Wenn sich hinter Tagträumen bei Kindern tatsächlich Epilepsie verbirgt
Wir belächeln Kinder gerne, wenn sie tagträumen. Treten solche Aussetzer aber auffällig oft auf, könnten Absencen dahinterstecken Foto: Svetlana Repnitskaya
1. September 2026, 18:03 Uhr |
Lesezeit: 4 Minuten
Sie ist die häufigste Form des Epilepsiesyndroms im Kindesalter und bleibt dennoch oft unerkannt. Absencen dauern meist nur wenige Sekunden, und sind daher im Alltag bei Kindern rasch, als harmloses Tagträumen verkannt. Die Absencen können Einfluss auf Schulleistung und Selbstbewusstsein nehmen. Dabei lässt sich die Erkrankung heute sehr gut behandeln. Woran Eltern den Unterschied zwischen einem echten Tagtraum und einer Absence erkennen und wie Betroffenen geholfen wird.
Wenn eine Absence auftritt, wirkt das Kind für wenige Sekunden wie „eingefroren“. Der Blick wird starr, die aktuelle Tätigkeit stoppt schlagartig und das Kind ist mental nicht erreichbar. Manchmal begleiten leichtes Augenzucken, kurzes Blinzeln oder feine Mundbewegungen den Aussetzer. Genauso plötzlich, wie eine Absence einsetzten kann, endet sie aber auch schon wieder. Das Kind setzt seine Handlung fort, ohne sich an die Unterbrechung zu erinnern oder danach verwirrt zu sein.
Der entscheidende Unterschied zum normalen Tagträumen ist, dass es sich meist aus Langeweile heraus ergibt. Außerdem sollte das Kind durch Ansprechen, Zureden oder eine sanfte Berührung, mental reagieren. Die Absencen hingegen treten gänzlich unvorhersehbar auf und lassen sich durch Reize von außen nicht stoppen.
Wie fühlt sich eine Absence für Betroffene an?
Außenstehenden kommt es nicht nur so vor, als wäre die betroffene Person kurz abwesend, sie ist es tatsächlich. Während einer Absence setzt das Bewusstsein für einige Sekunden aus. Betroffenen ist das weder im Moment des Anfalls noch direkt danach bewusst. Für sie entstehen schlicht plötzliche Wissens- und Erinnerungslücken. Die wenigen Sekunden fehlen einfach. Wer gerade ein Gespräch führt, im Unterricht zuhört oder eine Aufgabe erledigt, bekommt von dem Aussetzer selbst nichts mit. Das Gehirn macht danach genau dort weiter, wo es zuvor gestoppt hat, so als hätte es die Unterbrechung nie gegeben.
In welchem Alter sind Betroffene?
Genau genommen gibt es zwei Formen der Absencen:
Die kindliche Absence-Epilepsie bricht meist im Grundschulalter zwischen dem 4. und 10. Lebensjahr aus. Sie zeichnet sich durch extrem häufige, kurze Aussetzer aus. Oft dutzende Male am Tag. In der Pubertät, meist zwischen zehn und vierzehn Jahren, heilen die Absencen vorwiegend von selbst ab.1
Die juvenile Absence-Epilepsie hingegen zeigt sich erst im Alter von etwa 9 bis 17 Jahren. Hier treten die Abwesenheitszustände zwar seltener auf, gehen jedoch häufiger mit zusätzlichen krampfartigen Anfällen einher.
Eine Absence im Behandlungsraum festzustellen, ist gar nicht so einfach. Schließlich lässt sich ein Anfall nicht ohne Weiteres auf Knopfdruck auslösen. Prof. Rainer Surges von der Epileptologie Bonn erklärte daher bei „WELT“, dass Handyaufnahmen von Angehörigen hier enorm helfen, um das Verhalten im Alltag zu dokumentieren. 2
Fachlich gesichert wird der Verdacht anschließend in der Praxis mithilfe eines Elektroenzephalogramms (EEG). Während des EEGs kann ein Absence-Anfall außerdem provoziert werden. Das Kind atmet für zwei bis drei Minuten tief und schnell ein und aus – auch bekannt als Hyperventilation. Diese gesteigerte Atmung verändert den Kohlendioxidgehalt im Blut und löst bei betroffenen Kindern ziemlich zuverlässig eine Absence aus, die sich im EEG sofort als typisches Wellenmuster zeigt.3
Die Heilungschancen stehen sehr gut. Mithilfe von Medikamenten können bei etwa 40 bis 80 Prozent der Betroffenen die Symptome vollständig gelindert werden. Bei den meisten Kindern schlägt die medikamentöse Therapie so gut an, dass sie komplett anfallsfrei werden. Zudem wächst sich die kindliche Absence-Epilepsie in vielen Fällen, wie auch bereits weiter oben schon angeführt, mit dem Eintritt in die Pubertät von ganz allein aus.4
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