9. September 2026, 13:55 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Stress im Job kann sich auf Schlaf, Stimmung und Herz-Kreislauf-System auswirken. Doch möglicherweise reichen die Folgen noch weiter: Eine aktuelle Studie mit über 800 jungen, berufstätigen Männern untersuchte, ob psychische Belastungen am Arbeitsplatz auch mit der sexuellen Gesundheit zusammenhängen. Sie fand heraus, dass hoher Arbeitsstress zu erheblichen Erektionsstörungen führen kann.
Große Unterschiede beim Stresslevel
Je stärker die Männer am Arbeitsplatz psychisch belastet waren, desto häufiger berichteten sie über Erektionsprobleme. In der Gruppe mit der geringsten Belastung hatten rund acht Prozent eine erektile Dysfunktion, in der am stärksten belasteten Gruppe waren es dagegen rund 54 Prozent. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem die Forscher mögliche andere Einflussfaktoren statistisch berücksichtigt hatten. Parallel dazu fanden die Forscher Veränderungen verschiedener Hormone. Unter anderem waren höhere Stresswerte mit mehr Cortisol und weniger Testosteron verbunden.
Ablauf der Studie
Die Forscher aus China wollten für ihre Studie genauer untersuchen, wie Arbeitsstress und Erektionsfähigkeit zusammenhängen und welche Rolle Stress- und Sexualhormone dabei spielen könnten. Dafür untersuchten sie zwischen März 2022 und August 2024 insgesamt 826 vollzeitbeschäftigte Männer im Alter von 22 bis 40 Jahren in China. Männer mit Erkrankungen, die Erektionsprobleme körperlich verursachen könnten, wurden von der Studie ausgeschlossen. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin „International Journal of Clinical Practice“ veröffentlicht.1
Um die Belastung am Arbeitsplatz möglichst umfassend abzubilden, entwickelten die Forscher einen eigenen Stressindex. Berücksichtigt wurden fünf Faktoren:
- Arbeitszeit
- Entscheidungsspielraum
- Unterstützung durch Vorgesetzte
- Beziehungen zu Kollegen
- Beförderungsdruck
Die Teilnehmer machten außerdem Angaben zu ihrer Erektionsfähigkeit. Zusätzlich wurden unter anderem Cortisol und Testosteron im Blut bestimmt. Anschließend untersuchten die Forscher, wie Arbeitsstress, Hormonwerte und Erektionsfähigkeit statistisch miteinander zusammenhingen.
Stresshormon Cortisol spielt eine wichtige Rolle
Mit zunehmendem Arbeitsstress verschlechterte sich die durchschnittliche Erektionsfähigkeit der Teilnehmer schrittweise. Gemessen wurde sie mit dem sogenannten IIEF-5-Fragebogen, bei dem höhere Punktzahlen für eine bessere Erektionsfähigkeit stehen. Werte von 22 bis 25 Punkten gelten als unauffällig, niedrigere Werte weisen auf unterschiedlich stark ausgeprägte Erektionsprobleme hin. Bei den am wenigsten gestressten Männern lag die Erektionsfähigkeit mit durchschnittlich 22,86 von maximal 25 Punkten im unauffälligen Bereich. Bei den am stärksten belasteten Männern waren es dagegen nur noch durchschnittlich 15,28 Punkte – ein Wert, der auf Erektionsprobleme hindeutet.
Dabei scheinen nicht alle Belastungen am Arbeitsplatz die gleiche Bedeutung zu haben. Nach Angaben der Autoren spielten insbesondere lange Arbeitszeiten und Beförderungsdruck eine Rolle. Unterstützung durch Vorgesetzte und gute Beziehungen zu Kollegen zeigten dagegen einen schützenden Zusammenhang.
Auch bei den Hormonen zeigten sich Unterschiede: Lange Arbeitszeiten und hoher Beförderungsdruck waren vor allem mit erhöhten Cortisolwerten verbunden, soziale Unterstützung dagegen mit höheren Testosteronwerten. Nach den statistischen Berechnungen könnten hormonelle Veränderungen knapp 40 Prozent des beobachteten Zusammenhangs zwischen Arbeitsstress und Erektionsfähigkeit erklären. Die wichtigste Rolle spielte dabei das Stresshormon Cortisol.
Die Analysen deuten zudem auf eine genaue zeitliche Abfolge hin: Zuerst stieg der Cortisolspiegel an. Etwa zwei bis vier Wochen später folgte ein Abfall des Testosteronspiegels und weitere vier bis sechs Wochen später die Verschlechterung der Erektionsfähigkeit. Aus diesem Zeitraum von insgesamt sechs bis zehn Wochen ergibt sich laut den Forschern ein wichtiges Zeitfenster für frühzeitige Gegenmaßnahmen, bevor eine Erektionsstörung entsteht.
Wenn das in der Nacht passiert, steigt das Risiko für Erektionsstörungen
Richtige Ernährung kann vor Erektionsstörungen schützen
Stärken und Schwächen der Studie
Eine Stärke der Studie ist die relativ große Zahl an Teilnehmern. Zudem untersuchten die Forscher nicht nur die psychische Belastung und Erektionsfähigkeit, sondern bestimmten auch verschiedene Hormonwerte. Mögliche Einflussfaktoren wie Alter, Übergewicht, Rauchen, Alkoholkonsum, Schlafqualität, Depressionen und Angststörungen wurden bei der statistischen Auswertung berücksichtigt. Männer mit bekannten körperlichen Ursachen für Erektionsstörungen waren von der Untersuchung ausgeschlossen.
Allerdings gibt es auch mögliche Einschränkungen. So entwickelten die Forscher für die Studie einen neuen Index zur Erfassung von Arbeitsstress. Dieser erwies sich in ersten Tests zwar als zuverlässig und stimmte gut mit etablierten Verfahren überein, muss aber noch in weiteren Untersuchungen überprüft werden. Auch das von den Forschern entwickelte Modell zur Abschätzung des Risikos für Erektionsstörungen kann keine ärztliche Diagnose ersetzen.
Trotz der Notwendigkeit weiterer Überprüfungen lieferte das entwickelte Risikomodell bereits vielversprechende Ergebnisse: Durch die Kombination aus Stressindex und Hormonwerten konnte das Risiko für Erektionsstörungen mit hoher Treffsicherheit vorhergesagt werden.
Zudem weisen die Autoren auf methodische Grenzen hin: An der Untersuchung nahmen ausschließlich junge Vollzeitbeschäftigte in China teil, die in einer festen Partnerschaft lebten. Männer mit Schichtarbeit sowie ältere Jahrgänge wurden bewusst ausgeschlossen. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf ältere Männer, Schichtarbeiter oder andere Kulturräume übertragen.
Die Studie wurde durch mehrere chinesische Forschungsprogramme gefördert, aber die Autoren gaben keine Interessenkonflikte an.
Auch interessant: Bestimmte Essgewohnheit soll zu Erektionsstörungen führen können
Was frühere Studien zu diesem Thema zeigten
Der Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastung und Erektionsfähigkeit wurde auch außerhalb Chinas untersucht. 2019 befragte ein griechisches Forschungsteam 251 Assistenzärzte zu Burn-out, Arbeitsstress und Sexualfunktion.2 Bei den Männern war vor allem persönliches Burn-out mit Erektionsstörungen und geringerer sexueller Zufriedenheit verbunden. Bei den Frauen zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und Problemen bei Lubrikation (natürliche Befeuchtung) und Orgasmusfähigkeit. Die im „International Journal of Impotence Research“ veröffentlichte Studie war allerdings kleiner als die aktuelle Untersuchung und auf eine Berufsgruppe beschränkt.
Hinweise auf einen möglichen hormonellen Zusammenhang liefert eine US-Studie von 2020 mit 754 Männern, die eine andrologische Sprechstunde aufsuchten.3 Schichtarbeiter mit einer Schlafstörung hatten im Durchschnitt einen rund 100 ng/dl niedrigeren Testosteronspiegel als Schichtarbeiter ohne Schlafstörung. Eine Testosterontherapie konnte Beeinträchtigungen der Erektionsfähigkeit teilweise ausgleichen. Das passt grundsätzlich zu den Ergebnissen der chinesischen Studie, in der die Arbeitszeit ebenfalls eine wichtige Rolle spielte. Allerdings waren die Teilnehmer der US-Studie wegen andrologischer Beschwerden in Behandlung und damit nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung.