28. September 2026, 13:48 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Der Bauchnabel ist weit mehr als nur ein verbliebener Überrest unserer Geburt – er könnte sich als ungeahntes Diagnosefenster entpuppen. Forscher aus Deutschland haben untersucht, was die Moleküle im Bauchnabel über unsere Gesundheit verraten. Können Sie etwa auf Parkinson, Corona oder eine Vorstufe von Demenz hinweisen?
Ob wir einen Raum betreten, Sport treiben oder gestresst sind: Unser Körper gibt ununterbrochen winzige Duftmoleküle an die Umwelt ab. Wissenschaftler sprechen vom sogenannten Volatilom – der Gesamtheit aller flüchtigen organischen Verbindungen (englisch Volatile Organic Compounds, kurz VOCs). Sie entweichen über Schweiß, Talg und Atmung.
Dass Krankheiten diesen individuellen Körpergeruch verändern können, ist in der Medizin nicht neu. Berühmt wurde der Fall der Schottin Joy Milne, die den Parkinson-Erkrankungsprozess ihres Mannes Jahre vor den ersten motorischen Symptomen am Geruch seiner Haut wahrnahm. Doch wie lässt sich dieser biologische Warnstoff messbar und für Ärztinnen und Ärzte nutzbar machen? Genau hier kommt eine ungewöhnliche Körperstelle ins Spiel: der Bauchnabel.
Warum ausgerechnet der Bauchnabel?
Wer an medizinische Proben denkt, kommt meist zuerst auf Blut, Speichel oder Urin. Für die Geruchsdiagnostik hat der Bauchnabel jedoch entscheidende wissenschaftliche Vorteile gegenüber exponierten Hautstellen wie den Händen oder dem Gesicht:
- Geschützter Hohlraum: Der Bauchnabel ist vor äußeren Umwelteinflüssen gut geschützt.
- Keine Überdeckung durch Kosmetika: Während Gesicht und Hände täglich mit Seifen, Cremes oder Parfüm in Berührung kommen, bleibt das mikrobielle und chemische Milieu im Bauchnabel weitgehend unverfälscht.
- Reich an Talg und Schweiß: Hier lagern sich natürliche Hautfette und Drüsensekrete besonders stabil ab – ideal, um Stoffwechselprodukte zu konservieren
Die Studie: Wenn der Laser den Körpergeruch hört
Ein Forschungsteam des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen (IIS) und der TU Dresden wollte wissen, ob sich krankheitsspezifische Geruchsmuster diagnostizieren lassen.1 Für ihre Pilotstudie nahmen sie Abstriche mit sterilen Wattestäbchen von insgesamt 24 Personen:
- 6 Personen mit Parkinson
- 6 Personen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen (MCI, einer potenziellen Vorstufe von Demenz)
- 6 Personen mit einer akuten COVID-19-Infektion
- 6 gesunde Kontrollpersonen
Die Abstriche wurden an drei Körperstellen genommen: in der Nase, am Ohr und im Bauchnabel.
Anschließend analysierte das Team die Proben mit einer hochmodernen Methode: der laserbasierten photoakustischen Spektroskopie (LPAS). Vereinfacht gesagt wird die Duftprobe mit infrarotem Laserlicht bestrahlt. Absorbieren die Moleküle das Licht, erwärmen sie sich minimal und erzeugen feine Druckwellen. Das ist ein akustisches Signal, das von hochempfindlichen Sensoren wie ein winziger Schall gemessen wird. Das Ergebnis ist ein hochpräziser chemischer Fingerabdruck des Geruchs.
Die Ergebnisse: Was der Bauchnabel enthüllte
Die statistische Auswertung der Spektren brachte erstaunliche Erkenntnisse ans Licht.
- Der Bauchnabel als Demenz-Warnsignal: Bei den Bauchnabel-Abstrichen zeigte sich ein besonders deutliches Bild. Die Laser-Messung konnte gesunde Menschen und Personen mit leichten kognitiven Einschränkungen messerscharf voneinander trennen.
- Klare Gruppenmuster: Auch über alle vier Gruppen hinweg (Parkinson, COVID-19, kognitive Beeinträchtigung, gesund) zeigten die Geruchsmuster aus dem Bauchnabel deutliche Krankheitsunterschiede. Auch die Abstriche aus der Nase ergaben ein klares Bild.
- Bestätigung bei Wiederholung: Um auszuschließen, dass es sich um reine Zufallsergebnisse handelte, testeten die Forscher zwei Wochen später drei weitere Parkinson-Patienten. Deren Proben fügten sich nahtlos in das zuvor ermittelte Parkinson-Muster ein.
Noch weit von einem Diagnose-Test entfernt
So interessant die Ergebnisse auch sind: Die Studie war sehr klein. Mit insgesamt nur 24 Teilnehmern lassen sich noch keine zuverlässigen Aussagen darüber treffen, ob sich Parkinson oder andere Erkrankungen tatsächlich anhand des Bauchnabelgeruchs erkennen lassen. Hinzu kommt, dass das Alter der Probanden ebenfalls einen Einfluss auf die gemessenen Geruchsmuster hatte. Die Forscher konnten deshalb nicht eindeutig sagen, welcher Anteil der Unterschiede auf die Erkrankung und welcher auf das Alter zurückzuführen war. Außerdem fanden die Messungen unter streng kontrollierten Laborbedingungen statt. Im Alltag könnten Faktoren wie Parfüm, Duschgel, Körperpflege oder Umwelteinflüsse die Ergebnisse beeinflussen.
Der 5-Wellenlängen-Trick: Kommt bald der Mini-Scanner für die Westentasche?
Eine spannende technische Entdeckung der Studie liegt in der Vereinfachung des Verfahrens. Um die verschiedenen Krankheitsbilder zu unterscheiden, brauchten die Wissenschaftler keineswegs ein riesiges, komplexes Laserspektrum.
Durch gezielte Berechnungen stellten sie fest: Bereits fünf spezifische Laser-Wellenlängen reichen völlig aus, um die Diagnosen mit nahezu der gleichen Genauigkeit wie das komplette Spektrum zu trennen. Das ist ein echter Meilenstein für die Praxis. Statt teurer, sperriger Laborgeräte macht diese Erkenntnis die Entwicklung von handlichen, tragbaren Diagnose-Scannern möglich. In Zukunft könnten Ärztinnen und Ärzte womöglich mit einem einfachen Wattestäbchen-Abstrich und einem kompakten Handgerät innerhalb weniger Minuten Risikomuster erkennen.
Wissenschafts-Check: Warum die Forscher trotzdem zur Vorsicht mahnen
So faszinierend die Ergebnisse sind – die Autoren der Studie betonen ausdrücklich, dass es sich um einen ersten Proof-of-Concept (einen Machbarkeitsnachweis) unter kontrollierten Laborbedingungen handelt:
- Kleine Teilnehmerzahl: Mit nur sechs Personen pro Krankheitsgruppe ist die Stichprobe noch zu klein, um daraus klinische Routine-Tests abzuleiten.
- Einflussfaktor Alter: Da Krankheiten wie Parkinson oder kognitiver Abbau vorwiegend ältere Menschen betreffen, waren die Erkrankten im Schnitt älter als die gesunde Vergleichsgruppe. Ob die Geruchsunterschiede rein auf die Krankheit oder teilweise auch auf natürliche Alterungsprozesse der Haut zurückzuführen sind, müssen größere Folgestudien mit exakt altersgleichen Gruppen klären.
- Einflüsse im Alltag: Im echten Leben spielen Ernährung, Duschgewohnheiten, Hygieneprodukte oder Hautflora eine Rolle, die in größeren Studien weiter untersucht werden müssen
Wer an Parkinson leidet, hat einen speziellen Körpergeruch
Wirkt der Duftstoff Farnesol gegen Parkinson?
Experte: Warum die Idee gar nicht so abwegig ist
Dass der Bauchnabelgeruch tatsächlich Hinweise auf Parkinson liefern könnte, hält Neurologe Prof. Dr. Kleinschnitz grundsätzlich für möglich: „Dass unser Bauchnabel einmal bei der Früherkennung von Parkinson helfen könnte, klingt kurios, ist wissenschaftlich aber durchaus plausibel.“ Parkinson betreffe nämlich nicht nur die Bewegungszentren im Gehirn, sondern auch das vegetative Nervensystem und den Stoffwechsel.
Dadurch könne sich unter anderem die Talgproduktion der Haut verändern. Auch Veränderungen im Fettstoffwechsel seien bei Parkinson bekannt. Beides könnte den charakteristischen Geruch beeinflussen, der durch bestimmte flüchtige organische Verbindungen entsteht. „Ähnliche Ergebnisse hat man auch schon für die Zusammensetzung des Ohrenschmalzes bei Parkinson-Patienten gefunden“, erklärt der Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen. Die aktuellen Ergebnisse seien deshalb durchaus spannend, wenn auch noch weit von einem zuverlässigen Parkinson-Test entfernt.
Der Bauchnabel ist ein unterschätztes Biotop
Die Pilotstudie aus Deutschland belegt eindrucksvoll, dass unser Körpergeruch wertvolle biochemische Visitenkarten hinterlässt – und moderne Lasertechnik in der Lage ist, diese winzigen Duftspuren zu entziffern. Bis zum Praxis-Check im Sprechzimmer vergehen sicher noch einige Jahre, doch der Bauchnabel hat das Potenzial, die schmerzfreie Früherkennung von Krankheiten revolutionieren zu helfen.