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Neue Studie

Welches Risiko bergen Antidepressiva in der Schwangerschaft fürs Baby?

Schaden Antidepressiva in der Schwangerschaft dem Kind?
Antidepressiva: Was eine große Studie für Kinder zeigt Foto: Getty Images
Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

1. Oktober 2026, 13:53 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Was bedeutet es für ein Kind, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Antidepressiva einnimmt? Genau diese Frage ist für betroffene Frauen besonders schwierig – denn auch eine unbehandelte Depression kann Folgen haben. Eine neue Studie mit mehr als 167.000 Kindern hat jetzt untersucht, wie Depressionen und Antidepressiva in der Schwangerschaft mit der späteren Entwicklung der Kinder zusammenhängen könnten. Dabei kam sie zu einer wichtigen Entdeckung.

Depression der Mutter mit höherem Förderbedarf verbunden

Bei Kindern, deren Mütter weder eine dokumentierte Depression hatten noch Antidepressiva bekamen, lag der errechnete Anteil mit besonderem Förderbedarf bei etwa 20 Prozent.

Hatte die Mutter eine Depression, bekam aber keine Antidepressiva, waren es rund 24 Prozent. Wurde die Depression mit Antidepressiva behandelt, lag der Anteil bei etwa 27 Prozent. Damit zeigt sich ein wichtiger Befund: Schon eine Depression ohne Antidepressiva hing mit einem höheren Förderbedarf zusammen. Bei einer Behandlung mit Antidepressiva lag der Wert nochmals etwas höher.

Bei Kindern, deren Mütter Antidepressiva bekamen, ohne dass eine Depression dokumentiert war, lag der errechnete Anteil ebenfalls bei rund 26 Prozent.

Diese Gruppe ist allerdings schwer einzuordnen. Nach Einschätzung der Autoren könnten darunter Frauen mit einer nicht dokumentierten Depression oder Angststörung gewesen sein. Einige Antidepressiva werden außerdem gegen andere Beschwerden eingesetzt. Deshalb lässt sich aus dem höheren Wert nicht schließen, dass die Medikamente dafür verantwortlich waren.

So lief die Studie ab

Forscher der University of Glasgow wollten herausfinden, ob Depressionen der Mutter und Antidepressiva rund um die Schwangerschaft mit der späteren Entwicklung des Kindes zusammenhängen. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob die Kinder später besondere Unterstützung in der Schule benötigten – etwa wegen Lern- oder Sprachproblemen, Verhaltensproblemen, Autismus sowie körperlichen oder medizinischen Einschränkungen. Zusätzlich untersuchten die Autoren ADHS.

Für die Studie werteten die Autoren Daten von 167.447 Kindern aus, die zwischen 2009 und 2016 in Wales geboren wurden. Dafür verknüpften sie Gesundheits-, Geburts- und Schuldaten. Die Kinder wurden bis 2022 erfasst, die ältesten bis zum Alter von zwölf Jahren.1

12.630 Kinder hatten Mütter mit einer dokumentierten Depression, die keine Antidepressiva erhielten. Bei 7005 Kindern hatte die Mutter eine Depression und bekam Antidepressiva. Weitere 5996 Kinder hatten Mütter, denen Antidepressiva verschrieben worden waren, ohne dass in den ausgewerteten Daten eine Depression dokumentiert war.

Als Kontakt mit Antidepressiva galt mindestens eine Verschreibung während der Schwangerschaft oder bis zu einem Monat vor der Empfängnis. Eine Depression wurde berücksichtigt, wenn sie innerhalb der zwei Jahre vor der Geburt in den Hausarztdaten dokumentiert worden war.

Bei ihren Berechnungen berücksichtigten die Autoren unter anderem Alter und Rauchverhalten der Mutter sowie Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit und soziale Benachteiligung des Kindes.

Das zeigten frühere Studien

Frühere Studien kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen darüber, ob Antidepressiva während der Schwangerschaft mit späteren Entwicklungsproblemen zusammenhängen.2,3

Gleichzeitig kann auch die Depression der Mutter selbst eine Rolle spielen.4 Die neue Studie sollte deshalb helfen, den Einfluss der Erkrankung und den der Medikamente besser auseinanderzuhalten.

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Was zeigte sich bei Autismus und ADHS?

Die Autoren untersuchten auch einzelne Entwicklungsprobleme. Sowohl eine Depression der Mutter als auch Antidepressiva waren unter anderem mit Autismus, ADHS sowie Verhaltens-, emotionalen und sozialen Schwierigkeiten verbunden. Dabei handelt es sich zunächst um statistische Zusammenhänge.

Aufschlussreich ist deshalb der direkte Vergleich zwischen behandelter und unbehandelter Depression. Bei Autismus und ADHS zeigte sich beim Vergleich der absoluten Risiken kein statistisch eindeutiger Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen.

Für ADHS berechneten die Autoren außerdem, wie häufig bis zum Alter von zwölf Jahren eine Diagnose auftreten würde. Sowohl bei einer behandelten Depression als auch bei Antidepressiva ohne dokumentierte Depression lag dieser Wert bei knapp vier Prozent. Auch daraus lässt sich nicht ableiten, dass Antidepressiva ADHS verursachen.

Macht es einen Unterschied, welches Antidepressivum genommen wurde?

Am häufigsten wurden sogenannte SSRI verschrieben. Diese Medikamente beeinflussen den Botenstoff Serotonin im Gehirn und machten rund 83 Prozent der Antidepressiva-Verschreibungen aus. Insgesamt fanden die Autoren keine Gruppe von Antidepressiva, die eindeutig mit einem deutlich höheren oder niedrigeren Förderbedarf verbunden war.

Bei trizyklischen Antidepressiva und sogenannten SNRI zeigten sich zwar Unterschiede. Diese Medikamente wurden jedoch deutlich seltener eingesetzt, weshalb die Ergebnisse ungenauer waren. Außerdem könnten sie häufiger bei schwereren oder schwieriger zu behandelnden Depressionen eingesetzt worden sein. Deshalb bleibt auch hier offen, ob mögliche Unterschiede mit den Medikamenten selbst oder mit der Schwere der Erkrankung zusammenhingen.

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Bedeutet das, dass Antidepressiva dem Kind schaden?

Das kann die Studie nicht beantworten. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie kann Zusammenhänge aufzeigen, aber nicht beweisen, dass Antidepressiva einen späteren Förderbedarf, Autismus oder ADHS verursachen.

Ein entscheidender Punkt blieb unbekannt

Die Autoren wussten nicht, wie schwer die Depression der einzelnen Frauen war. Frauen, die Antidepressiva benötigten, könnten im Durchschnitt stärker erkrankt gewesen sein als Frauen, die keine Medikamente erhielten. Ein Teil der Unterschiede könnte deshalb mit einer schwereren Depression oder anderen damit verbundenen Faktoren zusammenhängen – und nicht mit den Medikamenten selbst.

Die Autoren halten einen kleinen zusätzlichen Zusammenhang mit den Medikamenten dennoch für möglich.

Einordnung der Studie

Trotz der umfangreichen Datengrundlage bleiben wichtige Unsicherheiten. Angaben zu Alkohol- und illegalem Drogenkonsum fehlten. Auch Depressionen nach der Geburt und Depressionen des Vaters konnten nicht berücksichtigt werden. Zum Stillen lagen ebenfalls nicht genügend Informationen vor.

Die Autoren konnten feststellen, ob Antidepressiva verschrieben worden waren. Ob die Frauen die Medikamente tatsächlich einnahmen, ließ sich daraus nicht sicher ableiten. Zudem blieb offen, ob eine zuvor dokumentierte Depression während der Schwangerschaft noch bestand.

Hinzu kommt, dass die Untersuchten vorwiegend weiß waren und keine Daten zu eigenen ADHS- oder Autismus-Diagnosen der Mütter vorlagen. Die Ergebnisse lassen sich deshalb möglicherweise nicht ohne Weiteres auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen.

Zudem verweisen die Studienautoren auf sogenannte Geschwisteranalysen (Sibling Studies) aus anderen Untersuchungen: Vergleicht man Kinder derselben Mutter, verschwindet der statistische Zusammenhang zwischen Antidepressiva und Entwicklungsstörungen meist weitgehend. Dies deutet stark darauf hin, dass primär genetische und familiäre Faktoren das Risiko erklären.

Die Autoren erklärten, keine Interessenkonflikte zu haben, und die Geldgeber hatten laut Studie keinen Einfluss auf Durchführung, Auswertung oder Veröffentlichung.

Quellen

  1. McIlvride, S., Rao, N., Singh, S., Nelson, S. M., Pell, J. P. & Fleming, M. (2026). Prenatal exposure to maternal depression and antidepressants and neurodevelopmental outcomes: A population cohort study. PLOS Medicine. ↩︎
  2. Fitton, CA., Steiner, MFC., Aucott, L. et al. (2020). In utero exposure to antidepressant medication and neonatal and child outcomes: a systematic review. Acta Psychiatr Scand. ↩︎
  3. Heuvelman, H., Davies, NM., Ben-Shlomo, Y. et al. (2023). Antidepressants in pregnancy: applying causal epidemiological methods to understand service-use outcomes in women and long-term neurodevelopmental outcomes in exposed children. Health Technol Assess.  ↩︎
  4. Kingston, D., Tough, S. (2014). Prenatal and postnatal maternal mental health and school-age child development: a systematic review. Matern Child Health J.  ↩︎

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