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„Cortisol-Face“?

Experte erklärt, warum ein rundes Gesicht keinen Cortisolüberschuss beweist

Experte klärt auf über das „Cortisol-Gesicht“
In Social Media ist vom „Cortisol Face“ die Rede, weil Influencer behaupten, dass Alltagsstress und ein hoher Spiegel des Stresshormons Cortisol zu einem aufgedunsenen, runden Gesicht führen. Im Gespräch mit dem Experten wird klar: Da wird viel durcheinandergebracht. Foto: Getty Images
Anna Echtermeyer
Redakteurin

5. September 2026, 8:50 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Ein rundes Gesicht im Spiegel – und TikTok schreit: „Cortisol Face!“ Dahinter steckt die Behauptung, Stress lasse das Gesicht aufquellen und verrate einen erhöhten Cortisolspiegel. Doch was ist medizinisch wirklich dran? Endokrinologe Dr. med. Tim Hollstein erklärt im Interview, warum ein rundes Gesicht meist kein Beweis für zu viel Cortisol ist, welche Warnzeichen tatsächlich auf eine Hormonstörung hindeuten und weshalb man seinem Spiegelbild keinen Cortisolwert ansehen kann.

„Ein rundes Gesicht allein ist sehr unspezifisch für einen Cortisolüberschuss“

FITBOOK: Ist ein rundes oder aufgedunsenes Gesicht ein zuverlässiges Anzeichen für einen Cortisolüberschuss? So wird es in den sozialen Medien teilweise dargestellt.
Dr. med. Tim Hollstein: „Ein rundes Gesicht allein ist sehr unspezifisch für einen Cortisolüberschuss und der Begriff Cortisol-Gesicht ist keine medizinische Diagnose. Eine deutlich rundere Gesichtsform kann aber bei einem echten, länger anhaltenden Cortisolüberschuss auftreten, wie es z. B. beim Cushing-Syndrom der Fall ist. Bei dieser Erkrankung spricht man vom sogenannten Vollmondgesicht. Das Gesicht ist dabei vor allem durch die Fettumverteilung runder und nicht einfach nur durch Wasser aufgeschwemmt. Beim Cushing-Syndrom kommen meist weitere Zeichen wie Muskelschwäche, dünnere Arme und Beine, breite violette Dehnungsstreifen, leicht auftretende blaue Flecken sowie ein Diabetes und Osteoporose hinzu.“

Zur Person: Dr. med. Tim Hollstein (39) ist Oberarzt und Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel. Außerdem ist er Ernährungsmediziner und Lipidologe, was bedeutet, dass er auf den menschlichen Fettstoffwechsel und dessen Erkrankungen spezialisiert ist.

Unter welchen Voraussetzungen treten solche Veränderungen auf? Spielt Stress eine Rolle?
„Ein Vollmondgesicht entsteht nicht nach einigen stressigen Tagen. Dafür braucht es über längere Zeit eine zu starke Wirkung von Cortisol oder verwandten Kortisonpräparaten. Die häufigste Ursache ist eine längerfristige Behandlung mit Cortisonpräparaten. Seltener produziert der Körper selbst dauerhaft zu viel Cortisol, etwa aufgrund einer Erkrankung der Hypophyse oder der Nebenniere.“

„Eine Frau kam mit starkem Vollmondgesicht zu mir in die Sprechstunde“

Wie schnell oder langsam sind solche Veränderungen bei einer krankhaften Cortisolerhöhung dann im Gesicht zu sehen?
„Eine feste Grenze gibt es nicht. Bei einer starken Cortisol- oder Kortisonwirkung können erste Gesichtsveränderungen innerhalb weniger Wochen auftreten. Ein ausgeprägtes Vollmondgesicht entwickelt sich meist über mehrere Wochen bis Monate. Nach einer erfolgreichen Behandlung geht es aber auch schnell wieder zurück. Das habe ich oft schon in meiner eigenen Sprechstunde gesehen. Eine Frau kam mit starkem Vollmondgesicht zu mir in die Sprechstunde. Wir haben ein Cushing-Syndrom diagnostiziert und die Patientin operiert. Danach war das Cortisol wieder normal und sie hat innerhalb von drei Monaten 20 Kilo Gewicht verloren und ihr Gesicht sah wieder normal aus.“

Als Ursache eines aufgedunsenen Gesichts wird auf TikTok und Co. oft Alltagsstress genannt. Kann das den Cortisolspiegel dauerhaft erhöhen?
„Alltagsstress kann den Cortisolspiegel vorübergehend erhöhen und z. B. zu vermehrtem Hunger auf kalorienreiche Nahrung führen. Dafür, dass solche normalen Schwankungen ein klar erkennbares und dauerhaftes Cortisol-Gesicht verursachen, gibt es aber keine belastbaren Belege. Der Denkfehler bei Social Media besteht darin, eine normale Stressreaktion mit einem chronischen, krankhaften Hormonüberschuss gleichzusetzen. Das sind klinisch völlig unterschiedliche Situationen.“

„Bei einem begründeten Verdacht auf einen Cortisolüberschuss sind standardisierte Untersuchungen notwendig“

Wie plausibel sind Fotos zum Thema „Cortisol Face“ oder „Cortisol-Gesicht“ in sozialen Medien?
„Als wissenschaftlicher Beleg sind diese Bilder kaum brauchbar. Perspektive, Abstand zur Kamera, Licht, Tageszeit, Schlaf, Alkohol, Gewichtsschwankungen und natürlich auch Bildbearbeitung, z. B. mit KI, können das Gesicht deutlich verändern. Man kann einem Gesicht keinen Cortisolwert ansehen! Auch ein einzelner zufällig gemessener Cortisolwert reicht für die Diagnose nicht aus. Bei einem begründeten Verdacht auf einen Cortisolüberschuss sind standardisierte Untersuchungen notwendig. Dazu zählen die Cortisolmessung im Urin, Speichel und ein sog. Dexamethason-Hemmtest, bei dem man eine hohe Cortisondosis von außen gibt und dann misst, was mit der körpereigenen Produktion passiert. Normal wäre, wenn der Körper seine eigene Produktion herunterfährt.“

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Diese Ursachen kann ein runderes Gesicht auch noch haben

Welche anderen Ursachen können hinter einem runderen Gesicht stecken?
„Ein runderes Gesicht kann schlicht mit Gewichtszunahme, genetischer Fettverteilung oder dem Alter zusammenhängen. Eine echte Schwellung kann durch vorübergehende Flüssigkeitseinlagerungen, Schlafmangel, bestimmte Medikamente oder eine Allergie entstehen. Auch eine Schilddrüsenunterfunktion, Nierenerkrankungen oder seltener Herz- und Lebererkrankungen kommen infrage. Einseitige, schmerzhafte oder gerötete Schwellungen sprechen eher für eine lokale Entzündung, beispielsweise an einem Zahn oder den Nasen-Nebenhöhlen. Eine plötzlich auftretende Schwellung von Lippen, Zunge oder Rachen mit Atemnot ist ein Notfall. Eine morgendliche Wassereinlagerung betrifft häufig die Augenlider und nimmt innerhalb einiger Stunden wieder ab.“ Eine krankhafte Fettumverteilung bleibt bestehen und entwickelt sich über Wochen oder Monate.”

Verursachen die Wechseljahre ein aufgeschwemmtes Gesicht?

Besteht ein Zusammenhang zwischen den Wechseljahren und einem veränderten Cortisolstoffwechsel, der das Gesicht aufgeschwemmt wirken lässt?
„Die Wechseljahre können die Stressachse und den Cortisolrhythmus beeinflussen. Es gibt aber keine belastbaren Belege dafür, dass sinkendes Östrogen einen krankhaften Cortisolüberschuss und dadurch ein aufgeschwemmtes Gesicht verursacht. Ein Vollmondgesicht ist kein typisches Wechseljahressymptom.“

Und was ist mit hormonellen Ersatztherapien?
„Eine Hormontherapie kann bei einzelnen Frauen vorübergehende Flüssigkeitseinlagerungen verursachen. Das ist aber keine für Cushing typische Fettumverteilung. Östrogen als Tablette kann außerdem das gemessene Gesamtcortisol erhöhen, weil mehr Cortisol-Bindungsprotein gebildet wird. Das biologisch wirksame Cortisol bleibt dabei weitgehend unverändert. Bei Pflastern oder Gel ist dieser Laboreffekt deutlich geringer. Daher messen wir z. B. auch kein Blut-Cortisol bei Frauen, die die Pille nehmen. Da ist der Speichel oder der Urin aussagekräftiger, weil dort das wirksame Cortisol gemessen wird.“

Haben Ashwagandha oder Magnesium einen relevanten Einfluss auf den Cortisolspiegel, oder ist das reines Marketing?
„Ashwagandha senkte in einigen kleinen Studien bei gestressten Menschen den Cortisolwert. Ob das klinisch relevant ist, bleibt unklar, zumal meistens nur das Gesamtcortisol im Blut gemessen wurde (also nicht das wirksame Cortisol). Für Magnesium ist die Datenlage noch schwächer. Kein frei verkäufliches Präparat behandelt ein Cushing-Syndrom oder eine krankhafte Fettumverteilung. Ein Cortisolüberschuss lässt sich nicht ‚wegdetoxen‘.“

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