31. Juli 2026, 17:33 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Viele wissen: Krafttraining macht Muskeln stärker. Weniger bekannt ist, was im Muskel direkt nach einer harten Trainingseinheit passiert. Bevor Muskeln stärker werden, müssen sie zunächst winzige Schäden reparieren. Wie dieser Prozess auf molekularer Ebene abläuft, war bislang nur teilweise verstanden. Eine neue Studie liefert nun erstmals detaillierte Einblicke in diese Reparaturmechanismen.
Muskel passt sich an Belastung an
Die aktuellen Untersuchungen zeigten zunächst, dass intensive Belastung wie erwartet kleine Schäden in den Muskelfasern verursacht. Gleichzeitig bestätigte die Studie, dass sich der Muskel durch regelmäßiges Krafttraining an diese Belastung anpasst: Nach sechs Wochen Training traten bei derselben Belastung deutlich weniger Schäden auf als zu Beginn der Studie. Nach einer 21-tägigen Trainingspause ging dieser Schutzeffekt jedoch weitgehend wieder verloren.
Drei Belastungstests über neun Wochen
An der Studie der Universität Hildesheim, die gemeinsam mit Kollegen aus Bonn und Freiburg durchgeführt wurde, nahmen zunächst acht gesunde, körperlich aktive Erwachsene teil. Vor Beginn hatte keiner von ihnen mindestens vier Wochen lang Krafttraining für die Beine absolviert.1
Anschließend begleiteten die Forscher die Teilnehmer über neun Wochen. In dieser Zeit absolvierten sie drei identische Belastungstests: zu Studienbeginn, nach sechs Wochen Krafttraining und erneut nach einer 21-tägigen Trainingspause. So ließ sich derselbe Muskel im untrainierten, trainierten und nach der Trainingspause erneut vergleichen. Für die Hauptauswertung berücksichtigten die Forscher schließlich die Daten von sechs Teilnehmern.
Vor jedem Belastungstest und 60 Minuten danach entnahmen die Wissenschaftler eine Muskelprobe aus dem seitlichen Oberschenkelmuskel. Zusätzlich bestimmten sie die Muskelkraft und maßen, wie stark die Muskulatur durch die Belastung ermüdete.
Anschließend analysierten die Forscher im Labor mehr als 3400 Eiweiße sowie Tausende chemische Veränderungen dieser Eiweiße. Außerdem untersuchten sie, ob sich einzelne Eiweiße nach der Belastung innerhalb der Muskelfaser verlagerten – ein Hinweis darauf, dass sie an der Reparatur geschädigter Strukturen beteiligt sein könnten. Ergänzende Versuche an Muskelzellen sollten diese Beobachtungen anschließend überprüfen.
Weniger Schäden nach sechs Wochen Krafttraining
Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass das Eiweiß BAG3 eine Schlüsselrolle bei den natürlichen Reparaturprozessen des Muskels spielt.2 Außerdem gab es Hinweise darauf, dass weitere Eiweiße nach intensivem Krafttraining reagieren.3 Unklar war bislang jedoch, wie diese Proteine zusammenarbeiten und ob sie ein gemeinsames Schutzsystem bilden.
Bei der Analyse der Muskelproben entdeckten die Wissenschaftler nun ein Netzwerk mehrerer Eiweiße, das nach der Belastung gemeinsam reagierte. Im Mittelpunkt stand das Eiweiß BAG3, das dabei nicht allein arbeitet. Die Forscher identifizierten weitere Eiweiße, die sich nach einer intensiven Trainingseinheit an den belasteten Muskelstrukturen anreicherten und offenbar eng zusammenwirken. Dazu gehören unter anderem kleine Hitzeschockproteine, mechanosensitive Eiweiße, die hohe Zugkräfte im Muskel wahrnehmen, sowie weitere Proteine, die bislang nicht mit diesem Reparaturprozess in Verbindung gebracht worden waren.
Anschließende Versuche an Muskelzellen stützten diesen Befund. Wurden einzelne Bestandteile des neu entdeckten Netzwerks gezielt ausgeschaltet, lief der Abbau beschädigter Muskelbestandteile deutlich schlechter ab. Das spricht dafür, dass die Eiweiße unterschiedliche Aufgaben übernehmen, bei der Reparatur jedoch eng zusammenarbeiten und sich gegenseitig ergänzen.
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Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für die Forschung?
Die Studie zeigt, dass sich Muskeln durch Krafttraining nicht nur vergrößern, sondern auch ihre Schutz- und Reparaturmechanismen anpassen. Erstmals konnten die Forscher nachweisen, dass dabei nicht ein einzelnes Eiweiß, sondern ein ganzes Proteinnetzwerk zusammenarbeitet. Das könnte erklären, warum trainierte Muskeln dieselbe Belastung besser verkraften als untrainierte.
Außerdem zeigen die Ergebnisse, dass dieser Schutzeffekt nicht dauerhaft bestehen bleibt. Bereits nach 21 Tagen ohne Krafttraining reagierten die Muskeln wieder empfindlicher auf dieselbe Belastung und wiesen mehr kleine Schäden auf. Wie schnell dieser Prozess bei anderen Personengruppen abläuft, lässt sich aus der Studie jedoch nicht ableiten.
Die Ergebnisse könnten auch für die Erforschung von Muskelerkrankungen relevant sein, da einige der identifizierten Eiweiße dort ebenfalls eine Rolle spielen. Das neu beschriebene Proteinnetzwerk liefert dafür eine wichtige Grundlage. Ob sich daraus später neue Therapien entwickeln lassen, bleibt allerdings offen.
Was die Studie zeigt – und was noch offen ist
Mit nur acht Teilnehmern, von denen sechs in die Hauptanalysen einflossen, ist die Studie vergleichsweise klein. Ihr besonderer Wert liegt im aufwendigen Untersuchungsdesign mit wiederholten Muskelbiopsien, umfangreichen Proteinanalysen und ergänzenden Experimenten an Muskelzellen.
Die Teilnehmer waren ausschließlich jung, gesund und körperlich aktiv. Ob dieselben Mechanismen auch bei älteren Menschen, Trainingsanfängern oder Patienten mit Muskelerkrankungen eine ähnliche Rolle spielen, bleibt daher offen. Wegen der kleinen Teilnehmerzahl lassen sich zudem keine Aussagen zu möglichen Unterschieden zwischen Männern und Frauen treffen. Auf beide Einschränkungen weisen die Autoren selbst hin.
Die Studie untersuchte ausschließlich die biologischen Prozesse, die nach intensivem Krafttraining im Muskel ablaufen. Sie erlaubt daher keine Aussagen darüber, welche Trainingsmethode am wirksamsten ist oder wie sich Muskelwachstum gezielt beschleunigen lässt. Die Ergebnisse liefern jedoch wichtige Grundlagen, um besser zu verstehen, wie Muskeln Schäden erkennen, reparieren und sich an wiederholte Belastung anpassen. Dieses Wissen könnte künftige Forschung zu Muskelerkrankungen und möglichen Therapien unterstützen. Die Autoren geben zudem an, dass keine Interessenkonflikte bestehen.