10. August 2026, 9:59 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) entwickeln häufiger psychische Erkrankungen. Eine große schwedische Studie zeigt nun, dass dieses erhöhte Risiko nicht erst nach der Diagnose beginnt, sondern bereits Jahre zuvor. Die Ergebnisse liefern neue Hinweise darauf, dass die psychische Gesundheit von Betroffenen frühzeitig stärker berücksichtigt werden sollte.
Erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen
Das Risiko für psychische Erkrankungen stieg laut der neuen Studie bereits zwei bis drei Jahre vor der Diagnose einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder einer nicht näher klassifizierten CED) an. Besonders häufig traten Depressionen, Angststörungen und Substanzmissbrauch auf. Dagegen zeigte sich für Erkrankungen wie Schizophrenie, Psychosen oder ADHS keine deutliche Risikoerhöhung.1
Wie die Studie durchgeführt wurde
Die Forscher wollten für ihre Studie herausfinden, wann das erhöhte Risiko für psychische Erkrankungen bei Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen beginnt und wie lange es anhält. Dafür werteten sie schwedische Gesundheitsregister aus und verglichen knapp 44.000 Menschen mit einer neu diagnostizierten CED mit rund 179.000 Personen aus der Allgemeinbevölkerung.
Zusätzlich wurden mehr als 26.000 Betroffene mit ihren gesunden Geschwistern verglichen, um den Einfluss gemeinsamer genetischer und familiärer Faktoren zu untersuchen. Analysiert wurden psychische Erkrankungen in den fünf Jahren vor und bis zu zehn Jahren nach der CED-Diagnose. Die Ergebnisse der Analyse wurden in der Fachzeitschrift „Clinical Gastroenterology and Hepatology“ veröffentlicht.
Die Ergebnisse im Detail
Bereits zwei Jahre vor der Diagnose war das Risiko für eine psychiatrische Erkrankung erhöht. Kurz nach der Diagnose wurde der höchste Wert erreicht. Danach nahm das Risiko zwar wieder ab, blieb aber auch zehn Jahre später noch über dem Niveau der Vergleichsgruppen.
Während einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 7,4 Jahren entwickelten 16,5 Prozent der Patienten mit CED eine psychische Erkrankung. In der Kontrollgruppe waren es 12,8 Prozent. Besonders häufig traten Angststörungen (7,3 gegenüber 5,3 Prozent), Depressionen (4,6 gegenüber 3,2 Prozent) und Substanzmissbrauch (3,3 gegenüber 2,7 Prozent) auf.
Die stärksten Risikoerhöhungen beobachteten die Forscher bei Depressionen und Angststörungen. Für Psychosen, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen oder ADHS zeigte sich dagegen kein deutlich erhöhtes Risiko. Allerdings wiesen die Betroffenen kurz nach der Diagnose ein erhöhtes Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen und ab dem fünften Jahr auch für Essstörungen auf.
Bemerkenswert war außerdem, dass die Geschwisteranalyse ein sehr ähnliches Risikomuster zeigte, wenn auch mit leicht abgeschwächten Werten. Das spricht dafür, dass gemeinsame Gene oder familiäre Einflüsse den Zusammenhang nicht vollständig erklären können.
Das Alter bei der Diagnose spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Während die Risikoerhöhung vor der Diagnose vor allem bei Erwachsenen zu beobachten war, tragen Patienten, die bereits im Kindes- oder Jugendalter an CED erkranken, langfristig das höchste absolute Risiko für spätere psychische Probleme.
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Stärken und Schwächen der Studie
Zu den Stärken der Studie zählen die große Teilnehmerzahl, die landesweite Erfassung, die lange Nachbeobachtungszeit und die Nutzung validierter Registerdaten. Zudem verringerte eine Geschwisteranalyse den Einfluss gemeinsamer familiärer Faktoren.
Zu den Einschränkungen gehört, dass Daten aus der hausärztlichen Versorgung sowie Informationen zur Krankheitsaktivität, zu eingenommenen CED-Medikamenten (die ebenfalls psychische Nebenwirkungen haben können) und zu Lebensstilfaktoren fehlten. Dadurch könnten insbesondere leichtere psychische Erkrankungen unterschätzt worden sein. Außerdem handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, sodass keine Aussagen über Ursache und Wirkung möglich sind.
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Das zeigen frühere Studien zu diesem Thema
Eine dänische Studie mit gut 22.000 CED-Patienten und mehr als 110.000 Vergleichspersonen kam 2023 zu einem ähnlichen Ergebnis.2 Das Risiko für Angststörungen und Depressionen war bereits mindestens fünf Jahre vor der Diagnose erhöht und blieb es bis mindestens zehn Jahre danach. Am höchsten lag es auch hier rund um den Diagnosezeitpunkt. Für bipolare Störungen fanden die Forscher dagegen keinen Zusammenhang.
Woran der frühe Anstieg liegen könnte, deutet eine britische Auswertung von Hausarztdaten an. Verglichen wurden gut 15.000 CED-Fälle mit einer Kontrollgruppe.3 Ein erhöhtes CED-Risiko zeigte sich dort nur bei Menschen, die vor der Depression bereits Magen-Darm-Beschwerden hatten. Eine Depression für sich genommen war nicht mit einer späteren CED verbunden. Das spricht dafür, dass die psychische Belastung eher eine Folge der noch nicht diagnostizierten Darmbeschwerden ist als deren Ursache – und passt zu der Empfehlung der schwedischen Autoren, psychische Symptome schon bei der ersten gastroenterologischen Abklärung mitzuerfassen.