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FITBOOK klärt auf

Warum kann man nicht aufhören, Käse zu essen?

Macht Käse süchtig?
Bei einem Stück Käse bleibt es seltenFoto: Getty Images

Wann haben Sie zuletzt ein Stück Parmigiano reggiano, Camembert oder Gouda verspeist und dabei gedacht: Ich brauche mehr! Woran liegt es, dass man nicht aufhören kann, Käse zu essen? FITBOOK hat sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu genauer angeschaut.

2015 sorgte eine Studie für Furore, welche angeblich herausgefunden haben will, dass Käse süchtig macht. „Käse wirkt wie Kokain aufs Gehirn“, titelte sogar das ein oder andere Magazin. Ohne nachzuschauen, was die Wissenschaftler*innen da eigentlich wirklich herausgefunden hatten, brannte sich die „Käse macht süchtig“-Behauptung in viele Köpfe ein – ist ja auch zugegeben ein nettes Smalltalk-Thema. Was ist wirklich dran?

Studie zu süchtig machenden Lebensmitteln

In besagter Studie der University of Michigan ging es nicht ausschließlich um Käse. Vielmehr wurden die 120 Proband*innen darum gebeten, zu berichten, auf welche Lebensmittel sie am wenigsten verzichten können. Ganz vorne mit dabei: Eis, Pommes, Chips, Kekse, Pizza, Schokolade, Limo und eben auch Käse. Dabei belegte Käse gerade mal Platz zehn, während Schokolade und Pizza es an die Spitze schafften. Die ungesunde Hitliste bestätigte, was länger bekannt ist: Ultraverarbeitete Lebensmittel mit hohem Fett- und Zuckeranteil lassen uns „zu viel“ essen und können auf Dauer dick und krank machen (FITBOOK berichtete).

Pro-Kopf-Konsum von Käse in Deutschland

Doch zurück zum Käse. Hochwertige Milcherzeugnisse in Bioqualität gelten nicht gerade als ungesunde Fertignahrung und sind zudem Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung. Dennoch berichten viele Käse-Fans, dass es ihnen schwer fällt, ein angebrochenes Stück Käse oder die Packung nach einer Scheibe wieder zurück in den Kühlschrank zu legen. Tatsächlich würden sich viele Betroffene sogar selbst (augenzwinkernd) als käsesüchtig beschreiben. Glaubt man aktuellen Statistiken, ist der Pro-Kopf-Konsum von Käse in Deutschland seit 2014 um etwa ein Kilo pro Jahr gestiegen. in Hinweis, dass Käse doch süchtig macht?

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Casomorphin wirkt beruhigend und berauschend

Einer der Ursachen, warum Käse für viele in die Kategorie „Soulfood“ fällt, liegt an einem langsam verdaulichen Milchprotein namens Kasein. Dieses wird im Körper in sogenannte Casomorphine zerlegt. Bekannt: Nahezu alles, was mit „morphin“, also Morphium und anderen Opiaten zu tun hat, hat eine beruhigende, berauschende und vor allem stark abhängig machende Wirkung. Denn es stimuliert das Belohnungszentrum im Gehirn. Damit es aber richtig „knallt“, muss der Stoff auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Bedenkt man, dass die Konzentration in Käse verglichen mit Milch um ein vielfaches höher ist (um 500 Gramm Käse herszustellen, werden etwa fünf Liter Milch benötigt) – müsste ein Stück Parmesan dann nicht eher unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, als für jeden zugänglich im Supermarkt-Kühlregal zu liegen?

Natürlich nicht – denn der Großteil des Casomorphins geht bei der Verdauung im Darm verloren und ist bereits nach wenigen Stunden überhaupt nicht mehr nachweisbar. Das Bisschen, was doch noch im Gehirn ankommen sollte, sorgt einer skandinavischen Studie aus dem Jahr 2019 zufolge lediglich für ein angenehmes Gefühl der Freude – und dem berühmten Verlangen nach mehr, das Käseliebhabern so bekannt ist.

Evolutionär sinnvoll

Im Sinne der Evolution macht eine leichte Milchsucht durchaus Sinn. So wird vermutet, dass Casomorphine von der Natur „erfunden“ wurden, um bei Säugetierbabys sicherzustellen, dass sie auch regelmäßig trinken, um schnell groß und stark zu werden. Gleichzeitig soll das Wohlgefühl die Bindung zwischen Mutter und Kind stärken. Da mag es nicht überraschen, dass Casomorphin ebenso in der menschlichen Muttermilch vorkommt. Anders ausgedrückt: Besagter Wirkstoff stellt vermutlich unter anderem seit Jahrmillionen sicher, dass (Tier)Kinder die lebenswichtige Milch nicht verschmähen. Kein Wunder also, dass sie einem im Erwachsenenalter – speziell in der hochkonzentrierten Käseform – auch noch gefällt.

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Käse löst Geborgenheitsgefühl aus

Von etwas süchtig zu sein bedeutet, Entzugserscheinungen zu haben, sobald man den Stoff absetzt. Auf die meisten Morphine mag das zutreffen. Auf Casomorphin allerdings nicht – auch wenn das in vielen Artikeln zu dem Thema offenbar gerne verwechselt wird. Hätten wir es tatsächlich mit einem Suchtstoff im klassischen Sinne zu tun, hätte das bereits für Säuglinge fatale Folgen. Käse macht also nicht süchtig, sondern sanft-zufrieden mit dem Wunsch nach mehr. Vielleicht auch, weil uns der Genuss des Milcherzeugnisses unterbewusst an das frühkindliche Geborgenheitsgefühl beim Stillen erinnert. Solche Thesen müssten natürlich genauer untersucht werden. Ziemlich sicher ist: Die ordentliche Portion Fett, die mit jeder Käsemahlzeit einhergeht, tut ihr ebenso ihr Übriges. Denn dort, wo jede Menge davon im Spiel ist, greift der viel zitierte, prähistorische Instinkt, bei Hochkalorischem möglichst beherzt zuzugreifen, um für Mangelzeiten gerüstet zu sein.

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Nachgefragt bei Ernährungswissenschaftlerin

Macht Käse süchtig? Das wollten wir auch von Ernährungsexpertin und Diplom-Ökotrophologin Beke Enderstein wissen. „Die derzeitige Studienlage reicht aus meiner Sicht tatsächlich nicht aus, um aufgrund eines möglichen Suchtpotenzials einen Verzicht auf Käse auszusprechen“, so Enderstein. Sie hält biozertifizierten Käse sogar für das kulinarische i-Tüpfelchen auf Pasta und Co. Einzige Ausnahme: „Personen mit Esssucht oder einer Binge-Eating-Störung, bei denen Käse einen Essanfall triggert, sollten gegebenenfalls (vorübergehend) darauf verzichten. Unabhängig davon, ob der Suchtfaktor auf dem Casomorphin, dem hohen Fettgehalt oder auf den aromatischen Nuancen – auch bekannt als umami – liegt.“

Übrigens: In der Low-Carb-Community steht Kasein ohnehin hoch im Kurs. So weisen zahlreiche Untersuchungen darauf hin, dass das Protein bei Übergewichtigen den Fettabbau beschleunigt, während es den Aufbau von Muskeln begünstigt. Gleichzeitig enthält das Protein alle essentiellen Aminosäuren.