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Blutversorgung

Ist es wirklich gesund, regelmäßig einen Kopfstand zu machen?

Frau macht Kopfstand
Wer regelmäßig Zeit im Kopfstand verbringt, soll seiner Gesundheit etwas Gutes tun. Stimmt das?Foto: Getty Images

Der Kopfstand gilt im Yoga als Königsdisziplin. Viele schwören auf die verbesserte Durchblutung, die er bewirken soll. Eine Theorie, die offenbar überholt ist. Mit der richtigen Technik und Nutzung eines Kopfstandhockers können regelmäßige Übungen aber dennoch die geistige Fitness und Obermuskulatur stärken!

Der Kopfstand gehört im Yoga neben dem Handstand, Unterarmstand und Schulterstand zur Familie der Umkehrhaltungen. Dabei unterscheidet man zwischen zwei Techniken: Shirshasana und Kapalasana. Im Gegensatz zu Shirshasana liegen beim Kapalasana die Unterarme nicht auf dem Boden auf, sondern der Kopf und die beiden abgestützten Handflächen bilden die Eckpunkte eines gleichseitigen Dreiecks. Bei allen Umkehrhaltungen schwören Yoga-Praktizierende noch immer darauf, dass sich der Kopfstand positiv auf die Blutzirkulation und somit gesund auswirkt. Einige Studien scheinen, der Annahme den Gar auszumachen. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein regelmäßiger Kopfstand und hat zahlreiche andere positive Effekte auf die Gesundheit. Er birgt bei falscher Ausführung aber auch einige Risiken…

Mythos Steigerung der Hirndurchblutung

„Der Kopfstand verbessert die Durchblutung des Gehirns“ lautet eine noch immer hartnäckige Devise unter Yoga-Praktizierenden. Die Logik dahinter: Auch unser Blut kann sich den Wirkungen der Schwerkraft nicht entziehen und fließt bei einem Kopfstand in größerer Menge dem Gehirn zu. So einfach ist es allerdings nicht. Denn der Druck, mit dem das Blut in die Arterien gepumpt wird, ist so groß, dass jedes Organ auch gegen die Schwerkraft mehr als genug Blut erhält. Zudem bedeutet „mehr Blut“ und „mehr Blutdruck“ nicht automatisch auch „mehr Durchblutung“. Damit ein Organ gut durchblutet wird, muss nämlich nicht nur Blut dort hinfließen, sondern das verbrauchte Blut auch abfließen können. Unser Körpersystem setzt zudem stets alles daran, die „Flutwelle“ an Blut auszugleichen und den normalen Durchblutungszustand aufrechtzuerhalten. Das bedeutet, dass unser Hirnstoffwechsel dafür sorgt, dass die Hirndurchblutung unter normalen Bedingungen immer weitgehend konstant bleibt.1

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Kopfstand erhöht den Blutfluss zum Gehirn laut Studie nicht

Auch eine Studie, die die Wirkung von Sirshasana auf den Blutfluss im Gehirn durch eine Ultraschalluntersuchung analysierte, konnte nachweisen, dass das Gehirn beim Kopfstand nicht intensiver durchblutet wird und somit kein besonders gesunder Nutzen erzielt wird. Dazu wurde der Blutfluss bei 20 Männern und Frauen im Alter von 10 bis 59 Jahren während der Ausführung eines Kopfstandes gemessen: 17 Probanden wurden dabei in Spanien in einer Höhe von 2000 Meter untersucht, während die übrigen drei Probanden auf Meereshöhe beobachtet wurden. Das Ergebnis: Der Durchmesser der Halsschlagader (sie versorgt neben dem Gehirn auch das Auge) blieb nahezu unverändert und Sirshasana erhöhte, entgegen der gängigen Meinung, nicht den Blutfluss zum Gehirn.2

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Kopfstand hält den Rücken gesund

Auch wenn die genannte Studie den vermeintlich größten positiven Effekt eines Kopfstandes auf die Gesundheit widerlegt, gibt es noch zahlreiche andere. Das Stichwort lautet: Körperspannung! Zum einen kräftigt ein Kopfstand die Rücken-, Schulter- und tieferliegende Rumpfmuskulatur enorm. Dadurch, dass das Körpergewicht bei Umkehrhaltungen nicht mehr auf dem Becken und Beinen lastet, sondern auf Schultern und gegebenenfalls den Kopf verlagert wird, entlastet ein Kopfstand den gesamten Oberkörper. Eine ideale Möglichkeit also, um Rückenschmerzen vorzubeugen. Zudem ist die Entlastungspause auch für die Bandscheiben eine echte Wohltat.

Was beim Mythos Kopfstand aber tatsächlich stimmt: Er fördert die Denkleistung und wirkt mental anregend. Schließlich ist die Umkehrübung auf die richtige Technik angewiesen und bedarf eines gewissen Koordinations- und Konzentrationsvermögens. Nicht nur eine tolle Übung für die körperliche, sondern eben auch geistige Balance.

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Kopfstand unterstützt gesunde Lunge

Zudem kommt ihm ein starker meditativer Charakter zu: Die Umkehrübung bringt nicht nur einen hohen Konzentrationsaufwand mit sich. Sie kräftigt sogar die Lunge. Dadurch, dass die inneren Organe während des Kopfstands auf dem Zwerchfell lasten, wird der Lungenraum komprimiert und man atmet automatisch langsamer und tiefer. Und wie Forscher des Massachusetts General Hospital nachweisen konnten, sorgen regelmäßige Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation dafür, dass man seltener krank wird. Dazu wurden 4000 Probanden, die aktiv Yoga, Meditation oder andere Entspannungstechniken praktizierten, über acht Jahre lang begleitet und mit 13000 anderen Studienteilnehmern verglichen, die dies nicht machten. Bei den Praktizierenden sank dabei die Inanspruchnahme medizinischer Dienste um 43 Prozent.3

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Kann ein Kopfstand gefährlich sein?

Wie alles im Leben gibt es aber auch beim Kopfstand zwei Seiten der Medaille. Manche sprechen ihm sogar ein höheres Verletzungsrisiko als beim Handstand zu. So können abrupte Nackenbewegungen die Arterien im Gehirn beschädigen, was in seltenen Fällen sogar bis zum Schlaganfall führen kann. Außerdem besteht die Gefahr von Nervenschäden, wenn der Nacken überstreckt oder der Kopf zu einer Seite verlagert wird.

Der Kopf- und Nackenbereich sollte aus diesem Grunde besonders geschont werden. So deuten Studienergebnisse nämlich darauf hin, dass bei durchschnittlich erfahrenen Yoga-Praktizierenden Kopf und Nacken während des Kopfstandes noch immer mit etwa 40-48 % des Körpergewichts belastet werden. Ein langsamer, kontrollierter Eintritt in den Kopfstand reduziert dabei die Wahrscheinlichkeit einer übermäßigen Gewichtsbelastung und verringert eine ungesunde Streckung der Halswirbelsäule. Aber keine Angst – wer wesentliche Aspekte bei der Ausführung berücksichtigt, ist im Grunde auf der sicheren Seite. A&O ist ein langsamer und kontrollierter Eintritt in den Kopfstand, da dadurch Kopf und Nacken weniger beansprucht werden und so die Wahrscheinlichkeit einer übermäßigen Gewichtsbelastung sinkt.

Lohnt sich ein Kopfstandhocker?

Lohnenswert ist zudem die Investition in einen Kopfstandhocker – für eine gesunde Ausführung des Kopfstands. Er erleichtert den Aufstieg in die Umkehrhaltung, sorgt für einen sicheren Halt und minimiert die Verletzungsgefahr. Preislich bewegt sich die Anschaffung je nach Qualität zwischen 30 und 150 Euro.

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Kopfstand richtig machen – so geht’s

  1. Unterarme parallel am Boden ablegen. In etwa so breit, dass man mit den Händen den gegenüberliegenden Ellenbogen greifen könnte.
  2. Finger verschränken und eine Art Dreieck bilden.
  3. Den vorderen Teil des Kopfes leicht auf den Boden bringen.
  4. Becken heben und die Beine ausstrecken (wie beim herabschauenden Hund).
  5. Mit den Füßen so weit wie möglich langsam in Richtung Nase wandern.
  6. Rumpf anspannen und die Knie zur Brust ziehen. Die Füße nicht unkontrolliert nach oben heben!
  7. Ein Bein nach dem anderen ausstrecken und mithilfe der Rumpfmuskulatur ausbalancieren.
  8. Darauf konzentrieren, die Unterarme in den Boden zu schieben und die Schultern zu aktivieren (sorgt für mehr Stabilität).
  9. Für etwa zehn Atemzüge in der Position bleiben.

Typische Fehler beim Kopfstand

  • Schultern werden zum Hochkommen zu den Ohren gezogen
  • kein Gewicht auf die Ellbogen
  • mit zu viel Schwung nach oben
  • Es wird vergessen, richtig weiterzuatmen
  • Augen werden geschlossen (mit offenen Augen gehen alle Gleichgewichtsübungen leichter)
  • Ellbogen sind zu weit auseinander
  • zu viel Gewicht auf dem Kopf, zu wenig auf den Armen
  • schiefer Kopf, falsche Nackenlage
  • Hohlkreuz oder Rundrücken
  • seitlicher Schiefstand

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Fazit: Wer rastet, der rostet

Auch wenn entgegen der gängigen Meinung ein Kopfstand nicht die Blutversorgung im Gehirn verbessert, lohnt es sich durchaus seine Welt hin und wieder auf den Kopf zu stellen, um sich etwas Gesundes zu tun. Die Übung kräftigt Oberkörper und die Tiefenmuskulatur des Rumpfes und fordert echte Konzentrations- und Koordinationsarbeit. Bei regelmäßiger Anwendung kann man mit der Umkehrhaltung insbesondere Rückenschmerzen vorbeugen und in den Genuss seines meditativen Charakters kommen. Da man bei falscher Ausführung allerdings echte Verletzungen im Nacken- und Kopfbereich riskiert, sollte man sich im Vorfeld intensiv mit der Technik auseinandersetzen. Hier lohnt tatsächlich ein Kopfstandhocker.

Quellen