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Fibrose bis Krebs

Verbreitete Chemikalie kann laut Studie Leber dramatisch schädigen

Chemikalie PCE Leber
Bei einer Leberzirrhose bildet sich durch wiederholte Schäden Narbengewebe in dem Organ Foto: Getty Images/Science Photo Libra
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12. November 2025, 13:43 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Lebererkrankungen treffen nicht nur Menschen mit Alkoholproblemen oder Übergewicht. Eine neue Studie zeigt: Eine Chemikalie – das weitverbreitete Lösungsmittel Tetrachlorethylen (PCE) – kann das Risiko für ernste Schäden in der Leber drastisch erhöhen. Selbst geringe Mengen im Blut reichen aus, um die Wahrscheinlichkeit für Leberfibrose deutlich zu steigern. Ein Studienergebnis, das Millionen Menschen betrifft.

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Tetrachlorethylen (PCE) ist ein flüchtiges Lösungsmittel, das in der chemischen Reinigung, aber auch in Haushaltsprodukten wie Fleckenentfernern, Klebern und Polituren eingesetzt wird. Trotz seiner bekannten Toxizität gibt es bisher kaum Daten darüber, wie stark PCE die Leber beeinträchtigen kann – vor allem außerhalb von Arbeitsumgebungen mit direktem Kontakt zu dieser Chemikalie. Brian Pei Lim Lee, Hauptautor der Studie, betont in einer Pressemitteilung: „Diese Studie, die erstmals den Zusammenhang zwischen PCE-Werten beim Menschen und signifikanter Leberfibrose untersucht, unterstreicht die unterschätzte Rolle, die Umweltfaktoren für die Gesundheit der Leber spielen können.“1

Querschnittsstudie mit 1600 Probanden

Das Forschungsteam nutzte die Daten der National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) für die Jahre 2017 bis 2020. Diese Untersuchung ist repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung der USA und dient regelmäßig zur Bewertung von Gesundheitsrisiken.2

Insgesamt wurden die Daten von 1614 Erwachsenen ab 20 Jahren analysiert. Um die PCE-Belastung zu bestimmen, wurde die Konzentration der Chemikalie im Blut gemessen. Die Nachweisgrenze lag bei einer PCE-Konzentration ab 0,034 Nanogramm pro Milliliter. Die Lebergesundheit wurde durch ein modernes Ultraschallverfahren – die vibrationskontrollierte transiente Elastographie – beurteilt. Diese misst die Lebersteifigkeit, also die Elastizität des Lebergewebes. Denn bei Fibrosen bildet sich zunehmend verhärtetes Narbengewebe. Als signifikante Leberfibrose galt ein Messwert über 8,2 Kilopascal.

Zur statistischen Auswertung nutzten die Forscher multivariate logistische Regressionsmodelle, um den Zusammenhang zwischen PCE und Leberfibrose unabhängig von anderen Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Einkommen oder Ethnie zu bewerten. Zusätzlich kam eine sogenannte Negativkontrolle zum Einsatz, um sicherzustellen, dass nicht andere Lösungsmittel die Ergebnisse verfälschten.

Enorme Belastung der Leber durch PCE

Die Ergebnisse sind alarmierend: Personen mit nachweisbarer PCE-Konzentration im Blut hatten ein mehr als dreifach erhöhtes Risiko, an einer Leberfibrose zu leiden, verglichen mit Personen ohne nachweisbares PCE.

Die Forscher berechneten zudem eine absolute Risikodifferenz. Für Personen, die PCE im Blut aufwiesen, war die Wahrscheinlichkeit, eine Leberfibrose zu entwickeln, um 27,7 Prozentpunkte höher als bei Menschen ohne PCE im Blut.

Insgesamt wiesen 7,4 Prozent der untersuchten US-Bevölkerung PCE im Blut auf. Die gemessenen Konzentrationen reichten von 0,034 bis 57,5 Nanogramm pro Milliliter, wobei der Median bei 0,09 Nanogramm pro Milliliter lag. Besonders bemerkenswert: Schon ein Anstieg um nur ein Nanogramm pro Milliliter führte zu einem mehr als fünffachen Anstieg des Risikos für Leberfibrose.

Andere bekannte Risikofaktoren – etwa Alkoholkonsum, Übergewicht oder Diabetes – spielten in dieser Analyse keine signifikante Rolle, wenn PCE nachweisbar war. Das deutet darauf hin, dass PCE ein eigenständiger Risikofaktor für Lebererkrankungen ist.

Bedeutung der Ergebnisse

Die toxische Wirkung von PCE zeigte sich bereits bei sehr niedrigen Konzentrationen im Blut, und der Zusammenhang war dosisabhängig. Das bedeutet: Je mehr PCE im Körper, desto größer das Risiko für Leberschäden. Mit diesen eindrücklichen Ergebnissen wird deutlich, dass PCE offenbar eine bisher zu wenig beachtete Gefahr für die Lebergesundheit darstellt. Und zwar auch für Menschen, die anderen klassischen Risikofaktoren wie Alkohol, Adipositas oder Hepatitis nicht ausgesetzt sind.

Besonders relevant ist dies für Menschen mit häufigem Kontakt zu chemisch gereinigter Kleidung, bestimmten Haushaltsprodukten oder Berufstätige in der Reinigungsbranche. Auch höherverdienende Haushalte waren laut Studie häufiger von PCE-Exposition betroffen, vermutlich durch intensivere Nutzung von Reinigungsdiensten.

Für Patienten mit unerklärlichen Leberproblemen könnte die PCE-Exposition ein möglicher, bislang übersehener Auslöser sein. Frühzeitige Tests könnten helfen, schwerwiegende Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Erst Fibrose, dann Zirrhose und am Ende Krebs?

Schon eine Leberfibrose bedeutet Einschränkungen der Leberfunktion und geht mit Symptomen wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust einher. Gefährlich ist, dass sie sich unbehandelt zu einer Leberzirrhose entwickelt, die wiederum das Risiko für Leberkrebs erhöht. Über 80 Prozent der Leberkrebsfälle entstehen aus einer Leberzirrhose.3

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Einordnung der Studie

Die Untersuchung ist von hoher wissenschaftlicher Qualität, da sie auf repräsentativen Bevölkerungsdaten basiert und fortgeschrittene statistische Methoden inklusive einer Negativkontrolle nutzt. Dies stärkt die Aussagekraft der Ergebnisse deutlich.

Allerdings handelt es sich um eine Querschnittsstudie – das bedeutet, es wurde nur ein Zeitpunkt betrachtet. Aussagen über Ursache und Wirkung sind daher nur begrenzt möglich. Zudem ist die Untersuchung auf die US-amerikanische Bevölkerung beschränkt. Ob sich die Ergebnisse auf europäische Länder wie Deutschland übertragen lassen, bleibt offen – allerdings wird die Chemikalie auch hierzulande verwendet.

Zuletzt ist zu sagen, dass die PCE-Messung nur einmalig im Blut erfolgte. Da die Chemikalie relativ schnell aus dem Körper ausgeschieden wird, könnten frühere Belastungen unterschätzt worden sein.

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Fazit

Die amerikanische Studie zeigt, dass das Lösemittel PCE das Risiko für schwerwiegende Leberschäden deutlich erhöhen kann, und das unabhängig von bekannten Risikofaktoren wie Alkohol oder Fettleber. Bereits geringe Mengen im Blut gingen mit einer dreifach erhöhten Wahrscheinlichkeit für Leberfibrose einher.

Die Ergebnisse legen nahe, dass Umweltgifte stärker in den Fokus der Leberdiagnostik rücken sollten – insbesondere bei unklaren Fällen. Zudem betonen die Autoren die Notwendigkeit, PCE-Exposition zu vermeiden, sowohl im Haushalt als auch am Arbeitsplatz.

Quellen

  1. University of Southern California. Common toxin linked to liver disease. EurektAlert! (aufgerufen am 12.11.2025) ↩︎
  2. Su, Y., Dodge, J. L., Lee, B. P. (2025). Tetrachloroethylene Is Associated With Presence of Significant Liver Fibrosis: A National Cross-Sectional Study in US Adults. Liver International. ↩︎
  3. Krankenhaus Nordwest. Leberkrebs und Leberzirrhose (aufgerufen am 12.11.2025) ↩︎

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