12. November 2025, 21:58 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Derzeit gibt es über 600 Corona-Neuinfektionen pro Tag in Deutschland.1 Auch wenn die meisten Betroffenen diese gut überstehen, so leiden anschließend rund 5 bis 10 Prozent der Patienten an Long-Covid-Symptomen. Eine aktuelle Studie zeigt, wie ein bestimmtes Training dann Linderung verschaffen kann.
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Mit Krafttraining gegen Long Covid
Schottische Forscher haben in einer Studie herausgefunden, dass insbesondere Krafttraining das körperliche und geistige Wohlbefinden von Menschen mit Long Covid verbessern kann.2 Es wäre also ein möglicher Therapieansatz gegen das oft monatelange Leiden der Betroffenen. Verlässliche Zahlen zu Long-Covid-Erkrankungen existieren kaum, da es keine Hauptdiagnose Long Covid gibt.3 Ende 2024 ging man noch von einer sechsstelligen Zahl von Betroffenen allein in Deutschland aus, wie der Deutsche Bundestag mitteilte. Laut dem Robert Koch-Institut und diversen Studien erkranken etwa fünf bis zehn Prozent der Personen mit vorangegangener SARS-CoV-2-Infektion an Long Covid.4 Umso wichtiger ist es, wirkungsvolle Therapien zu entwickeln. Dabei sollte man jedoch einiges beachten, wie die Forscher in der Studienauswertung erklären.
So lief die Studie ab
Die Studie wurde unter Leitung der schottischen Universität Glasgow zusammen mit der Universität von Dundee sowie drei Krankenhäusern des Landes durchgeführt. Darin wurden 233 Patienten eingeschlossen, bei denen innerhalb der zwölf Monate vor Studienbeginn in einer regionalen Gesundheitseinrichtung oder in einem Krankenhaus eine Covid-19-Infektion diagnostiziert worden war und die seither unter lang anhaltenden Symptomen (Long Covid) litten. 146 Probanden waren Frauen, 87 Männer. Das Durchschnittsalter lag bei 53,6 Jahren. Anschließend unterteilte man die Studienteilnehmer nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen.
- Die erste Gruppe (117 Teilnehmer) absolvierte neben der üblichen Long-Covid-Behandlung zusätzlich ein personalisiertes Krafttraining.
- Die zweite Gruppe (116 Teilnehmer) absolvierte kein Krafttraining, erhielt aber wie Gruppe 1 eine übliche Behandlung der Symptome.
Zu Beginn der Studie bewerteten die Forscher jeden der Teilnehmer anhand des sogenannten „Shuttle-Walk-Tests“. Nach der dreimonatigen Trainingsphase bewertete man alle Probanden erneut anhand derselben Kriterien. Bei dem Test wird die körperliche Leistungsfähigkeit gemessen, indem eine Person auf einer 10-Meter-Strecke hin und her gehen bzw. laufen muss. Dabei bekommt der Testkandidat ein akustisches Signal, welches das Gehtempo vorgibt und jede Minute erhöht. Der Test endet erst dann, wenn die Person völlig erschöpft ist oder nicht mehr schnell genug ist, um die Wendepunkte der 10-Meter-Strecke zu erreichen.
Trainingsprogramm zeigte eine deutliche Verbesserung
Das Ergebnis nach dem dreimonatigen Trainingszeitraum war beeindruckend. Teilnehmer der Gruppe 1 konnten 83 Meter mehr laufen als zu Beginn der Studie. Teilnehmer der Gruppe 2 konnten lediglich 47 Meter mehr laufen. Im Schnitt konnten die Long-Covid-Patienten, die ein Krafttraining absolviert hatten, rund 36,5 Meter mehr Wegstrecke bei dem Test zurücklegen als die Probanden ohne Trainingsprogramm. Nicht nur das. Auch bei anderen untersuchten Faktoren schnitt die Gruppe 1 dank des Krafttrainings besser ab. Dazu zählten die gefühlte Lebensqualität, Angstzustände, Depression und die Griffkraft.
„Unsere Studie zeigt die Vorteile von Krafttraining für die Genesung nach Covid-19 und legt nahe, dass Menschen, die nach einer Covid-19-Infektion unter anhaltenden Symptomen leiden, von dieser Art des Trainings profitieren könnten“, kommentiert Studienhauptautor Professor Colin Berry die Ergebnisse. Laut ihm haben seit 2020 verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass Long Covid erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben kann. Davon sind sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit betroffen. Die aktuelle Studie könnte dabei helfen, bessere Behandlungsmethoden zu entwickeln.
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Einschränkungen der Studie
Obwohl die Studie zeigt, dass Krafttraining einen positiven Einfluss auf die Genesung von Long-Covid-Patienten haben kann, lassen sich allgemeine Empfehlungen schwer treffen. Denn das Training hatte man für jeden Patienten je nach Leistungsvermögen individuell angepasst. Bettlägerige Patienten trainierten beispielsweise liegend. Teilnehmer in der Genesungsphase konnten je nach Zustand sitzend oder stehend Übungen machen. Zudem wurden immer zunächst Oberkörperübungen durchgeführt und erst in der dritten Woche Unterkörperübungen. Somit würde man in der Praxis hier wohl eine fachmännische Betreuung anbieten müssen, um das Training optimal auf den Patientenzustand abzustimmen.
„Die Übungen wurden so konzipiert, dass sie sicher, einfach und leicht durchzuführen sind, wo und wann es für die Teilnehmer am bequemsten ist, was bedeutet, dass sie ohne Weiteres auf eine größere Gruppe von Menschen mit Long Covid übertragen werden können“, erklärt Professor Stuart Gray, der das Trainingsprogramm mitentwickelte. Da Long-Covid-Patienten unterschiedlich starke Symptome und Leistungsfähigkeit zeigen, muss das Trainingsprogramm individuell abgestimmt sein. Unklar bleibt jedoch, ob auch ein Ausdauertraining und andere Übungen einen ähnlichen Erfolg bringen würden wie das Krafttraining. Wer an Long Covid leidet, sollte am besten den behandelnden Arzt vorher konsultieren und um Rat fragen.
Könnte auch Ausdauersport bei Long Covid helfen?
Auf Grundlage der Studie empfiehlt auch Professor Berry, der wie Prof. Gray an der Untersuchung beteiligt war, Long-Covid-Patienten auf sie zugeschnittene Krafttrainingsprogramme als Therapie. Auf Nachfrage von FITBOOK schränkte er ein, dass er Betroffene bitte, sich nicht zu intensiv zu belasten. Sie sollten „nicht zu schwere Gewichte nutzen, die über die individuelle Kraft hinausgehen“. Der Fokus solle auf Kraftübungen liegen, die nicht überfordern, sondern gut umsetzbar seien.
Zudem hält Prof. Berry es für möglich, dass auch Ausdauertraining positive Effekte auf das Wohlbefinden von Long-Covid-Betroffenen haben könnte. Andererseits sei nicht auszuschließen, dass er sich negativ auswirken könnte. „Ausdauertraining kann zu einem Unwohlsein nach dem Training führen und kontraproduktiv sein, wodurch sich manche Menschen weniger wohlfühlen“, erläuterte er FITBOOK.
In der vorliegenden Studie wurde der Effekt von Ausdauertraining nicht untersucht. Wie Prof. Berry uns erklärte, hätten er und sein Team sich auf Krafttraining konzentriert, da dieses für die meisten Menschen durchführbar sei, während dies bei Cardio häufig nicht der Fall sei. Krafttraining sei zudem einfach umzusetzen, leicht auf individuelle Fitnesslevel anpassbar und auch zu Hause machbar.