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Schwedische Studie

Sind Antibiotika womöglich schuld an Übergewicht?

Antibiotika Übergewicht
Antibiotika sind Medikamente, die gegen Bakterien, jedoch nicht gegen Viren, wirksam sind Foto: Getty Images
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Sophie Brünke
Redakteurin

19. März 2026, 14:49 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Antibiotika retten Leben. Doch gibt es auch Hinweise, dass eine hohe Antibiotika-Einnahme das Risiko für Übergewicht und andere Stoffwechselprobleme erhöht. Eine neue Studie aus Schweden zeigt, dass ihre Wirkung womöglich weit über die akute Behandlung hinausreicht – und das bis zu acht Jahre.

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Viele Krankheiten beginnen im Darm

Es ist bekannt, dass der Darm den Großteil unserer Immunzellen beherbergt. Zudem hält ein gesunder Darm Krankheitserreger auf, die versuchen, durch die Darmwand in die Blutbahn zu gelangen. Antibiotika bringen einen intakten Darm jedoch ins Wanken. Ihr Einsatz kann das Mikrobiom, die Gesamtheit der im Darm lebenden Bakterien, aus dem Gleichgewicht bringen. Und Veränderungen in diesem Ökosystem werden seit Jahren mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes, und weiteren chronischen Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Die Frage, die sich Forscher jetzt stellten: Verändern Antibiotika das Mikrobiom nur kurzfristig – oder haben wir womöglich längerfristig Probleme durch ihre Einnahme?

Forscher sammelten Stuhlproben

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Wissenschaftlern der Universität Uppsala analysierte Daten aus dem Arzneimittelregister sowie eine detaillierte Kartierung des Darmmikrobioms von 14.979 Erwachsenen in Schweden. Wer 30 Tage vor Abgabe der Stuhlprobe Antibiotika verordnet bekam oder eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung hatte, wurde von der Studie ausgeschlossen.1

Die Forscher teilten den Antibiotikaeinsatz in drei Zeitfenster ein:

  • weniger als ein Jahr vor der Stuhlprobe
  • ein bis unter vier Jahre vor der Stuhlprobe
  • vier bis unter acht Jahre vor der Stuhlprobe

Die Datenerhebung umfasste elf Antibiotikaklassen. Die Wissenschaftler untersuchten zum einen die Diversität des Mikrobioms, also wie vielfältig die Bakteriengemeinschaft in einer einzelnen Probe ist. Zum anderen analysierten sie die relative Häufigkeit von 1340 Bakterienarten, die bei mehr als zwei Prozent der Teilnehmer vorkamen. Die Stuhlproben wurden mit der sogenannten Shotgun-Metagenomik untersucht. Dabei wird die gesamte mikrobielle Erbsubstanz in einer Probe sequenziert, was eine sehr detaillierte Erfassung von Bakterienarten ermöglicht.

Auch interessant: Formen des Stuhlgangs und ihre Bedeutung für die Gesundheit

Erstautor: „Selbst eine einzige Behandlung mit bestimmten Antibiotika hinterlässt Spuren“

Die Forscher verglichen das Darmmikrobiom zwischen Teilnehmern, die verschiedene Antibiotika erhalten hatten, und solchen, die im Untersuchungszeitraum keine Antibiotika eingenommen hatten.

Der stärkste Zusammenhang zeigte sich für Antibiotika, die im Jahr vor der Stuhlprobe verordnet worden waren. Doch auch Verordnungen, die bis zu acht Jahre zurücklagen, waren noch mit einer geringeren Vielfalt des Darmmikrobioms und mit veränderter Häufigkeit einzelner Bakterienarten verbunden. Gabriel Baldanzi, Erstautor der Studie, erklärt in einer Pressemitteilung der Universität, wie weitreichend der Antibiotikaeinsatz sein kann: „Selbst eine einzige Behandlung mit bestimmten Antibiotika hinterlässt Spuren.“2

Die statistische Auswertung ergab zudem, dass sich die Diversität der Bakterien in den ersten zwei Jahren nach einer Antibiotikabehandlung am schnellsten erholt, die restliche Erholung danach aber deutlich langsamer verläuft.

3 Antibiotika stechen heraus

Die Forscher stellten fest, dass die Wirkung auf das Mikrobiom je nach verwendetem Antibiotikum deutlich variierte. Besonders deutlich waren die Zusammenhänge bei Clindamycin, Fluorchinolonen und Flucloxacillin. Das geläufige Penicillin hingegen war mit geringen und kurzfristigen Veränderungen des Mikrobioms verbunden.

So war etwa die Anzahl der Bakterienarten im Mikrobiom durch jede Clindamycin-Kur im Zeitraum von weniger als einem Jahr vor der Probenahme im Mittel mit 47 weniger nachweisbaren Arten verbunden. Für Fluorchinolone lag der entsprechende Wert bei 20, für Flucloxacillin bei 21 weniger Arten. Auch bei der Analyse einzelner Bakterienarten entfielen die meisten signifikanten Zusammenhänge auf Clindamycin, Flucloxacillin und Fluorchinolone.

Wie beeinflussen die 3 das Mikrobiom hinsichtlich Übergewicht?

Diese drei am stärksten auffälligen Antibiotikaklassen waren mit einer höheren Häufigkeit einiger Bakterienarten verbunden, die in der Forschung bereits einen Zusammenhang mit höherem Body-Mass-Index, höheren Triglyzeridwerten und Typ-2-Diabetes aufwiesen. Gleichzeitig waren viele andere Arten, die eher mit günstigeren Stoffwechselwerten verbunden waren, seltener.

Wichtig ist aber: Die Studie zeigt nicht, dass Antibiotika Übergewicht verursachen. Sie zeigt nur, dass früherer Antibiotikaeinsatz mit späteren Veränderungen im Darm zusammenhing – und dass einige dieser Veränderungen in eine Richtung weisen, die aus anderen Studien eher mit Stoffwechselproblemen bekannt ist.

„Der starke Zusammenhang zwischen dem Schmalspektrum-Antibiotikum Flucloxacillin und dem Darmmikrobiom war unerwartet, und wir würden uns freuen, wenn dieser Befund in weiteren Studien bestätigt würde“, so Tove Fall, Professorin für Molekulare Epidemiologie an der Universität Uppsala und Hauptautorin der Studie.

Clindamycin ist ein Antibiotikum, das vor allem gegen bestimmte grampositive Bakterien und anaerobe Keime wirkt. Der Einsatz erfolgt bei Haut-, Zahn-, Knochen- oder Weichteilinfektionen.
Flucloxacillin ist ein Schmalspektrum-Antibiotikum aus der Penicillin-Gruppe. Es wird vorwiegend gegen Staphylokokken eingesetzt und wird bei Haut-, Weichteil- und Wundinfektionen verwendet.
Fluorchinolone sind breit wirkende Antibiotika, die gegen viele verschiedene Bakterien aktiv sind und vor allem bei komplizierten Harnwegsinfektionen, bestimmten Atemwegsinfektionen oder anderen schweren bakteriellen Infektionen eingesetzt werden.

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Welche Bedeutung haben die Ergebnisse?

Gerade weil Übergewicht so viele Menschen betrifft, ist die Studie spannend. Sie liefert einen möglichen biologischen Hinweis darauf, warum häufiger Antibiotikaeinsatz bereits häufiger in der Forschung mit Übergewicht in Verbindung gebracht wurde: Das Darmmikrobiom könnte eine Rolle spielen.

Sie sollten die Ergebnisse jedoch nicht überdehnen. Die Daten beweisen nicht, dass ein Antibiotikum Jahre später zu Extrakilos führt. Dafür wären andere Studien nötig, bei denen Menschen über längere Zeit wiederholt untersucht werden. Die jetzige Arbeit zeigt nur, dass es einen plausiblen Zusammenhang geben könnte.

„Wir glauben jedoch, dass die Ergebnisse unserer Studie dazu beitragen können, zukünftige Empfehlungen zum Antibiotikaeinsatz zu verbessern, insbesondere bei der Wahl zwischen zwei gleich wirksamen Antibiotika, von denen eines einen geringeren Einfluss auf das Darmmikrobiom hat“, schlussfolgert Tove Fall. Laut der Pressemitteilung sammeln die Wissenschaftler bereits neue Stuhlproben für eine Anschlussuntersuchung.

Einordnung und Fazit

Die Studie beweist nicht, dass Antibiotika Übergewicht verursachen. Sie zeigt aber, dass bestimmte Antibiotika das Darmmikrobiom noch Jahre später verändern können. Und dass dabei auch Bakterienarten häufiger vorkamen, die mit höherem BMI und ungünstigen Stoffwechselwerten in Verbindung gebracht wurden. Für Menschen mit Übergewicht ist das interessant, weil der Darm damit als möglicher Mitspieler in den Blick rückt. Praktisch heißt das: Antibiotika bleiben wichtige Medikamente, sollten aber möglichst gezielt und nur dann eingesetzt werden, wenn sie wirklich nötig sind.

Quellen

  1. Baldanzi, G., Larsson, A., Sayols-Baixeras, S. et al. (2026). Antibiotic use and gut microbiome composition links from individual-level prescription data of 14,979 individuals. Nature Medicine. ↩︎
  2. Uppsala University. Antibiotics can affect the gut microbiome for several years. (aufgerufen am 19.03.2026) ↩︎

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