26. Januar 2026, 17:32 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Ob als Ratgeber, Therapieersatz oder Gesprächspartner: Immer mehr Menschen nutzen dafür ganz selbstverständlich ChatGPT und Co. Doch laut einer aktuellen Studie steht der tägliche Gebrauch von KI mit depressiven Symptomen in Verbindung. Schadet künstliche Intelligenz der psychischen Gesundheit?
Künstliche Intelligenz (KI) kann in vielen Lebenslagen eine enorme Hilfe sein. Doch seit einiger Zeit machen Forscher zunehmend alarmierende Beobachtungen. Bei psychisch labilen Menschen scheint die exzessive Nutzung von ChatGPT, Google Gemini, Perplexity und Co. ihre depressiven Symptome weiter zu verschlimmern. Sie vermuten, dass Chatbots bei gefährdeten Personen Wahnvorstellungen auslösen und in seltenen Fällen sogar zu Suizidversuchen beitragen können. Ist KI vor allem dann problematisch, wenn sie menschliche soziale Interaktion ersetzen soll? Eine kürzlich im Fachmagazin „Jama Network“ veröffentlichte Umfrage des Massachusetts General Hospital in Boston unter 20.847 erwachsenen US-Bürgern liefert erste Hinweise.1
Jeder zehnte Amerikaner nutzt täglich KI
Die Teilnehmenden machten freiwillige Angaben zur Häufigkeit ihrer generativen KI-Nutzung (z. B. Chatbots) – von „nie“ bis „mehrmals täglich“. Zusätzlich wurde nach dem Zweck der Nutzung (privat, beruflich, schulisch) gefragt. An der im Frühjahr 2025 durchgeführten Online-Befragung nahmen etwa gleich viele Frauen und Männer aus allen 50 Bundesstaaten teil. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden betrug 47 Jahre.
Während fast die Hälfte der Befragten angab, generative KI beruflich einzusetzen, nutzt ein Großteil sie auch für private Zwecke. Jeder Zehnte gab an, diese täglich oder mehrmals täglich zu nutzen, hauptsächlich für Empfehlungen, Ratschläge oder emotionale Unterstützung. Der typische KI-Nutzer scheint – zumindest dieser Untersuchung nach – auf den ersten Blick jung und männlich zu sein, gebildet, lebt in einer größeren Stadt und hat ein höheres Einkommen. Fest steht: Künstliche Intelligenz ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch mit welchen Auswirkungen?
Wie depressiv sind KI-Nutzer?
Neben Nutzung und Häufigkeit von KI-Plattformen bildeten die Forscher die psychische Gesundheit der Teilnehmer mithilfe des Patientenfragebogens PHQ-9 über die letzten zwei Wochen ab: Der Patient Health Questionnaire-9 ist ein international anerkannter, kurzer Fragebogen zur Erfassung der Wahrscheinlichkeit und Schwere depressiver Symptome, ersetzt jedoch keine ärztliche Diagnose durch einen Psychiater.
Die Studienteilnehmer wurden unter anderem gefragt, ob und wie oft sie in den letzten zwei Wochen unter Konzentrations- und Schlafproblemen gelitten oder an Selbstverletzung gedacht hatten. Außerdem sollten sie angeben, wie oft sie sich traurig, hoffnungslos oder reizbar fühlten. Zusätzlich wurden auch Symptome wie Angstzustände und erhöhte Gereiztheit erfasst. Im Anschluss setzten die Forscher die Häufigkeit und Intensität der depressiven Symptome mit der jeweiligen KI-Nutzung in Beziehung.
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Wahrscheinlichkeit für depressive Symptome bei KI-Nutzern zwischen 45 und 64 Jahren bis zu 54 Prozent höher
Das Bild, das sich den Forschern nach ihrer Analyse zeigte, untermauerte ihre Vermutung: Die tägliche private Nutzung von KI steht mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für moderate bis stärkere depressive Symptome in Verbindung. Dies zeigte sich vor allem bei Nutzern, die Chatbots zur Lösung seelischer Probleme, zwischenmenschlicher Konflikte oder gegen Einsamkeit einsetzen.
Besonders ausgeprägt war dieser Zusammenhang bei Erwachsenen zwischen 45 und 64 Jahren. In dieser Altersgruppe lag die Wahrscheinlichkeit, im PHQ-9 ein Niveau zu erreichen, das typischerweise als Hinweis auf moderate oder stärkere depressive Symptome gilt, um bis zu 54 Prozent höher. Bei den 25- bis 44-Jährigen zeigte sich ebenfalls ein erhöhtes Risiko von rund 32 Prozent. Für junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren sowie für Menschen über 65 Jahre ließ sich hingegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang feststellen. Interessant: Die Nutzung von KI als Tool im Job oder Studium zeigte keine messbare negative Auswirkung auf die psychische Gesundheit. Der Nutzungskontext spielt demnach eine entscheidende Rolle.
Was sich aus der Studie ableiten lässt und was nicht
Macht KI depressiv? Dafür liefert die Studie keine Beweise, betonen die Forscher. Bei der Untersuchung handelt es sich um eine Querschnittsstudie, also eine Momentaufnahme, die keine Aussagen über Ursache und Wirkung erlaubt. Sie zeigt lediglich einen Zusammenhang zwischen privater KI-Nutzung und depressiven Symptomen auf. Ebenso möglich ist daher, dass Menschen mit bestehenden depressiven Symptomen oder Einsamkeit häufiger auf KI-Tools zurückgreifen. Die Daten basieren außerdem auf Selbstauskünften, die immer Einschränkungen mit sich bringen. So lassen sich zwar depressive Symptome per Fragebogen erfassen, eine klinische Diagnose ersetzen sie jedoch nicht. Der beobachtete Zusammenhang bestand zudem unabhängig von der Nutzung sozialer Medien, was darauf hindeutet, dass es sich nicht nur um ein Nebenprodukt allgemeiner Bildschirmzeit handelt. Dennoch scheint die Interaktion mit Chatbots Einfluss auf unser Wohlbefinden zu haben. Dies noch besser zu verstehen, müsse dringend weiter erforscht werden, heißt es in der Untersuchung. Nicht zuletzt, weil sich viele Menschen immer isolierter fühlen und Gespräche mit Chatbots für manche ihr einziges Mittel gegen Einsamkeit sind.