6. August 2025, 3:52 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Hybride Fitnessmodelle, Piloxing, Rucking – in puncto Fitnesstrends gibt es ständig Neuerungen. Und zweifellos zeigen viele der modernen und ausgefeilten Disziplinen Wirkung. Eine Studie hat nun einen Blick zurück gewagt: auf ein seit rund 3000 Jahren praktiziertes „Workout“, bei dem weniger Schweiß und Kraftzuwachs als der innere Ausgleich im Fokus stehen. Und doch zeigte es einen erstaunlichen Effekt auf die Körperzusammensetzung von fettleibigen jungen Erwachsenen. FITBOOK-Autorin Laura Pomer stellt Ihnen die Ergebnisse im Detail vor.
Studie testet traditionelles Workout gegen Fettleibigkeit
Fettleibigkeit (medizinischer Fachbegriff: Adipositas) stellt eine zunehmende Bedrohung für die Gesundheit der Weltbevölkerung dar. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht bereits von einer Epidemie.1 China zählt seit einigen Jahren zu den Ländern, die besonders stark betroffen sind. Eine Umfrage im Jahr 2018 an 50 chinesischen Universitäten ergab, dass 9,5 Prozent der dortigen Studenten übergewichtig oder bereits fettleibig sind.2 Die zunehmende Verbreitung dieser Erkrankung selbst in jungen Bevölkerungsgruppen gilt als besorgniserregender Trend, und sie steht in engem Zusammenhang mit körperlicher Inaktivität. So ist es in einer aktuellen Untersuchung zu dem Thema nachzulesen.3 Entsprechend wichtig sei es, das Maß an Bewegung unter Studenten zu erhöhen. Die Fragestellung der Untersuchung war, ob sich ein jahrtausendealtes Bewegungskonzept als wirksame Intervention gegen Übergewicht bei ihnen eignet: Tai Chi.
Vermutlich assoziieren Sie Tai Chi nicht direkt mit einem fordernden Training zur Steigerung der Muskelmasse. Bei der Kampfkunst geht es mehr um ein Gleichgewicht zwischen Körper und Seele. Dabei werden langsame Bewegungen ausgeführt, die eine Choreografie und einzelne sogenannte Bilder entstehen lassen. Ins Schwitzen kommt man dabei nicht unbedingt. Doch vielleicht könnte gerade dieser moderate Ansatz der Schlüssel sein, um junge Menschen mit Übergewicht zu erreichen. Und vor allem: um die ungesunde Körperzusammensetzung, wie sie für Adipositas typisch – und auf die Dauer gesundheitsbedrohlich ist – zu verbessern.
Ablauf der Untersuchung
Es nahmen 46 adipöse Studenten an der Untersuchung teil. Sie waren im Durchschnitt 18 Jahre alt und wiesen einen Body-Mass-Index (BMI) von im Mittel 31,5 auf. Nähere Informationen zur Einordnung des BMI finden Sie hier. Mit 84 Prozent war eine deutliche Mehrheit der Probanden männlich. Die Forscher teilten alle Teilnehmer in zwei Gruppen auf. Beide Gruppen trainierten über einen Zeitraum von 12 Wochen dreimal pro Woche. In der ersten Gruppe sollte in dieser Regelmäßigkeit Tai Chi praktiziert werden, während die Teilnehmer der zweiten Gruppe einfache Dehnübungen durchführen sollten.
Vor Beginn und nach Abschluss des Programms ermittelten die Forscher bei den Probanden drei bestimmte körperliche Parameter:
- den Anteil magerer Körpermasse
- den Taillenumfang und
- den VO2max-Wert.
Letzterer gibt Aufschluss über die maximale Sauerstoffaufnahme und gilt als wichtiger Indikator für die Ausdauerleistungsfähigkeit. Die Forscher verwendeten für die Messungen ein Körperanalysegerät und ein Maßband. Den VO2max schätzten sie mithilfe einer Formel.
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Tai Chi steigert Muskelmasse und senkt Taillenumfang
Bei der Auswertung stellten die Forscher auffällige Effekte auf die Körperzusammensetzung in der Tai-Chi-Gruppe fest. So hatte sich der Taillenumfang dieser Teilnehmer im Durchschnitt um 3,38 Zentimeter reduziert. Daneben war der Anteil an magerer Körpermasse, also Muskelmasse, um 0,87 Kilogramm maßgeblich gestiegen. Was den VO2max-Wert betrifft, so zeigte sich hier zwar auch ein Effekt. Dieser war jedoch nicht signifikant, wie die Autoren schreiben. Der Effekt könnte demnach auch zufällig entstanden sein.
In der Dehngruppe ließen sich ebenso bemerkenswerte Veränderungen feststellen. Tatsächlich hatten die Übungen den Taillenumfang sogar noch maßgeblicher verringert: im Durchschnitt um 4,68 Zentimeter. Im Gegensatz zur Tai-Chi-Gruppe war dafür jedoch kein Zuwachs an Muskelmasse nachzuweisen und auch keine Verbesserung der VO2max.
Bedeutung der Ergebnisse und Einschränkungen
Die Unterschiede erscheinen auf den ersten Blick vielleicht nicht sehr ausgeprägt. Dennoch kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Tai Chi insgesamt wirkungsvoller ist als Stretching. Es verbessere die körperliche Gesundheit adipöser Studenten effektiver, schreiben sie, da Tai Chi die Muskelmasse erhöhe und gleichzeitig den Taillenumfang reduziere. Nun seien weiterführende Untersuchungen mit präziseren Instrumenten und Zwischenmessungen nötig, um die Genauigkeit der Analysen zu verbessern.
An dieser Stelle ist auf Einschränkungen der Studie hinzuweisen, die über die geringe Größe der Stichprobe und die ungleiche Geschlechterverteilung hinausgehen. Da es nur zwei Messzeitpunkte gab – vor Beginn und nach Ablauf der Studie –, liegen keine Informationen über den zeitlichen Verlauf beziehungsweise über den Einsatz der Effekte vor. Der verwendete VO2max basierte auf Schätzungen, was natürlich zu Ungenauigkeiten führen kann. Schließlich gibt es keine Belege dafür, ob die Studienteilnehmer ihre Übungen (Tai Chi oder Stretching) wirklich in der vorgegebenen Konsequenz durchführten. Und: Weder die Ernährung noch sonstige körperliche Aktivität außerhalb der Intervention, die ebenfalls Einfluss auf die betrachteten Parameter gehabt haben könnte, wurden berücksichtigt.