14. August 2025, 17:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Was ist der erste Auslöser für den Gedächtnisverlust durch Alzheimer? Diese Frage stellten sich Forscher an der renommierten Harvard-Universität. Das Forschungsteam zeigt erstmals, dass ein Mangel an Lithium im Gehirn die Entstehung von Alzheimer begünstigen könnte – und eine gezielte Gabe eines Lithiumsalzes die Krankheit sogar aufhalten oder rückgängig machen kann. Studienleiter Bruce A. Yankner spricht von einem außergewöhnlichen Befund: Er habe „nie etwas Vergleichbares gesehen“. Diese Entdeckung könnte den Weg für vollkommen neue Präventions- und Behandlungsstrategien ebnen.
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Spielt Lithium eine Schlüsselrolle bei Alzheimer?
Die Wissenschaftler gingen der Frage nach, ob eine Störung der Lithium-Homöostase – also des natürlichen Gleichgewichts im Körper – mit der frühen Entstehungsphase der Alzheimer-Erkrankung in Verbindung steht. Im Fokus der Untersuchung stand der Lithiumspiegel in Gehirnproben von verstorbenen älteren Menschen mit und ohne Alzheimer. Zusätzlich führte das Forschungsteam Versuche an Mäusen mit und ohne Alzheimer-typischer Genetik durch und testete die Auswirkungen eines gezielt herbeigeführten Lithium-Mangels.1
„Die Idee, dass Lithium-Mangel eine Ursache der Alzheimer-Krankheit sein könnte, ist neu und legt einen anderen therapeutischen Ansatz nahe“, erklärt der leitende Autor Bruce Yankner in einer Pressemitteilung. Er ist Professor für Genetik und Neurologie am Blavatnik Institute der Harvard Medical School und forscht bereits seit den 90ern an der Krankheit.2
Wissenschaftler kombinierten verschiedene Analyseverfahren
Die Studie kombinierte Analysen menschlicher Gewebeproben mit umfassenden Tierexperimenten und molekularbiologischen Verfahren. Zum einen wurden 133 Proben Hirngewebe aus der renommierten ROSMAP-Kohorte analysiert. Dabei war das Verhältnis von Lithium im präfrontalen Kortex (einer bei Alzheimer stark betroffenen Hirnregion) zur Lithiumkonzentration im Blut entscheidend. Weiterhin betrachteten die Wissenschaftler die Lithiumverteilung im Gehirngewebe und unterschieden von Plaque betroffene und nicht betroffene Hirnregionen. Amyloid-Plaques sind Ablagerungen von Proteinen im Gehirn, die als ein Hauptmerkmal der Alzheimer-Krankheit gelten. Zum anderen kamen drei verschiedene Mausmodelle zum Einsatz: zwei mit einer bestimmten Alzheimer-Genetik sowie gleichaltrige Wildtyp-Mäuse. Alle Tiere erhielten eine lithiumarme Diät. Auch die Mausgehirne wurden auf Plaque und Lithiumverteilung untersucht. Zusätzlich führten die Wissenschaftler kognitive Verhaltenstests (z. B. Morris-Wasserlabyrinth) mit den Tieren durch.
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Intervention mit Lithiumsalz
Die lithiumarme Diät führte bei den Mäusen zu einem rund 50 Prozent niedrigeren Lithiumspiegel im Gehirn, vergleichbar mit den Werten, die auch bei menschlichen Alzheimer-Patienten beobachtet wurden. Die Forschenden testeten, ob sich diese Veränderungen durch eine gezielte Lithium-Supplementierung rückgängig machen lassen. Dafür probierten sie zwei verschiedene Salze aus: Lithiumorotat (LiO) und Lithiumcarbonat (LiC).
Was genau ist Lithium und wofür wird es verwendet?
Lithium ist ein Ultraspurenelement, das bislang vor allem als Medikament bei bipolarer Störung bekannt ist. Schon länger gibt es die Vermutung, dass es sich positiv auf verschiedene Formen von Demenz, wie Alzheimer, auswirken kann. Eine große Kohortenstudie von 2022 zeigte etwa ein geringeres Demenzrisiko bei psychiatrischen Patienten, die mit Lithium behandelt wurden, als in einer vergleichbaren Gruppe ohne Lithium.3
Lithium-Mangel im Gehirn verantwortlich für Alzheimer
Aus den Hirnproben geht hervor, dass Menschen mit Alzheimer oder milder kognitiver Beeinträchtigung signifikant niedrigere Lithiumwerte im präfrontalen Kortex, nicht jedoch im Blut oder Kleinhirn aufwiesen. Die Lithiumkonzentration war in Amyloid-Plaques angereichert, was auf eine „Einlagerung“ von Lithium in Plaques und eine damit einhergehende funktionelle Verarmung hinweist. Bei Mäusen führte der Mangel zu einem raschen Anstieg von Alzheimer-typischen Plaques. Bereits nach fünf Wochen lithiumarmer Ernährung wiesen die Tiere Gedächtnisverlust auf.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie ist, dass sich Amyloid bereits in frühen Stadien der Demenz bei Mensch und Tier ablagert und sich an Lithium bindet, wodurch dessen Funktion im Gehirn beeinträchtigt wird. Der niedrigere Lithiumspiegel beeinträchtigt alle wichtigen Gehirnzelltypen und führt bei Mäusen zu Alzheimer-typischen Veränderungen. Durch die Gabe verschiedener Lithiumsalze identifizierten die Studienautoren ein Salz, welches sich der Bindung an die Amyloid-Plaques entziehen konnte: das Lithiumorotat. Die Behandlung von Mäusen mit dieser Verbindung kehrte die Alzheimer-Krankheit um, verhinderte Hirnzellschäden und stellte das Gedächtnis wieder her.
Zusammengefasst: Ein Mangel an verfügbarem Lithium im Gehirn scheint ein frühes, kausales Ereignis im Krankheitsverlauf von Alzheimer zu sein.
Studienautor Yankner ist fasziniert von den Ergebnissen: „Was mich an Lithium am meisten beeindruckt, ist seine weitreichende Wirkung auf die verschiedenen Erscheinungsformen der Alzheimer-Krankheit. In all den Jahren, in denen ich an dieser Krankheit arbeite, habe ich wirklich noch nie etwas Vergleichbares gesehen.“
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Bedeutung der Studie
Die Untersuchung ist ein potenzieller Meilenstein in der Alzheimer-Forschung. Sie zeigt erstmals, dass ein natürlicher Lithium-Mangel im Gehirn nicht nur ein Begleitphänomen, sondern ein aktiver Auslöser der Alzheimer-Krankheit sein kann. Besonders interessant ist die Entdeckung, dass Lithium durch Plaques gebunden wird, was zeigt, dass bei der Plaque-Bildung dem Gehirn schützende Substanzen entzogen werden können.
Die Ergebnisse weisen auch auf konkrete Therapieansätze hin: Die Gabe von Lithiumorotat in niedriger Dosis erwies sich in der Studie als sicher, effektiv und ohne toxische Effekte auf Niere oder Schilddrüse bei den Mäusen.
Die Ergebnisse geben laut Yankner Anlass zur Hoffnung, dass Lithium in Zukunft zur Behandlung der Krankheit eingesetzt werden könnte. Aber er macht auch deutlich: „Man muss vorsichtig sein, wenn man von Mausmodellen auf Schlussfolgerungen schließt, und man weiß nie, ob etwas stimmt, bis man es in einer kontrollierten klinischen Studie am Menschen ausprobiert.“
Ist es sinnvoll, Lithium-haltige Supplements einzunehmen?
Wer jetzt zur Eigenmedikation greifen möchte, sei an dieser Stelle gewarnt. Lithium ist kein lebenswichtiges Spurenelement, deshalb gibt es auch keine Zufuhrempfehlung von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Wie viel wir von dem Alkalimetall aufnehmen, sei von unserer Ernährung sowie dem Lithiumgehalt im Grundwasser abhängig, so die Verbraucherzentrale. In hohen Mengen kann es sogar zu Vergiftungen führen. Weiterhin betonen die Verbraucherschützer, dass Supplements mit Lithium in der gesamten EU verboten sind: „Der Verkauf als Nahrungsergänzungsmittel ist eine Straftat und zeugt nicht von der Seriosität eines Händlers.“4