12. Dezember 2025, 13:10 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Eine Influencerin machte es vor: Walken mit Zusatzgewicht in Form einer Weste, um den Puls zu erhöhen. FITBOOK-Autorin Nina Ponath hat den Selbstversuch gemacht und Sport mit Gewichtsweste in der norddeutschen Ebene ausprobiert. Ihr Ergebnis zeigt, wo die Grenzen dieses Trends liegen.
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
„Hey Leute, ich mache heute einen Walk mit Gewichtsweste, der erhöht den Kalorienverbrauch und bringt den Puls richtig auf Trab.“ Diese Story habe ich vor einiger Zeit bei einer Influencerin, der ich folge, gesehen und wurde, ich gebe es zu, geinfluenced.
Ich bin ein großer Fan von Walking. Das merke ich jeden Urlaub, wenn ich in Spanien die Berge hinaufsteige und mich freue, dass meine Knie mal Pause vom Stoppen und Anlaufen meiner üblichen Joggingrunden haben. Walking ist gelenkschonender, es macht mich weniger nervös, erdet enorm und fühlt sich sanfter für meinen Körper an. Und das, obwohl die Muskeln trotzdem gut auf Trab kommen. Zumindest im Urlaub: Wenn ich im Urlaub durch die spanischen Berge spaziere, kommt mein Puls gern mal auf die 100 und nach einer Stunde Walken habe ich gut und gern 400 Kalorien verbrannt. Das sieht zu Hause anders aus. In Hamburg, wo ich wohne, ist es dermaßen platt, dass mein Puls, auch wenn ich mit einer Pace von 7 Minuten walke, es maximal auf die 80 schafft. Aus sportlicher Sicht kann ich mir das also fast sparen.
Ich fand die Idee mit der Gewichtsweste deshalb ziemlich gut. Wie sehr beeinflusst eine solche Weste wohl den Puls und den Kalorienverbrauch? Ist der Effekt wirklich so groß, dass sich die Anschaffung lohnt?
Der Selbstversuch: Gewichtsweste mit 7 Kilo für mehr Höhenmeter-Gefühl
Wie schön wäre es, dachte ich mir, wenn ich Walking auch ganz easy zu Hause machen könnte – ohne Berge, einfach draußen vor der Haustür – und es trotzdem ein leichtes Training wäre. Für meinen Versuch habe ich mir die Weste von dem Freund meines Partners ausgeliehen. Die ist robust, wiegt sieben Kilogramm, und wird bei ihm sonst für Liegestütze und Klimmzüge benutzt. Für mich hatte sie nun eine weniger ambitionierte Karriere als Verstärker beim Walken vor sich.
1. Tag: Der Defensivpanzer am Morgen
Ich stehe bewusst früh auf, damit mich niemand mit der etwas peinlichen Weste sieht, und starte schon um kurz nach sechs Uhr.
Nach ein paar Minuten flotten Schrittes schaue ich auf meine Smartwatch: Mein Puls, der bei mir als Ausdauersportlerin immer sehr ruhig ist, liegt mit der Weste bei rund 85. Das ist sicherlich kein Hochleistungssport, aber doch immerhin angenehm anstrengend. Das Gefühl kann man mit dem beim sehr langsamen Freizeitschwimmen vergleichen.
Nach einer halben Stunde spürte ich eine angenehme Wärme in den Muskeln. Ich fühle mich energetisiert, nicht erschöpft oder verschwitzt, und hätte eigentlich nicht mal duschen müssen, da ich nicht geschwitzt hatte.
Die Weste im Alltag: Eine neue Routine
In den darauffolgenden Tagen entwickelt sich ein kleines Morgenritual. Ich stehe gegen fünf Uhr auf (ja, wirklich, fünf Uhr!), nicht weil ich ein Frühaufsteher-Gen habe, sondern weil ich einfach will, dass die Runden erledigt sind, wenn die Welt noch schläft. Um sechs Uhr bin ich dann draußen, die 7-Kilo-Weste festgezurrt, und ich fühle mich ein wenig wie eine Undercover-Agentin. Hoffentlich sieht mich niemand.
Nach ein paar Tagen passiert etwas: Mit jedem Tag wächst die Zuneigung zu der Weste. Anfangs war es eher eine „sollte-man-mal-ausprobieren“-Sache. Aber jetzt ist es ein kleines Morgenritual. Ich merke, wie mein Körper sich an die zusätzliche Last gewöhnt. Meine Haltung verbessert sich: Ich stehe aufrechter und meine Rumpfmuskeln sind aktiver, um das Gleichgewicht auszubalancieren.
Nach etwa einer Woche zeigt das Weste-Walking diverse Effekte, die mich überraschen:
- Wachheit und Klarheit: Ich fühle mich nach dem Walk jedes Mal, als hätte ich einen Kaffee getrunken. Der Kopf ist frei, die Ideen sprudeln, und ich bin bereit für den Tag.
- Bessere Kondition: Der Puls pendelt sich langsam ein. In der ersten Woche war 95 schon ein Stück über meinem normalen Walking-Puls, aber gegen Ende der zweiten Woche bleibe ich bei ungefähr derselben Herzfrequenz, während die Gehgeschwindigkeit leicht zunimmt. Es fühlt sich nicht mehr an wie eine Belastung.
- Alltagseffekte: Ich merke, dass ich mich insgesamt energiegeladener fühle. Kleine Treppenabsätze am Tag? Kein Problem. Meine Körperhaltung verbessert sich, als würde die Weste eine sanfte Mahnung schicken: „Rücken gerade, Schultern nach hinten.“
- Psychologischer Boost: Es ist ein bisschen verrückt, eine Gewichtsweste zum Walken zu tragen. Es wirkt übertrieben, ein unnötiger „Rüstungsmodus“, und gerade das bringt einen gewissen Spaßfaktor mit sich. Ich lache bei dem Gedanken, wie jemand mich morgens um 6 Uhr sieht – eine stille Kämpferin mit Gewichtsweste. Aber das ist das Beste daran: Es ist ungewöhnlich genug, dass es sich besonders anfühlt.
Auch interessant: „Mein Fazit nach 2 Wochen täglich 100 Squats: nie wieder!“
Die kritische Einordnung: Muss das sein?
Nach zwei Wochen intensiver Nutzung muss ich einräumen: Ich mag diese neue Routine, das frühe Aufstehen, den Rhythmus, den ich mir geschaffen habe. Der Selbstversuch war ein voller Erfolg – nicht, weil ich jetzt Champion im Kalorienverbrennen bin, sondern weil ich eine Routine entwickelt habe, die mich körperlich fordert, aber nicht auslaugt, und die meinem Geist diesen sanften Kick am Morgen gibt.
Der Effekt, den die 7-Kilo-Weste erzielt, lässt sich aber auch anders erreichen. Was die Weste leistet, ist die zentrale Verteilung des Gewichts dicht am Körper. Sie erhöht die Intensität, ohne die Gelenke zu stark zu belasten, da das Gewicht vertikal wirkt. Legt man darauf keinen gesteigerten Wert (und das muss man bei sieben Kilo meiner Meinung nach nicht), tut es auch ein Rucksack. Oder aber man sucht sich eine solide Steigung auf der Walking-Strecke und geht diese stramm hinauf.
Alternativen zur Gewichtsweste
- Der normale Rucksack: Wer einen gefüllten Wanderrucksack trägt, erzielt einen ähnlichen Effekt. Füllen Sie ihn mit Wasserflaschen oder Büchern, um auf fünf bis acht Kilogramm zu kommen.
- Wandern im Gelände: Suchen Sie sich bewusst Hügel oder Hänge im Wald oder in Parks. Das Gehen bergauf ist die natürlichste Form des Walking mit Widerstand und verbraucht deutlich mehr Kalorien als das Tragen einer Weste in der Ebene.
- Walkingstöcke (Nordic Walking): Durch den gezielten Einsatz der Stöcke werden die Arm- und Oberkörpermuskulatur aktiviert und der Energieverbrauch steigt ebenfalls.
9 Tipps, um gut in den Tag zu starten
„Wie schwer ist es, 1000 Kalorien pro Tag mehr zu verbrennen? Ein Selbstversuch!“
Wann sich eine Weste dennoch lohnt
Die Weste ist eine gute und bequeme Alternative für Menschen, die, wie ich, in der Ebene wohnen. Hier gibt es weit und breit kaum natürliche Steigungen. Die Weste kann so zur Pulserhöhung beitragen.
Fazit: Eine gute Ergänzung, aber keine Pflicht
Walking mit Gewichtsweste ist für mich persönlich ein echter Geheimtipp geworden. Es macht Walking in der Ebene effizienter und ist schonend für die Gelenke. Dazu ist es absolut machbar und erfordert keine High-End-Ausrüstung. Aber wer keine Weste hat und nicht in eine investieren möchte, kann mit alternativen Strategien eine ähnliche Wirkung erzielen.