26. November 2025, 19:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Youtuber Jan Zimmermann hat Millionen Menschen mit seinen Videos begeistert – plötzlich ist er tot, verstorben an einem epileptischen Anfall. Ein Neurologe ordnet ein, wie groß das Risiko dafür ist. Außerdem erfahren Sie, woran man einen epileptischen Anfall erkennt und wie man Hilfe leistet.
Tod von Internetstar Jan Zimmermann infolge eines epileptischen Anfalls bewegt viele
Der Tod des Youtube-Stars Jan Zimmermann bewegt viele Menschen. Der 27-Jährige, der auf seinem Kanal „Gewitter im Kopf“ offen über sein Leben mit dem Tourette-Syndrom gesprochen hat, sei laut einem Statement vom 18. November plötzlich und unerwartet an einem epileptischen Anfall gestorben. Ein Tod infolge eines epileptischen Anfalls – das weckt Aufmerksamkeit. Epilepsie zählt immerhin zu den häufigsten chronisch-neurologischen Erkrankungen: In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Hirnstiftung rund 640.000 Menschen damit.1 Laut dem Epilepsiezentrum Freiburg erleiden etwa fünf Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben einen epileptischen Anfall.2 Epilepsie kann in jedem Alter auftreten und es gibt verschiedene Formen.
„Sehr viele Menschen sind betroffen, aber sie können in der Regel mit Medikamenten ein normales Leben führen“, sagte Uwe Meier, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Neurologen, der „dpa“. Dennoch müsse man mögliche Risiken und Komplikationen kennen.
Das passiert bei einem epileptischen Anfall
Während eines Anfalls ist das Gehirn – oder bestimmte Bereiche davon – überaktiv. Zu viele Nervenzellen feuern gleichzeitig. Das kann starke Verkrampfungen, Ohnmacht und schwere Bewusstseinsstörungen auslösen.
Der Anblick unkontrollierter Zuckungen sei für Außenstehende oft beunruhigend, erklärt Meier. „Der äußere Eindruck ist aber oft sehr viel dramatischer als das, was es im Körper macht.“ Meist bleiben Anfälle ohne Folgen und enden nach ein bis zwei Minuten.
Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn ein Patient mindestens zwei epileptische Anfälle hatte, „für deren Auftreten keine Ursache oder Auslöser erkennbar ist. Oder wenn bei weitergehender Untersuchung Hinweise für ein hohes Risiko weiterer Anfälle zu finden sind“, heißt es auf der Website des Epilepsiezentrums Freiburg. Ein einzelner epileptischer Anfall aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums, bei hohem Fieber oder durch extrem niedrigen Blutzucker sei noch keine Epilepsie.
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Wann epileptische Anfälle gefährlich werden
Oft treffen sie Betroffene vollkommen unvermittelt. Das kann zu Verletzungen führen – etwa bei Stürzen auf Treppen oder an Möbelkanten. Besonders kritisch sind Situationen wie Schwimmen, Klettern oder Autofahren, in denen eine Ohnmacht lebensgefährlich werden kann.
Zudem gibt es plötzliche, unerwartete Todesfälle bei Epilepsiepatienten, medizinisch SUDEP genannt (sudden unexpected death in epilepsy). „Das ist eine seltene, aber gefürchtete Komplikation, wo man nicht genau weiß, was da passiert“, sagt Meier. Denkbar seien Atemstörungen oder Herzrhythmusstörungen, die plötzlich zum Tod führen.
Laut dem Epilepsiezentrum der Uniklinik Freiburg kommt es pro Jahr bei einem von 4500 Kindern mit Epilepsie zu einem solchen plötzlichen und unerwarteten Todesfall.3 Bei Erwachsenen liege das Risiko bei einem bis zehn pro 1000 Epilepsiepatienten. „In den meisten Fällen versterben die Patienten im Schlaf“, ist auf der Website des Freiburger Epilepsiezentrums zu lesen. Das Hauptrisiko für einen SUDEP seien „geralisierte tonisch-klonische Anfälle, insbesondere wenn sie im Schlaf auftreten“. Als weitere Risikofaktoren werden genannt:
- ein früher Beginn der Epilepsieerkrankung
- eine medikamentöse Behandlung mit mehreren Antiepileptika
- häufiger Wechsel der Medikamente oder unregelmäßige Einnahme sowie
- Mehrfachbehinderung
Ob der Tod von Jan Zimmermann ein solcher Fall von SUDEP war, ist unklar.
Wie lassen sich Anfälle vorbeugen – und gibt es Warnsysteme?
Das Wichtigste sei eine gute medikamentöse Einstellung und die konsequente Einnahme der Medikamente, betont Meier. „Das schützt vor den Anfällen – und keine Anfälle bedeutet auch: keine Komplikationen.“
Auch der Lebensstil spielt eine Rolle: Stress, Schlafmangel und Alkohol können das Risiko erhöhen und sollten möglichst vermieden werden.
Nach Angaben der Deutschen Epilepsievereinigung existieren zudem technische Systeme zur Anfallserkennung – etwa Wearables, die Herzfrequenzveränderungen und andere Parameter messen, oder Sensoren für Bett oder Bewegung. Sie können jedoch nicht jeden Anfallstyp zuverlässig erfassen und auch keine Anfälle vorhersagen.
Tonisch-klonische Anfälle lassen sich mit solchen Systemen allerdings gut erkennen. Dadurch könne das Risiko eines plötzlichen Epilepsietodes (SUDEP) deutlich reduziert werden, heißt es in einem Informationspapier der Vereinigung. Eine Übersicht über diese Wearables stellt die Epilepsievereinigung hier zur Verfügung.
Meier hält diese Systeme in bestimmten Situationen für sinnvoll, weist aber darauf hin: „Es muss dann auch jemand da sein, der reagieren kann.“ Bei den meisten Betroffenen seien Anfälle selten – vorausgesetzt, die Medikamente wirken zuverlässig. „Aber es gibt Patienten, die schwer einzustellen sind, und gerade da können solche Systeme eine wertvolle Hilfe sein.“
So hilft man richtig, wenn man einen epileptischen Anfall beobachtet
In jedem Fall aktiv werden, Ruhe bewahren und die Betroffenen vor Schaulustigen schützen. Helfende sollten die Umgebung sichern, also etwa Möbel wegrücken, damit sich die betroffene Person nicht verletzt, rät die Epilepsievereinigung. Hält der Anfall länger als fünf Minuten an, muss ein Notarzt gerufen und – falls vorhanden – ein Notfallmedikament gegeben werden. „Es könnte sich dann um einen Status epilepticus handeln, der medikamentös unterbrochen werden muss.“ Weiß man, dass die Person zum ersten Mal einen epileptischen Anfall hat, sollte man generell den Notruf wählen.
Ursachen, Symptome und Verlauf von Epilepsie
Wann eine Tic-Störung das Tourette-Syndrom ist
Betroffene nicht festhalten
Was unbedingt zu vermeiden ist: Betroffene festhalten. Viele möchten das nicht, und durch die heftigen Zuckungen besteht zudem Verletzungsgefahr für beide Seiten. Ebenfalls tabu ist es, etwas zwischen die Zähne zu schieben – das birgt Erstickungsgefahr. Hilfreich hingegen kann sein, eine weiche Jacke unter den Kopf zu legen.
Erhöht Tourette das Risiko für Epilepsie?
Einige Studien deuten darauf hin. Eine Untersuchung aus Taiwan, 2016 im Fachjournal „Research in Developmental Disabilities“ veröffentlicht, fand etwa ein deutlich erhöhtes Risiko bei Kindern mit Tourette-Syndrom im Vergleich zu Kindern ohne Tourette.4
Bei Youtuber Jan Zimmermann war Epilepsie diagnostiziert worden. Er hatte in seinen Videos auch darüber gesprochen.
Mit Material der dpa