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Bereits direkt nach der Geburt

Bestimmte Gehirnreaktion bei Säuglingen kann Hinweis auf spätere Legasthenie geben

Baby beim EEG – Warnzeichen für Legasthenie im Gehirn von Babys
Spannende Forschungsergebnisse aus Finnland: Bestimmte Hirnreaktionen bei Neugeborenen können Warnzeichen einer späteren Legasthenie sein. Daraus ergeben sich große Chancen für die Frühförderung. Foto: Getty Images
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Anna Echtermeyer
Redakteurin

6. November 2025, 13:01 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Legasthenie wird meist erst beim Lesen- und Schreibenlernen erkannt. Angelegt ist das Risiko aber viel früher. Aktuelle Forschung zeigt: Spezielle Hirnreaktionen bereits im Neugeborenenalter können ein Warnzeichen für eine spätere Leseschwierigkeit sein. Solche frühzeitigen Hinweise können Eltern helfen, nicht unnötig lange zu warten, sondern rechtzeitig gezielt zu fördern.

Neuronale Basis für Legasthenie bereits bei Neugeborenen erkennbar

Forscher der University of Helsinki (Finnland) haben mithilfe von EEG-Messungen untersucht, wie das Gehirn von Säuglingen auf Sprachlaute reagiert. Die EEG (Elektroenzephalografie) misst elektrische Aktivität an der Kopfoberfläche. Sie stellten fest: Babys mit größeren Amplituden bei der Unterscheidung von Sprachlauten zeigten statistisch später eine bessere Lesefähigkeit. Bei Babys mit familiärem Legasthenie-Risiko waren die Ausschläge deutlich geringer. Das zeigt, dass sich die neuronale Basis für Legasthenie schon im Säuglingsalter abzeichnet – bevor Kinder überhaupt sprechen oder lesen lernen. Über diese Hirnreaktionen hinaus gibt es aber noch andere Faktoren, die das Lesen und Schreiben später beeinflussen können.

Den Forschern ging es um Frühindikatoren für Lese- und Sprachprobleme bei erhöhtem Legasthenie-Risiko

Schon lange vor der Einschulung entwickeln Kinder sogenannte „Vorläuferfähigkeiten“ des Lesens – darunter das schnelle Benennen von Objekten, das Erkennen von Sprachlauten oder das Merken gesprochener Informationen. Diese Fähigkeiten gelten als Grundpfeiler für die spätere Lese- und Sprachentwicklung. Doch welche biologischen Grundlagen beeinflussen sie? Sergio Navarrete-Arroyo, Erstautor der Studie und Doktorand im Fachbereich Psychologie an der Uni Helsinki, und andere Wissenschaftler wollten herausfinden, ob bestimmte Gehirnreaktionen von Säuglingen Hinweise auf die spätere Entwicklung solcher Vorläuferfähigkeiten liefern. Im Kern ging es den Forschern um die Frage: Können Unterschiede in der Sprachverarbeitung bei Neugeborenen und Kleinkindern zuverlässige Frühindikatoren für spätere Lese- und Sprachprobleme – etwa bei einem erhöhten Risiko für Legasthenie – sein? Die Ergebnisse der Langzeitstudie wurden in der Fachzeitschrift „Clinical Neurophysiology“ veröffentlicht.1

EEGs nach Geburt, mit 6 Monaten und 2 Jahren

Die Forscher machten bei 210 gesunden Babys EEGs – als Neugeborene, mit sechs Monaten und mit 28 Monaten. Bei etwa 75 Prozent der Kinder lag ein familiäres Risiko für Legasthenie vor.

Wichtig zu wissen: Legasthenie wird zu 50 Prozent vererbt und entsteht zu 50 Prozent als Spontanmutation. Die genetische Veränderung sorgt dafür, dass die Vernetzung im Sprachzentrum dieser Kinder nicht ausreichend angelegt ist. Der IQ korreliert nicht mit der Lese- und Rechtschreibkompetenz: Auch Hochbegabte können eine Legasthenie haben. Weitere Irrtümer um das Thema räumt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. in diesem Interview vom Tisch. Darin erklärt sie auch genau, wie – und in welchem Alter – es zu einer gesicherten Diagnose kommen kann und was Eltern dann tun sollten.

Während der EEGs hörten die Babys Kunstwörter oder Lautfolgen, bei denen ab und zu ein Laut leicht verändert wurde. Die Forschenden achteten in den Aufzeichnungen des EEGs dann speziell auf Muster in den Hirnströmen, die entstehen, wenn das Gehirn merkt, dass etwa in einer Reihe gleich klingender Silben plötzlich ein anderer Vokal oder eine andere Tonhöhe auftaucht. Wenn das Gehirn sensibel Sprachlaute voneinander unterscheiden kann, sind diese Muster stark ausgeprägt. Die Forscher sprechen dann von einem „reifen“ Sprachverarbeitungsmuster. Und andersherum: Sind diese speziellen Muster (Fachbegriff: Mismatch Responses innerhalb der ereignisbezogenen Hirnpotenziale) schwach ausgeprägt, kann das Gehirn Sprachlaute nicht so gut voneinander unterscheiden.

Buchstaben- und Objekterkennung mit 4 bis 5 Jahren getestet

Im Alter von 28 Monaten sowie erneut mit vier bis fünf Jahren wurden die Kinder auf Vorläuferfähigkeiten des Lesens getestet. Dazu zählten u.a. die Geschwindigkeit beim Benennen bekannter Objekte, das phonologische Gedächtnis sowie das Erkennen von Buchstaben (nur mit vier bis fünf Jahren).

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Das fiel den Forschern in den Babyhirnen auf

Insgesamt bestätigt die Studie: Je effizienter das Gehirn bereits in jungen Jahren Sprachlaute verarbeitet – insbesondere in der linken Hirnhälfte –, desto besser entwickeln sich zentrale Vorläuferfähigkeiten für das Lesen. Spannend: Deutliche Unterschiede in den Hirnreaktionen, die mit späteren Lesefähigkeiten zusammenhängen, zeigten sich bereits direkt nach der Geburt.

Die EEGs zeigten, dass Babys mit familiärem Legasthenie-Risiko oft schwächere oder verzögerte Mismatch Responses haben als Babys ohne dieses angeborene Risiko. Mit anderen Worten: Ihr Gehirn unterscheidet Sprachlaute weniger präzise. Auch die Spezialisierung der linken Gehirnhälfte auf Sprache war bei Babys mit angeborenem Legasthenie-Risiko weniger ausgeprägt als bei den anderen Kindern. Bei den meisten Menschen ist die linke Gehirnhälfte aufgrund der zentralen Rolle der Sprache dominanter, auch wenn beide Gehirnhälften bei jeder Aktivität zusammenarbeiten. Man nennt das auch Linkshemisphärendominanz.

Bedeutung für vorschulische Lesefähigkeiten: Je schneller Babys Gehirn auf Sprache reagierte, desto …

Neugeborene mit starken Hirnsignalen bei den Mismatch Responses (also „reifen“ Mustern) konnten sowohl mit 28 Monaten und auch später mit vier bis fünf Jahren Gegenstände schneller und genauer benennen als Babys bzw. Kinder, deren Gehirn diese Schnelligkeit in Bezug auf die Unterscheidung von Sprachlauten nicht aufbrachte. Auch in zwei weiteren, wichtige Voraussetzung für den Spracherwerb und das Lesen- und Schreibenlernen schnitten diese Kinder besser ab: im phonologischen Gedächtnistest sowie in der phonologische Verarbeitung. Das meint die Fähigkeit, die Lautstruktur von gesprochener und geschriebener Sprache zu verstehen und zu nutzen – und diesen Input kurzzeitig zu speichern.

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Dritter Faktor könnte spätere Legasthenie beeinflussen

Wichtig zu verstehen: Die Studie zeigt, dass frühe Hirnreaktionen ein Warnzeichen oder Prädiktor für spätere Fähigkeiten sein könnten. Denn statistisch gehen die „reifen“ Muster in den Hirnströmen später oft mit besseren Leistungen beim schnellen Benennen etc. einher. Was die Studie nicht beweisen kann: Dass ein Kind besser war im Lesenlernen als ein anderes, weil bei ihm im Säuglingsalter diese reifen Muster in den Hirnströmen vorhanden waren. Denn es könnte sein, dass ein dritter Faktor sowohl die Hirnreaktionen als auch die späteren Fähigkeiten beeinflusst: etwa die allgemeine Hirnreifung, die Förderung durch die Eltern oder – ganz simpel – die Genetik.

Welche Bedeutung haben die Ergebnisse?

Wir haben es hier mit wichtigen neuen Erkenntnissen für die Frühdiagnostik von Leseschwierigkeiten zu tun! Besonders spannend ist der Nachweis, dass sich Unterschiede in der Sprachverarbeitung bereits bei Neugeborenen nachweisen lassen – noch bevor das Kind erste Wörter spricht. Somit könnten frühkindliche EEG-Messungen in Zukunft dabei helfen, Kinder mit erhöhtem Risiko für Lese- und Sprachprobleme rechtzeitig zu identifizieren.

So könnten gezielte Fördermaßnahmen ergriffen werden, lange bevor das Kind lesen und schreiben lernt – und zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Gehirnentwicklung noch besonders gut beeinflussen lässt. Bei Babys könnten das etwa auditive Lernspiele sein mit dem Ziel, deren neuronale Sensibilität für Lautunterschiede zu verbessern. Auch Musik kann in dieser Frühförderung eine wichtige Rolle einnehmen, denn Singen und Rhythmusspiele stärken die Fähigkeit, verschiedene Laute und Klänge voneinander zu unterscheiden. Ganz entscheidend für das Sprachverständnis!

Sobald Kinder Sprache aktiv nutzen, kann man sie in noch gezieltere Frühförderprogramme bringen. Hier geht es dann etwa um das Erkennen und Manipulieren von Lauten oder Übungen mit Lautfolgen, Zahlenreihen und Reimwörtern. Eltern können hier spielerisch mitarbeiten.

Quellen

  1. Navarrete-Arroyo S., Virtala P., Laasonen M. et al. (2025): Infant neural speech encoding is associated with pre-reading skill development. Clinical Neurophysiology. ↩︎

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