11. September 2026, 10:46 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Viele Menschen nutzen ihre tägliche Schrittzahl als Maß dafür, wie aktiv sie sind. Doch möglicherweise kommt es nicht nur darauf an, wie viele Schritte wir machen, sondern auch darauf, wie schnell wir dabei gehen. Eine große Studie mit Daten aus der UK Biobank hat untersucht, wie Schrittzahl und Gehtempo gemeinsam mit dem Sterberisiko zusammenhängen.
Hohes Schritttempo könnte Risiko verringern
Die wichtigste Erkenntnis der Studie ist, dass auch Menschen, die im Alltag nur wenige Schritte zurücklegen, deutlich davon profitieren, schneller zu gehen. Bei weniger als 5000 Schritten pro Tag war ein höheres Schritttempo mit einem stark gesunkenen Risiko verbunden, während der Nachbeobachtungszeit zu sterben. Wer im Alltag wenig geht, kann eine geringere Schrittzahl also zumindest teilweise durch ein zügigeres Tempo wettmachen.
Das bietet flexible Optionen für unterschiedliche Lebensrealitäten: Menschen mit wenig Zeit können ihr Risiko durch zügigeres Gehen bei geringerer Schrittzahl senken. Wer dagegen – etwa im höheren Alter oder aus Sorge vor Stürzen – lieber langsamer geht, erzielt einen ähnlichen Gesundheitsschutz, indem die tägliche Schrittzahl auf 5000 bis 7500 Schritte gesteigert wird.
Schrittzahl und Tempo gleichzeitig im Blick
Dass viele Schritte mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden sind, ist bereits aus früheren Untersuchungen bekannt. Weniger eindeutig war bislang, welche zusätzliche Rolle das Gehtempo spielt. Die Forscher wollten deshalb herausfinden, wie Schrittzahl und Schrittintensität gemeinsam mit dem Risiko zusammenhängen, insgesamt oder an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben.
Dafür werteten sie Daten von Erwachsenen aus der UK Biobank aus (Einschlussalter 40 bis 69 Jahre, Durchschnittsalter beim Messzeitraum rund 61 Jahre). Die Teilnehmer hatten zwischen 2013 und 2015 sieben Tage lang einen Bewegungssensor am Handgelenk getragen. Je nach untersuchtem Endpunkt flossen Daten von exakt 64.743 Menschen in die Analyse zur Gesamtsterblichkeit und 70.075 Menschen in die Analyse zur Herz-Kreislauf-Sterblichkeit ein. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin „British Journal of Sports Medicine“ veröffentlicht.1
Schrittintensität ist ein wichtiger Faktor
Neben der täglichen Schrittzahl bestimmten die Forscher auch die Schrittintensität. Dafür betrachteten sie die durchschnittliche Schrittzahl pro Minute während der 30 aktivsten Minuten eines Tages – wobei diese 30 Minuten nicht zusammenhängen mussten. Anschließend untersuchten sie, wie diese Werte mit Todesfällen während einer Nachbeobachtungszeit von im Mittel etwa acht Jahren zusammenhingen. Dabei berücksichtigten sie unter anderem Alter, Geschlecht, Rauchen, Ernährung, Schlaf und Medikamenteneinnahme.
Insgesamt zeigte sich, dass die Kombination aus Schrittzahl und Tempo eine entscheidende Rolle spielt. Das niedrigste Risiko für die Gesamtsterblichkeit beobachteten die Forscher bei 7500 bis 10.000 Schritten täglich und einer Schrittfrequenz von etwa 100 Schritten pro Minute. Das statistisch ermittelte Risiko lag hier rund 43 Prozent unter dem der Referenzgruppe – also im Vergleich zu Personen, die weniger als 5000 Schritte täglich und diese in sehr langsamem Tempo (etwa 45 Schritte pro Minute) zurücklegten.
Bei der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit zeigte sich ein ähnliches Bild. Auch hier schnitt die Gruppe mit 7500 bis 10.000 Schritten besonders günstig ab. Bei einer Schrittfrequenz von etwa 90 Schritten pro Minute lag das statistisch ermittelte Risiko rund 47 Prozent unter dem der Referenzgruppe. Bei mehr als 10.000 Schritten pro Tag zeigte sich dagegen kein eindeutiger zusätzlicher Vorteil eines höheren Schritttempos.
Für die Praxis lässt sich daraus eine einfache Orientierungshilfe ableiten. Ein Tempo von rund 90 bis 100 Schritten pro Minute über etwa 30 Minuten am Tag gilt als Richtwert für moderate körperliche Aktivität. Unabhängig von der Gesamtschrittzahl war dieses Tempo über alle Gruppen hinweg mit einem deutlich gesenkten Sterberisiko verbunden.
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Einordnung der Studie
Für die Aussagekraft der Studie sprechen die große Teilnehmerzahl und die objektive Erfassung der Bewegung durch Sensoren. Zudem überprüften die Forscher ihre Ergebnisse mit verschiedenen zusätzlichen Analysen, wobei diese weitgehend stabil blieben. Um verfälschende Effekte durch bereits bestehende Krankheiten zu minimieren, schlossen die Forscher Personen mit schweren Vorerkrankungen sowie frühe Todesfälle in den ersten zwei Jahren aus.
Allerdings handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Sie kann daher nicht beweisen, dass mehr oder schnellere Schritte tatsächlich die Ursache für das geringere Sterberisiko sind. So ist beispielsweise denkbar, dass gesündere oder fittere Menschen von vornherein schneller gehen. Auch andere, nicht erfasste Faktoren könnten die Ergebnisse beeinflusst haben.
Zudem wurde das Gehverhalten nur ein einziges Mal über einen Zeitraum von sieben Tagen gemessen. Verhaltensänderungen der Teilnehmer im Laufe der achtjährigen Nachbeobachtungszeit konnten somit nicht erfasst werden. Auch lässt sich die Stichprobe nicht uneingeschränkt auf die gesamte Bevölkerung übertragen, da Teilnehmer der UK Biobank im Schnitt gesünder und sozioökonomisch besser gestellt sind als der Durchschnitt.
Eine weitere Einschränkung betrifft die Messung. Die am Handgelenk getragenen Sensoren können einzelne Armbewegungen fälschlicherweise als Schritte erfassen oder Schritte übersehen. Zudem erfassen Schrittzähler nur Gehtätigkeiten. Andere gesunde Bewegungsformen wie Radfahren oder Schwimmen fließen in diese Art von Analysen nicht direkt ein.
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Weitere Studien untersuchten das Gehtempo
Eine Studie im Fachmagazin „American Journal of Preventive Medicine“ untersuchte fast 80.000 überwiegend einkommensschwache und schwarze Erwachsene in den USA über im Mittel knapp 17 Jahre. Das ist eine Gruppe, die in Kohorten wie der UK Biobank kaum vertreten ist.2 Auch hier war das Tempo entscheidend. Bereits 15 Minuten zügiges Gehen pro Tag gingen mit einem um etwa 20 Prozent geringeren Sterberisiko einher. Langsames Gehen von mehr als drei Stunden täglich brachte dagegen nur eine geringe und statistisch nicht abgesicherte Risikominderung. Anders als in der neuen Untersuchung beruhte das Gehtempo hier allerdings auf Selbstauskünften und nicht auf Sensordaten.
Wie viele Schritte sinnvoll sind, hat 2025 eine große Metaanalyse im Fachmagazin „The Lancet Public Health“ zusammengefasst.3 Die Forscher werteten 57 Studien aus mehr als zehn Ländern aus und fanden die deutlichsten Zugewinne bei etwa 5000 bis 7000 Schritten pro Tag. 10.000 Schritte bleiben demnach ein sinnvolles Ziel für Aktivere, seien aber kein Muss. Bemerkenswert: Auch kleine Steigerungen zahlten sich aus – etwa der Schritt von 2000 auf 4000 Schritte täglich.