22. April 2026, 15:55 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wenn es Ihnen nicht nur um das Aussehen, sondern um die Muskelqualität geht, könnte Sie das Ergebnis einer neuen Studie interessieren: Dieses deutet darauf hin, dass Muskeln von innen „verfetten“ – selbst dann, wenn man auf seine Kalorienaufnahme achtet, aber die falschen Lebensmittel wählt. Die Verfettung der Muskeln ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs.
Hoher Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel mit verstärkter Fetteinlagerung in Muskulatur verbunden
Mit zunehmendem Alter neigt unser Körper dazu, Muskelmasse durch Fettgewebe zu ersetzen. Eine neue Studie bietet eine konkrete Handlungsanweisung, wie dieser Prozess durch die Meidung von hochverarbeiteten Lebensmitteln (UPF, ultra-processed food) verlangsamt werden kann. Forscher der Osteoarthritis Initiative fanden heraus, dass ein hoher Konsum dieser Lebensmittel direkt mit einer verstärkten Fetteinlagerung in der Oberschenkelmuskulatur zusammenhängt. „Radiology“ berichtete über die Studie.1
Die Untersuchung ist eine Sekundäranalyse der Daten der Osteoarthritis Initiative, die nach Biomarkern für Kniearthrose sucht.
Fett in Muskeln von über 600 Menschen bestimmt
Die Forscher analysierten MRT-Aufnahmen der Oberschenkel von 615 Personen. Sie hatten alle ein Risiko für Arthrose, aber weder Schmerzen noch Schäden. Das Team um die Radiologin Dr. Zehra Akkaya, außerordentliche Professorin an der Universität Ankara Zbu Ankara, bestimmte zunächst visuell den Fettgehalt in den Muskeln der Menschen. Die Forscher untersuchten insgesamt zehn Muskeln pro Oberschenkel, also 20 Muskeln insgesamt pro Teilnehmer.
Diese wiederum beantworteten 102 Fragen zu ihrer Ernährung: zu verschiedenen Lebensmitteln, Getränken, Zutaten und Nahrungsergänzungsmitteln. Sie gaben auch an, wie oft sie ein Lebensmittel konsumierten – in acht Stufen von „nie“ bis „jeden Tag“ und in welcher Portionsgröße.
Das Hauptaugenmerk der Forscher lag auf dem Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel, den sogenannten UPFs (ultra-processed foods). Dazu gehören Fertiggerichte, Snacks, Softdrinks, Süßigkeiten, Wurstwaren und Instantprodukte. Genauso zählen dazu auch zurzeit sehr beliebte Produkte wie Proteinpulver oder Getränkesirups. Ein Merkmal eint sie: UPFs bestehen aus isolierten Zutaten und Zusatzstoffen.
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Mehr UPF, mehr Fett im Muskel – selbst bei gleicher Kalorienmenge
Die Erkenntnis der Studie: Je höher der Anteil an hochverarbeiteten Lebensmitteln (UPFs) in der täglichen Ernährung war, desto stärker war die Fettansammlung in der Oberschenkelmuskulatur ausgeprägt. Für jede Zunahme des UPF-Anteils stieg der Fettgehalt in der Muskulatur an.
Dieser „Je-mehr-desto-mehr“-Zusammenhang galt unabhängig von der Kalorienanzahl. Das bedeutet: Selbst wenn zwei Personen die gleiche Menge an Kalorien aßen, hatte die Person mit dem höheren UPF-Anteil die fetthaltigeren Muskeln.
Die Forscher ziehen einen konkreten Vergleich: Eine Teilnehmerin mit einem UPF-Anteil von 87,1 Prozent wies eine deutlich überdurchschnittliche Verfettung der gesamten Oberschenkelmuskulatur auf. Eine Teilnehmerin ähnlichen Alters und Gewichts mit „nur“ 29,5 Prozent UPF-Anteil der Ernährung lag im Bereich des Studiendurchschnitts.
Jeder einzelne Muskel wurde mit einer Skala von 0 bis 4 (0 = kein Fett, 4 = über 50 Prozent Fett) bewertet. Ein ideal gesunder Muskel ohne sichtbare Fetteinlagerungen wird mit 0 bewertet. Wenn man dann die Noten (0 bis 4) aller 20 Muskeln zusammenzählt, ergibt sich ein theoretischer Maximalwert von 80.
Im direkten Vergleich hatten die Personen mit wenig Fertigessen einen Wert von 25, während Personen mit sehr hohem Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln auf 38 kamen.
Bauchfett lässt Muskeln am Oberschenkel offenbar besonders „verfetten“
Ein besonders spannender Aspekt der Studie ist, dass das Bauchfett offenbar wie ein Verstärker wirkt. Wer viel Bauchfett hatte und gleichzeitig viele Fertiggerichte aß, bei dem „verfetteten“ die stützenden Muskeln am Oberschenkel besonders intensiv.
Als Grund dafür geben die Forscher an, dass Bauchfett den Schwerpunkt des Körpers nach vorn verlagert, was die Stabilität beeinträchtigt.
Hauptursache für ungesundes Bauchfett: Kombination aus zuckerreicher Ernährung und Bewegungsmangel. Hormone entscheiden, wie stark das viszerale Fett eskaliert. Auch sie sind aber letztlich eine Reaktion auf den Lebensstil – und die Ernährung ist ein wichtiger Teil dessen.
Verfettete Muskeln gefährden Stabilität
Wenn die Oberschenkelmuskulatur durch die Ernährung verfettet, verstärkt sich insbesondere das eben erwähnte Stabilitätsproblem. Durch die Verfettung verlieren die Muskeln an Qualität und können ihre Stützfunktion nicht mehr richtig wahrnehmen. Studienleiterin Dr. Akkaya hebt den Zusammenhang zwischen schlechter Muskelqualität und dem Risiko für Kniearthrose hervor.
„Unsere Studie liefert wertvolle Beweise dafür, dass der Konsum von ultraverarbeiteten Lebensmitteln mit einer schlechteren Muskelqualität verbunden ist […] unabhängig vom Geschlecht bei Personen mit einem Risiko für Kniearthrose“, schlussfolgert die Hauptautorin.
Gefahren jenseits der Gelenke: Darmkrebs
Die Verfettung der Oberschenkelmuskulatur ist nur ein Teil eines weitaus größeren Gesundheitsproblems. Während die MRT-Bilder der aktuellen Studie die schleichende Zerstörung der Muskelqualität zeigen, warnen andere Untersuchungen vor noch drastischeren Folgen: Immer mehr junge Erwachsene erkranken an Darmkrebs – eine alarmierende Entwicklung, bei der UPFs als entscheidender Risikofaktor gelten. 2025 assoziierte eine US-Studie eine hohe UPF-Aufnahme (zehn Portionen und mehr) mit einem um 45 Prozent erhöhten Risiko für Adenome im Darm. Unbehandelt können sie sich zu bösartigen Geschwulsten entwickeln (FITBOOK berichtete).
In Deutschland geht man aktuell von einem UPF-Anteil von 39 Prozent aus, in den USA liegt er bei über 50 Prozent.2
Ab welchem UPF-Anteil beginnt die Muskelverfettung?
Die Forscher nennen keinen Schwellenwert beim UPF-Anteil, ab dem der Effekt der Muskelverfettung erst beginnt. Auch nennen sie keine „Sicherheitsgrenze“ für einen „okayen“ Anteil an hochverarbeiteten Lebensmitteln in der Ernährung.
Die Ergebnisse wurden bei einer Teilnehmergruppe ermittelt, die im Durchschnitt 41,4 Prozent ihrer täglichen Ernährung aus hochverarbeiteten Quellen bezog. Bei diesem Wert bestehe ein deutlicher Zusammenhang mit einer schlechteren Muskelqualität, heißt es.
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Schwächen: Studie zeigt Zusammenhang, beweist aber nichts
Die Daten wurden nur zu einem Zeitpunkt erhoben. Somit kann die Studie nur einen Zusammenhang aufzeigen, aber nicht beweisen, dass die Ernährung die alleinige Ursache für das Muskelfett ist. Bei der Ernährungserfassung kann es zu ungenauen Angaben gekommen sein. Der Einfluss moderner Medikamente zur Gewichtsreduktion (wie GLP-1-Rezeptor-Agonisten), die die Muskelzusammensetzung beeinflussen können, wurde nicht berücksichtigt. Die untersuchte Gruppe bestand hauptsächlich aus älteren Erwachsenen mit einem Risiko für Kniearthrose. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf jüngere, gesunde Menschen oder andere übertragen.
Damit ist die Studie ein starkes Indiz. Aber für einen endgültigen wissenschaftlichen Beweis sind weitere Langzeitstudien notwendig.
Fazit – diesen Lebensmitteln sollten Sie den Vorzug geben
Die Studie gibt zwar keinen direkten Ernährungsplan vor, liefert aber durch die Verwendung des sogenannten NOVA-Klassifizierungssystems (Details dazu finden Sie hier) klare Hinweise darauf, was man in der Ernährung ersetzen sollte. Das effektivste Mittel zur Verringerung des UPF-Anteils ist der Verzicht auf „Ready-to-eat“-Produkte und industriell gefertigte Snacks zugunsten von frischen, selbst zubereiteten Lebensmitteln. Damit investiert man nicht nur in sein Gewicht, sondern offenbar auch direkt in die mechanische Stabilität seiner Gelenke.