11. September 2026, 14:14 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Tomatenmark gehört in vielen Küchen zum Alltag. Eine aktuelle Studie aus Spanien legt nun nahe, dass der regelmäßige Verzehr nicht nur die Lycopinwerte im Blut erhöht, sondern auch mit Veränderungen der Gehirnfunktion zusammenhängen könnte. Nach drei Monaten täglichem Tomatenmark-Konsum schnitten gesunde Erwachsene mittleren Alters in bestimmten Aufmerksamkeitstests sowie beim assoziativen Gedächtnis besser ab. Auch Hirnscans zeigten Unterschiede. Die Ergebnisse müssen allerdings vorsichtig eingeordnet werden.
Was und warum wurde untersucht?
Tomaten enthalten den roten Pflanzenfarbstoff Lycopin. Dabei handelt es sich um ein Antioxidans, das Zellen vor oxidativem Stress schützen kann. Frühere Untersuchungen hatten bereits Hinweise darauf geliefert, dass carotinoidreiche Lebensmittel möglicherweise positive Effekte auf die geistige Leistungsfähigkeit haben könnten.
Forscher der Universität Barcelona wollten deshalb untersuchen, ob ein erhöhter Tomatenkonsum messbare Auswirkungen auf kognitive Leistungen und die funktionelle Vernetzung des Gehirns hat. Dabei interessierte die Wissenschaftler insbesondere, ob Veränderungen der Lycopinspiegel mit Veränderungen der Hirnfunktion zusammenhängen.1
Studiendesign und Methoden
An der randomisierten Crossover-Studie nahmen 47 gesunde Erwachsene im Alter von 40 bis 55 Jahren teil, von denen 42 die zweiphasige Untersuchung vollständig abschlossen. Vor Beginn mussten alle Teilnehmer eine Woche lang auf lycopinreiche Lebensmittel wie Tomaten, Wassermelonen oder Papayas verzichten.
Anschließend durchliefen sie zwei Ernährungsphasen von jeweils drei Monaten: In einer Phase aßen sie täglich eine individuell an ihr Körpergewicht angepasste Menge Tomatenmark (0,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, was im Durchschnitt etwa 35 Gramm entsprach), in der anderen ernährten sie sich lycopinarm. Zwischen beiden Phasen lag eine einmonatige Auswaschphase.
Nach jeder Phase wurden Blutwerte bestimmt und verschiedene kognitive Tests durchgeführt. Zusätzlich erhielten 14 Teilnehmer funktionelle Hirnscans, um Veränderungen der Gehirnaktivität zu untersuchen.
Was ist das Ergebnis der Studie?
Unter der Tomatenmark-Ernährung stiegen die Lycopin-Konzentrationen im Blut deutlich an (im Gruppenmittel nahezu eine Verdopplung). Zudem beobachteten die Forscher einen grenzwertigen Anstieg des Nervenwachstumsfaktors BDNF (um 15,2 ng/mL), der mit der Gesundheit und Anpassungsfähigkeit von Nervenzellen in Verbindung gebracht wird.
In den kognitiven Tests schnitten die Teilnehmer nach der Tomatenmark-Phase bei der selektiven Aufmerksamkeit (Konzentrationsleistung und Verarbeitungsgeschwindigkeit) besser ab. Auch das assoziative Gedächtnis (die Zuordnung von Namen zu Gesichtern) verbesserte sich messbar. Auf exekutive Funktionen wie die kognitive Flexibilität hatte die Ernährungsphase hingegen keinen Einfluss.
Die Hirnscans zeigten Veränderungen in mehreren großräumigen Gehirnnetzwerken. Bei lycopinreicher Ernährung beobachteten die Forscher eine verringerte funktionelle Konnektivität im frontoparietalen und auditorischen Netzwerk. Während der lycopinarmen Ernährungsphase zeigte sich dagegen eine verminderte Konnektivität im dorsalen Aufmerksamkeitsnetzwerk.
Die Autoren interpretieren dies als möglichen Hinweis darauf, dass Tomatenkonsum mit einer funktionellen Neuorganisation bestimmter Gehirnnetzwerke verbunden sein könnte.
Die Wirkung von Erdnüssen auf unsere Gehirngesundheit
Studie mit über 40-Jährigen – wie sich Cannabiskonsum auf das Gehirn auswirkt
Einordnung der Ergebnisse
Die Studie liefert interessante Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Tomatenkonsum und Gehirnfunktion. Allerdings handelt es sich um eine vergleichsweise kleine Untersuchung. Besonders die Ergebnisse der Hirnscans basieren lediglich auf 14 Teilnehmern.
Hinzu kommt, dass die Studie für die Probanden unverblindet durchgeführt wurde – wenngleich die Auswertung der Blutproben und Hirnscans verblindet erfolgte. Die Teilnehmer wussten also, in welcher Ernährungsphase sie sich befanden. Dadurch lässt sich nicht vollständig ausschließen, dass Motivation oder Erwartungen die Testergebnisse beeinflusst haben. Eine weitere Einschränkung betrifft die Zusammensetzung der Stichprobe: Über 90 Prozent der Probanden verfügten über einen akademischen Abschluss, was die Verallgemeinerbarkeit auf die Gesamtbevölkerung einschränkt. Zudem deutet ein beobachteter Nachwirk-Effekt (Carry-over-Effekt) beim BDNF-Wert darauf hin, dass die einmonatige Auswaschphase möglicherweise zu kurz gewählt war.
Für Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen, ordnen die Ergebnisse ein: „Lycopin ist ein starkes Antioxidans. Es kann Zellen vor oxidativem Stress schützen und möglicherweise auch Entzündungsprozesse beeinflussen – beides spielt für die Funktion und Alterung unseres Gehirns eine wichtige Rolle. Das könnte erklären, warum sich in der Studie Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit verbesserthaben. Ob Tomatenmark tatsächlich ‚schlauer‘ macht, lässt sich bei nur 42 Teilnehmern aber nicht sicher sagen.“
Auch die Autoren selbst betonen, dass größere Studien notwendig sind, um die Ergebnisse zu bestätigen. Ob die beobachteten Veränderungen langfristig bestehen bleiben oder klinisch relevante Auswirkungen haben, lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht beurteilen.
Auch interessant: Warum Männer regelmäßig Tomatenmark essen sollten
Fazit
Drei Monate täglicher Tomatenmark-Konsum waren in dieser Studie mit höheren Lycopinspiegeln, einer besseren selektiven Aufmerksamkeit sowie messbaren Verbesserungen beim assoziativen Gedächtnis verbunden. Zudem fanden die Forscher Hinweise auf Veränderungen der funktionellen Gehirnvernetzung. Exekutive Funktionen blieben hingegen unverändert. Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl und methodischer Einschränkungen wie der unverblindeten Intervention bei den Teilnehmern und einer sehr hoch gebildeten Stichprobe sollten die Ergebnisse jedoch als vorläufig betrachtet werden. Weitere Studien müssen zeigen, ob sich die Befunde bestätigen lassen.