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Keine Fettleibigkeitsymptome

Das „fett, aber fit“-Paradoxon der Sumoringer

Sumoringer sind übergewichtig und dennoch gesund.
Der schwerste Sumoringer der Geschichte war übrigens Ōrora Satoshi mit 292,6 Kilogramm Foto: Patrik Giardino
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14. August 2026, 21:05 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Sumoringer wiegen durchschnittlich 160 Kilogramm, essen gewaltige Mengen Reis und Fleisch, trinken Bier und gelten dennoch lange Zeit als erstaunlich gesund. Während ihrer aktiven Karriere bleiben viele von Diabetes, Bluthochdruck und Herzinfarkten verschont. Ein scheinbar gewaltiger Widerspruch. Kann man also trotz Übergewicht fit und gesund sein? FITBOOK-Redakteur Michel Winges hat nachgeschaut, was hinter dem Paradoxon steckt.

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Duell der Götter

Nebel liegt über dem Wasser, als Kriegsgott Takemikazuchi und Kraftgott Takeminakata um das Schicksal Japans ringen. So erzählt es zumindest das „Kojiki“, die älteste Chronik Japans. Im Duell der beiden Götter soll entschieden worden sein, wer über die japanischen Inseln herrschen darf. Und die Art, wie dieser mythische Kampf ausgetragen wurde, gilt bis heute als Ursprung des Sumō, was übersetzt schlicht „Ringen“ bedeutet. Den ersten Kampf zwischen zwei Menschen datiert eine zweite Chronik, das Nihon Shoki, auf das Jahr 23 vor Christus.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren Sumoringer tatsächlich gar nicht dick. Aber dadurch, dass es beim Sumo keine Gewichtsklassen gibt, entwickelte sich mit der Zeit ein Trend hin zu immer schwereren Körpern. Im Ring bedeutet Masse gleich Macht.

Die Gefahren einer Fettleibigkeit

Doch was im Ring zum Vorteil wird, kann für den Körper zum ernsthaften Problem werden. Fettleibigkeit erhöht das Risiko für Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und Herzinfarkte. Grund ist die Art und Weise, wie sich Fett in unserem Körper verteilt. Ein Teil davon lagert sich tief im Bauchraum ab und umschließt dort lebenswichtige Organe wie die Bauchspeicheldrüse und die Leber. Man bezeichnet diese Fettart als „viszerales Fett“. Im Gegensatz zu normalem Körperfett gibt dieses Fett Stoffe ins Blut ab, die im Körper leichte, dauerhafte Entzündungen auslösen können.1 Genau diese unbemerkten Entzündungen begünstigen dann langfristig die genannten Krankheiten.2

Das Sumoringer-Paradoxon

Sumoringer wiegen im Durchschnitt 160 Kilogramm. Das entspricht einem BMI von über 47 – ab einem BMI von 25 gilt man übrigens als übergewichtig. Die Ringer nehmen Tag für Tag 5000 bis 10.000 Kalorien zu sich. Und trotz alledem leiden sie in der Regel nicht an den typischen Folgeerkrankungen einer Fettleibigkeit. Aktive Sumoringer leiden deutlich seltener an Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder anderen metabolischen Erkrankungen, als man angesichts ihres Gewichts erwarten würde. Grund ist, dass die Sumoringer kaum das kritische viszerale Fett einlagern. Stattdessen sammelt sich der Großteil ihres Fetts direkt unter der Haut an, dort, wo es die inneren Organe nicht beeinträchtigt.

Wie Körperfett die Blutwerte verändert

Das zeigt sich an zwei Blutwerten, die bei Fettleibigkeit normalerweise aus dem Ruder laufen: den Triglyceriden und dem Cholesterin.

Triglyceride sind Blutfette, die entstehen, wenn der Körper überschüssige Kalorien speichert. Lagert sich viel Fett um die Organe herum ab, gibt dieses Fettgewebe ständig freie Fettsäuren ins Blut ab, aus denen sich Triglyceride bilden. Ihr Spiegel steigt, und gleichzeitig nehmen Entzündungsprozesse in den Gefäßen zu.

Auch das Cholesterin gerät bei viszeralem Fett aus der Balance, insbesondere das HDL-Cholesterin, das überschüssiges Cholesterin eigentlich aus dem Blut abtransportiert und dadurch Gefäße schützt. Sinkt der HDL-Wert, fehlt dieser Schutzmechanismus, und Entzündungen nehmen zu.

Genau diese Kombination, also hohe Triglyceride und niedriges HDL, begünstigt bei fettleibigen Menschen die Entzündungen, die letztlich Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herzinfarkte bedingen. Bei Sumoringern bleiben Triglyceride dagegen im Normalbereich, weil ihr Fett kaum die Organe umhüllt.

Auch interessant: Probleme mit Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker? Welche Sportart wann hilft

Leben nach strengen Regeln

Auch wenn sie nicht danach aussehen, leben Sumōringer disziplinierter als viele andere Topathleten. Eine Sumoringer-Karriere endet meist mit Ende 20 bis Mitte 30. Vorwiegend treten die Ringer aber auch bereits im Alter von 15 Jahren in einen Rennstall, Heya genannt, ein. Ab diesem Moment teilen sie ihr Leben mit bis zu 15 Ringern aller Alters- und Rangklassen. Sie trainieren, kochen, essen und schlafen gemeinsam in einer strengen Hierarchie.

Der Tag beginnt noch vor dem Sonnenaufgang, meist zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Auf nüchternem Magen folgt hochintensives Training. Da das Training ohne vorheriges Frühstück stattfindet, zwingt die extreme Belastung den Körper dazu, sämtliche Glukosespeicher zu leeren und das Herz-Kreislauf-System enorm zu beanspruchen. Als mögliche Erklärung diskutieren Forscher, dass das tägliche Training zu ihrer hohen Insulinsensitivität und der vergleichsweise geringen Menge an viszeralem Fett beiträgt.

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Bier, Reis und Chanko

Erst gegen Mittag folgt die ersehnte erste Mahlzeit des Tages. Das Herzstück der Ernährung jedes Sumōringers ist der traditionelle Eintopf Chanko-Nabe. Dabei handelt es sich um eine extrem nährstoffreiche Brühe, gefüllt mit reichlich Proteinen, wie Hähnchen, Schweinefleisch, Fisch oder Tofu, sowie massenweise frischem Gemüse und Pilzen. Um kulinarische Monotonie zu vermeiden und die Nährstoffzufuhr zu variieren, wechselt die Einlage täglich. Der Eintopf an sich ist überaus gesund, kalorienarm und leicht verdaulich.

Die enorme Kalorienmenge von bis zu 10.000 Kilokalorien am Tag entsteht erst durch die Beilagen. Während die weiteren Beilagen stark variieren können, ist weißer Reis die essenzielle Grundlage, von der jeder Ringer gewaltige Mengen verzehrt. Um dem Körper zusätzlich flüssige Kalorien zuzuführen, trinken viele Ringer während der Mahlzeiten reichlich Bier. Nach dem gewaltigen Mittagessen legen sie sich direkt zu einem mehrstündigen Schlaf hin. Am späten Nachmittag folgen häufig keine weiteren harten Trainingseinheiten mehr; stattdessen erledigen die Ringer Aufgaben für die Stallgemeinschaft oder widmen sich der Regeneration, ehe gegen 18 Uhr das Abendessen serviert wird. Die Mengendimensionen stehen dem Mittagessen in nichts nach, doch der Speiseplan geht nun häufig über den Eintopf hinaus und bietet Gerichte wie Hacksteaks, frittiertes Hähnchen, gegrillten Fisch oder Curry-Reis.

Interessant: Bei Sumoringern liegt der Körperfettanteil tatsächlich nur bei etwa 20 bis 30 Prozent. Sie haben schlichtweg auch eine enorme Menge an Muskelmasse – im Mittel rund 80 Kilogramm fettfreie Masse.3 Durch diese gigantische Muskelmasse verbraucht ihr Körper selbst im Ruhezustand große Mengen an Energie. Auch das Herz passt sich an: Bei professionellen Ringern wurde eine ausgeprägte Vergrößerung der linken Herzkammer gemessen, ohne funktionelle Beeinträchtigung und bei normalem Blutdruck.4

Kann man also stark übergewichtig und gesund sein?

Die Sumoringer zeigen, dass die Antwort zumindest zeitweise „ja“ lautet. Doch ihr scheinbarer Widerspruch zur klassischen Fettleibigkeit hat Grenzen. Zwar bleiben Blutzucker- und Triglyceridwerte bei vielen aktiven Ringern trotz ihres enormen Gewichts im Normalbereich, vollständig kompensieren kann das tägliche Training die gesundheitlichen Folgen jedoch nicht. Sobald die Karriere endet und das tägliche, stundenlange Training wegfällt, verschwindet oft auch der schützende Effekt. Dann steigt das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Stoffwechselstörungen deutlich an.

Hinzu kommen die Folgen jahrelanger körperlicher Höchstbelastung. Knochenbrüche, schwere Knieverletzungen und frühzeitiger Gelenkverschleiß gehören zum Berufsrisiko. Auch die Phase nach der Karriere gilt als kritisch. Entsprechend ernüchternd sind die Zahlen zur Lebenserwartung. Japanische Sumoringer sterben im Durchschnitt bereits mit rund 65 Jahren und damit mehr als zehn Jahre früher als die allgemeine Bevölkerung. 5

Die häufigste Todesursache sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Sumoringer-Paradoxon beweist deshalb nicht, dass extremes Übergewicht harmlos ist. Es zeigt vielmehr, wie stark Muskelmasse, Bewegung und die Verteilung des Körperfetts darüber entscheiden können, ob ein Körper trotz seines Gewichts gesund bleibt. Würden Sumoringer nach dem Ende ihrer Karriere deutlich an Gewicht verlieren und körperlich aktiv bleiben, könnten sich viele der gesundheitlichen Risiken vermutlich reduzieren. Möglicherweise würde auch ihre Lebenserwartung nicht so deutlich unter der des Bevölkerungsdurchschnitts liegen. Ob und in welchem Ausmaß sich dieser Effekt tatsächlich einstellen würde, ist jedoch unklar.

Quellen

  1. Matsuzawa, Y., Shimomura, I., Nakamura, T., Keno, Y., Kotani, K., & Tokunaga, K. (1995). Pathophysiology and pathogenesis of visceral fat obesity. Obesity research, 3 Suppl 2, 187S–194S. ↩︎
  2. Tchernof, A., & Després, J. P. (2013). Pathophysiology of human visceral obesity: an update. Physiological reviews, 93(1), 359–404. ↩︎
  3. Midorikawa, T., Torii, S., Ohta, M., & Sakamoto, S. (2022). Characteristics of total body and appendicular bone mineral content and density in Japanese collegiate Sumo wrestlers. Scientific reports, 12(1), 11796. ↩︎
  4. Kinoshita N., Onishi S., Yamamoto S., et al. (2003). Unusual left ventricular dilatation without functional or biochemical impairment in normotensive extremely overweight japanese professional sumo wrestlers. American Journal of Cardiology, 91, 699-703 ↩︎
  5. Heshmati, H. M. (2025). Adipose Tissue, Appetite, & Obesity. Journal of the Endocrine Society. ↩︎

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