60-jähriger Mann eine folgenschwere Entscheidung – und vergiftete sich Foto: Getty Images
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13. August 2025, 16:56 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Jeder kennt ChatGPT. In sozialen Medien kursieren inzwischen Parodien, in denen Menschen bei einem Heiratsantrag erst das Handy zücken, um die Antwort von der Künstlichen Intelligenz formulieren zu lassen. Was witzig beginnt, hat auch eine ernste Seite – denn ChatGPT wird längst nicht mehr nur für Small Talk oder Studienhilfe genutzt, sondern auch bei Gesundheitsfragen immer beliebter. Wie gefährlich das werden kann, zeigt eine aktuelle Fallstudie mit dramatischem Verlauf.

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Was wurde untersucht – und warum?

Ein 60-jähriger Mann wollte sich gesünder ernähren. Nach einem Gespräch mit ChatGPT ersetzte er Speisesalz durch Natriumbromid – eine Substanz, die früher in Medikamenten verwendet wurde, heute aber toxisch wirkt. Die Folge: Halluzinationen, Paranoia und ein stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie.

Der Fallbericht, erschienen in der Fachzeitschrift Annals of Internal Medicine: Clinical Cases, beschreibt eine seltene, aber ernstzunehmende Vergiftung: Bromismus – eine chronische Überdosierung von Bromid, einer chemischen Verbindung, die früher medizinisch genutzt wurde. Heute gilt Bromismus als weitgehend vergessen, doch einzelne Fälle treten wieder auf – begünstigt durch die einfache Onlineverfügbarkeit bromidhaltiger Substanzen und Fehlinformationen aus KI-Systemen.1

Ziel des Berichts ist es, die klinischen Merkmale, Diagnostik und Behandlung dieses Falls zu dokumentieren – und auf einen neuen Risikofaktor hinzuweisen: den unkritischen Einsatz von künstlicher Intelligenz in Gesundheitsfragen.

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Was ist Bromismus – und warum ist er relevant?

Bromismus ist eine chronische Vergiftung durch Bromverbindungen wie Kaliumbromid oder Natriumbromid. Diese Stoffe wurden seit dem 19. Jahrhundert in der Medizin verwendet – unter anderem gegen Epilepsie, Schlaflosigkeit und Nervosität. Kaliumbromid wirkt krampflösend (antikonvulsiv) und beruhigend (sedierend), wird heute aber fast nur noch in der Tiermedizin eingesetzt – und nur in seltenen Ausnahmefällen beim Menschen.2

Wird Bromid über einen längeren Zeitraum oder in zu hoher Dosis eingenommen, kann es sich im Körper anreichern und zu Bromismus führen. Die Symptome sind vielfältig:

  • Neurologisch und psychiatrisch: Konzentrationsstörungen, verlangsamtes Denken, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Zittern.
  • Hautveränderungen: sogenannte Bromakne – entzündliche Hautveränderungen, oft im Gesicht – sowie chronischer Schnupfen („Bromschnupfen“).
  • Allgemeine Beschwerden: Müdigkeit, Schwindel, Magen-Darm-Störungen, Erschöpfung.3

Da sich die Beschwerden meist schleichend entwickeln, bleibt die Diagnose oft lange ungestellt. Wichtig: Bromismus ist vollständig reversibel, wenn die Substanz abgesetzt und aus dem Körper entfernt wird. Etwa durch Flüssigkeitsgabe und Chlorid, das die Ausscheidung über die Nieren fördert.4

Was ist passiert?

Ein 60-jähriger Mann ohne bekannte Vorerkrankungen kam mit Wahnvorstellungen in die Notaufnahme. Er war überzeugt, dass sein Nachbar ihn vergifte. Die Blutuntersuchungen zeigten auffällige Werte:

  • Der Salzgehalt im Blut (Chlorid) war ungewöhnlich hoch.
  • Eine rechnerische Größe im Blutbild – die sogenannte Anionenlücke – war stark negativ, was fast nie vorkommt.
  • Ein wichtiger Mineralstoff (Phosphat) war sehr niedrig.
  • Der Bromidwert war über 200-mal so hoch wie normal.

Kurz erklärt:
Diese Werte deuten darauf hin, dass sich eine ungewöhnliche Substanz im Körper angesammelt hat. Tatsächlich hatte der Patient sehr hohe Mengen Bromid im Blut. Der zunächst erhöhte Salzgehalt war in Wahrheit ein Messfehler, weil die Geräte Bromid fälschlich als Chlorid erfassten. Erst ein spezieller Labortest bestätigte: Der Mann hatte sich selbst mit Natriumbromid vergiftet.

In der weiteren Befragung gab der Patient an, seit drei Monaten auf normales Kochsalz verzichtet zu haben. Stattdessen verwendete er Natriumbromid als Ersatz, das er sich online beschafft hatte. Diese Entscheidung hatte er nach einer Unterhaltung mit ChatGPT getroffen. Dort habe er gelesen, dass man Chlorid durch Bromid ersetzen könne.

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Rolle von ChatGPT – wie KI zur Gesundheitsgefahr werden kann

Die behandelnden Ärzte hatten keinen Zugriff auf den genauen Chat-Verlauf. Bei einem eigenen Test mit ChatGPT 3.5 erhielten sie jedoch ebenfalls die Information, dass Bromid als Ersatz für Chlorid denkbar sei – ohne Warnhinweis oder Nachfrage nach dem Verwendungszweck.

Der Fall zeigt ein zentrales Problem moderner KI-Anwendungen: Sie liefern technisch richtige, aber kontextlose Informationen, die gefährlich werden können, wenn sie missverstanden oder ungeprüft übernommen werden. Besonders bei gesundheitlichen Fragen kann das schwerwiegende Folgen haben.

Auch unsere Kollegen von TECHBOOK haben über gesundheitliche Gefahren in Zusammenhang mit KI berichtet.

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Diagnose und Behandlung

Die Diagnose Bromismus wurde mithilfe eines Spezialverfahrens gesichert – der induktiv gekoppelten Plasma-Massenspektrometrie, die toxische Stoffe wie Bromid zuverlässig misst.

Die Behandlung erfolgte durch:

  • intravenöse Flüssigkeit, um Bromid aus dem Körper zu spülen,
  • Ausgleich der Elektrolyte, insbesondere des Phosphatwerts,
  • zeitweilige psychiatrische Behandlung, einschließlich der Gabe von Risperidon gegen Halluzinationen und Wahnvorstellungen.

Nach etwa drei Wochen Klinikaufenthalt stabilisierte sich der Zustand des Patienten. Die Symptome verschwanden, die Medikamente konnten abgesetzt werden. Zwei Wochen nach Entlassung war der Patient weiterhin beschwerdefrei.

Fazit

Der Fall zeigt, wie schnell künstliche Intelligenz zur Gesundheitsgefahr werden kann. Systeme wie ChatGPT werden immer häufiger wie Suchmaschinen genutzt – auch bei medizinischen Fragen. Doch KI liefert keine echten Empfehlungen, sondern nur generierte Antworten ohne Rückfrage, Bewertung oder Verantwortung.

Was bei harmlosen Fragen funktioniert, kann bei Gesundheitsthemen gefährlich werden. Künstliche Intelligenz ersetzt keine ärztliche Beratung. Wer sich bei Fragen zu Ernährung, Medikamenten oder Symptomen auf eine KI verlässt, begibt sich unter Umständen in große Gefahr – so wie in diesem Fall. Die Grenze zwischen Information und Verantwortung sollte klar gezogen werden – von Nutzern ebenso wie von Entwicklern.

Quellen

  1. Audrey, Eichenberger., Stephen, Thielke., Adam, Van, Buskirk. (2025). A Case of Bromism Influenced by Use of Artificial Intelligence. AIM Clinical Cases. ↩︎
  2. Pschyrembel Online. Bromismus. (aufgerufen am 13.08.2025) ↩︎
  3. DocCheck Flexikon. Kaliumbromid. (aufgerufen am 13.08.2025) ↩︎
  4. Zenoorg. Bromismus. (aufgerufen am 13.08.2025) ↩︎

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