28. Mai 2026, 14:04 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Das Zählen von Schritten ist zu einem regelrechten Massenphänomen geworden. Ob jung oder alt, jeder kann mit seinem Smartphone nachverfolgen, wie viele Schritte er am Tag absolviert hat. Viele Menschen erhoffen sich davon, Gewicht zu verlieren und eine gute Figur zu bekommen. Doch so einfach ist es nicht, wie Fitness-Experte Jörn Giersberg erklärt.
Schrittezählen hilft beim Gewichthalten
Viele Ratgeber empfehlen, mindestens 10.000 Schritte pro Tag zu absolvieren, um fit und gesund zu bleiben. Das ist grundsätzlich ein guter Richtwert, denn wir sollten uns im Alltag so viel wie möglich bewegen. Das schützt uns vor Leiden wie Rückenschmerzen, aber auch vor Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch wissenschaftlich belegt ist diese konkrete Anzahl an Schritten für eine gute Gesundheit nicht. Aber sorgen möglichst viele Schritte pro Tag für eine gute Figur? „Nicht wirklich“, sagt der Sportwissenschaftler und Personaltrainer Jörn Giersberg. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe.
Das Schrittezählen kann Menschen helfen, ihr Gewicht nach einer Diät zu halten, wie FITBOOK bereits berichtete. Dabei fanden Forscher in einer Auswertung von 18 Studien heraus, dass bereits rund 8500 Schritte pro Tag ausreichten, um das eigene Gewicht nach einem Abnehmprogramm zu halten.1
Warum ist das Gehen kein guter Figurmacher?
Solche wissenschaftlichen Erkenntnisse erwecken schnell den Eindruck, dass wir mit mehr Schritten pro Tag auch unserer Figur etwas Gutes tun. Doch genau hier liegt ein Irrtum: Allein mit mehr Schritten pro Tag lässt sich die Körperform nicht verändern. Der Sportwissenschaftler und Personaltrainer Jörn Giersberg bringt es auf den Punkt: „Eine gute Figur bekommst du nicht, wenn du 10.000 Schritte gehst. Dann bist du vielleicht irgendwann schlank, aber hast keinen Hintern in der Hose. Abnehmen allein ist nicht zwangsläufig die Grundlage für eine gute Figur.“ Zum Modellieren des Körpers sind weder viele Schritte noch Cardiotraining im Allgemeinen geeignet, so der Experte.
Zudem kommt es auf die Energiezufuhr an. Wer deutlich mehr Kalorien zu sich nimmt, als er beispielsweise bei 10.000 Schritten verbraucht, wird nicht abnehmen, sondern zunehmen. Das Gehen gehört außerdem zu den verbrauchsärmsten Aktivitäten. Beim Laufen, Schwimmen oder zügigen Radfahren verbraucht man in der gleichen Zeit deutlich mehr. Dennoch sollte man nie vergessen: Beim Cardiotraining reduziert man hauptsächlich den Körperfettanteil – Muskelmasse wird dabei kaum aufgebaut. Zu viel Cardio oder Cardio direkt nach dem Krafttraining kann den Muskelaufbau sogar hemmen.
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Das rät der Experte für eine gute Figur
Nur, um es noch einmal klarzustellen: Bewegung an sich – und damit auch das tägliche Gehen und das Streben nach mindestens 10.000 Schritten pro Tag – ist gesund. Aber viele Schritte allein sind kein geeignetes Mittel, um eine schöne Figur zu bekommen. Dafür gibt es viel effektivere Methoden, wie Jörn Giersberg erklärt. „Man sollte sich belasten, nicht nur bewegen. Dazu gehört ein Trainingsreiz, der eine gewisse Reizschwelle überschreiten muss, damit im Körper eine Anpassung ausgelöst wird. Und da nützt es nicht, nur spazieren zu gehen – man muss den Körper wirklich einer starken Belastung unterziehen, dann kommt es zu einer Anpassung in Form von Muskeln“, so der Sportwissenschaftler.
Dass es sich dabei nicht um theoretisches Wissen handelt, zeigt die Praxiserfahrung von Giersberg, der als Personaltrainer arbeitet. „Ich hatte mal eine Klientin, die sechsmal die Woche ins Studio gegangen ist und jeweils eineinhalb Stunden Cardiotraining gemacht hat. Dann haben wir angefangen, gemeinsam zu trainieren – zweimal die Woche. Also von sechs auf zweimal reduziert. Sie hat dann noch einmal pro Woche selbst Cardio gemacht. Insgesamt haben wir das Training also von sechs auf drei Einheiten halbiert.“ Erst durch diese Umstellung zeigte ihr Training Ergebnisse.
Muskeltraining ist effektiver als Cardio, um die Figur zu formen
Wie oben bereits erwähnt, baut man beim Cardiotraining keine Muskeln auf. „Wenn du aber Muskeltraining machst, musst du nur zweimal pro Woche einen starken Reiz setzen und hast dann den ganzen Rest der Woche einen hohen Energieumsatz“, erklärt Jörn Giersberg. Denn Muskeln verbrauchen auch dann Energie, wenn wir auf der Couch sitzen und uns nicht im Fitnessstudio befinden. „Du kannst entspannt bleiben, dich auch bei der Arbeit hinsetzen und musst nicht ständig die Treppe nehmen. Im Gegenteil, dann ist es sogar besser, den Fahrstuhl zu nehmen, weil die Muskeln in der Ruhephase Ruhe brauchen, um sich zu regenerieren und zu wachsen“, sagt der Sportwissenschaftler.
Deswegen lautet seine Botschaft: „Das Ziel sollte es sein, den Menschen zu erklären, dass sie weniger Aufwand brauchen, um fit zu werden, eine gute Figur zu bekommen und Energie zu verbrennen. Und dass es auch Spielräume beim Essen gibt und man auch mal etwas isst, was nicht auf dem gesunden Speiseplan steht.“ Doch dazu müsse man sich mit der Thematik befassen, wie man Muskeln aufbaut und richtig Krafttraining betreibt. Sein klarer Tipp: „Krafttraining ist deutlich besser für die Figur als viele Schritte, und man kann mit weniger Aufwand tatsächlich mehr erreichen.“