2. Oktober 2026, 14:15 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Schon seit Jahren raten viele Ernährungsexperten davon ab, rotes Fleisch zu verzehren. Oder zumindest den Konsum stark zu begrenzen. Eine neue Studie liefert einen weiteren guten Grund, denn ein bestimmter Stoff in rotem Fleisch begünstigt womöglich Diabetes.
Der Verzehr von Fleisch ist nach wie vor ein kontrovers diskutiertes Thema. Während die einen Fleisch als hochwertige Proteinquelle schätzen, die unter anderem Eisen, Selen, Zink und B-Vitamine liefert, verbinden andere damit ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weist darauf hin, dass ein hoher Verzehr von rotem Fleisch – also Fleisch von Rind, Schwein, Lamm und Ziege – sowie insbesondere von Wurstwaren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Dickdarmkrebs erhöhen kann.1 Daher empfiehlt die DGE, nicht mehr als 300 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche zu verzehren. Diese Empfehlung wird nun auch durch eine große französische Langzeitstudie gestützt. Sie stellte ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes fest, insbesondere, wenn Menschen viel rotes Fleisch verzehrten.
Wie hat die Studie den Zusammenhang von Fleisch- und Typ-2-Diabetes ermittelt?
Zunächst sollte man wissen, dass es sich hierbei um vorläufige Ergebnisse einer Beobachtungsstudie handelt, die auf der Jahrestagung der Europäischen Vereinigung für die Erforschung von Diabetes (EASD) in Mailand vorgestellt wird (28. September – 2. Oktober 2026). Dennoch schmälert das nicht die gewonnenen Erkenntnisse der französischen Forscher von der Sorbonne-Universität in Paris.
In ihrer Studie untersuchten die Forscher den Zusammenhang zwischen dem in rotem Fleisch und Milchprodukten enthaltenen Stoff Neu5Gc sowie neuen Fällen von Typ-2-Diabetes bei 89.953 Erwachsenen aus der NutriNet-Santé-Studie. Hierbei handelt es sich um eine langfristige französische prospektive Beobachtungskohortenstudie, die die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Lebensstil und Gesundheit untersucht. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug 42 Jahre. 79 Prozent von ihnen waren weiblich. Wichtig: Keiner der Probanden hatte zu Beginn der Studie Krebs oder Typ-2-Diabetes.
Alle Studienteilnehmer mussten drei 24-Stunden-Ernährungsprotokolle ausfüllen. Daraus konnten die Forscher ihre tägliche Neu5Gc-Aufnahme schätzen, indem sie eine Datenbank nutzten, die den Neu5Gc-Gehalt verschiedener Lebensmittel angibt. Die detaillierte Analyse umfasste rotes Fleisch vom Rind, Lamm, Schwein, Kaninchen, Ziege sowie Wild. Verarbeitete Fleischprodukte wie Speck, Wurst und Gepökeltes wurden als separate Lebensmittelgruppe erfasst. Auch Milchprodukte hat man getrennt analysiert.
Während der Nachbeobachtungszeit von rund sieben Jahren sind 966 Typ-2-Diabetes-Fälle neu aufgetreten.
Welche Rolle spielt Neu5Gc?
Die Forscher erklären in ihrer Studie, dass die meisten Säugetiere von Natur aus einen Zucker namens Neu5Gc produzieren. Wir Menschen haben diese Fähigkeit aufgrund einer genetischen Mutation im CMAH-Gen verloren. Dieses Kohlenhydrat kommt in rotem Fleisch, insbesondere Rind- und Lammfleisch, sowie in geringerem Maße auch in Milchprodukten vor.
Wenn wir diese Lebensmittel verzehren, wird das tierische Neu5Gc resorbiert und metabolisch in menschliches Gewebe eingebaut, wo es als Fremdmolekül, ein sogenanntes Xeno-Autoantigen, wirkt.
Da es ein Fremdkörper ist, bildet das Immunsystem Antikörper dagegen. Die Forscher weisen darauf hin, dass die daraus resultierende chronische Immunaktivierung (Xenosialitis) bereits in anderen Untersuchungen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs in Verbindung gebracht wurde. Allerdings gab es bislang noch keine groß angelegte prospektive Studie, die untersuchte, ob Neu5Gc chronische Entzündungen auslösen und Typ-2-Diabetes begünstigen kann.
Das hat die Datenauswertung gezeigt
Für die Datenauswertung hat man die Teilnehmer entsprechend ihrer geschätzten Neu5Gc-Aufnahme in fünf gleich große Gruppen (Quintile) eingeteilt. Zudem wurden die Gruppen nach Geschlechtern getrennt. Anschließend hat man das Risiko für Typ-2-Diabetes in jeder Gruppe mit dem der Gruppe mit der niedrigsten Neu5Gc-Aufnahme verglichen.
Die Forscher kamen zu folgenden Erkenntnissen:
- Personen in der Gruppe mit der höchsten Neu5Gc-Aufnahme durch Fleisch hatten ein um 63 Prozent erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes im Vergleich zu Personen mit der niedrigsten Aufnahme.
- Dieses Ergebnis blieb auch bestehen, nachdem die Forscher Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, körperliche Aktivität, Ernährungsqualität, Raucherstatus und bestehende Vorerkrankungen bereinigten.
- Außerdem war der Zusammenhang von Neu5Gc-Aufnahme und Typ-2-Diabetes sowohl bei Männern als auch bei Frauen.
Männer mit dem größten Risiko für Typ-2-Diabetes verzehrten im Schnitt 97 Gramm rotes Fleisch pro Tag oder 136 Gramm einschließlich verarbeitetem Fleisch. Bei Frauen lagen die entsprechenden Werte für ein hohes Risiko bei 73 Gramm rotem Fleisch oder 96 Gramm inklusive verarbeitetem Fleisch.
Personen mit dem niedrigsten Risiko verzehrten im Schnitt fünf Gramm rotes Fleisch (Männer) bzw. 0 Gramm (Frauen).
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Einfluss von Übergewicht ist gering – die Quelle ist entscheidend
Die Forscher schätzen, dass Übergewicht nur rund 13 Prozent des Zusammenhangs zwischen aus rotem Fleisch stammendem Neu5Gc und Typ-2-Diabetes erklärt. Dies deutet darauf hin, dass hier hauptsächlich biologische Mechanismen wirkten, die unabhängig von einer Gewichtszunahme sind. Vermutlich handele es sich vor allem um entzündliche Effekte auf insulinproduzierende Zellen und insulinempfindliches Gewebe, erklären die Forscher.
Wichtig ist auch: Die Analyse zeigte keinen Zusammenhang zwischen aus Milchprodukten stammendem Neu5Gc und Typ-2-Diabetes. Dieses Ergebnis steht im Einklang damit, dass Kuhmilch im Vergleich zu rotem Fleisch wie Rind- und Lammfleisch weniger Neu5Gc enthält und Milchprodukte üblicherweise in kleineren Portionsgrößen verzehrt werden.
„Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Neu5Gc und Typ-2-Diabetes von der jeweiligen Nahrungsquelle abhängen könnte: Aus Fleisch stammendes Neu5Gc zeigte einen stärkeren Zusammenhang mit dem Risiko für Typ-2-Diabetes als die gesamte über die Ernährung aufgenommene Neu5Gc-Menge“, sagte der Studienleiter Dr. Leopold in einer Pressemitteilung.2 „Möglicherweise gibt es Unterschiede zwischen den Quellen, oder andere Bestandteile von rotem Fleisch tragen ebenfalls zu diesem Zusammenhang bei“, erklärt der Wissenschaftler.
Einschränkungen der Studie
Die Forscher betonen, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um die genauen Mechanismen hinter dem Einfluss von rotem Fleisch auf das Risiko für Typ-2-Diabetes zu verstehen. In weiteren Studien wollen sie unter anderem klären, wie Neu5Gc und andere Bestandteile von rotem Fleisch, wie beispielsweise Häm-Eisen, mit Typ-2-Diabetes zusammenhängen.
Die Autoren weisen außerdem darauf hin, dass die Ergebnisse vorläufig sind. So könnten sich die exakten Schätzungen nach Abschluss der Analyse und wissenschaftlicher Überprüfung noch verändern. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich nicht sagen, was das erhöhte Typ-2-Diabetes-Risiko konkret verursacht hat. Obwohl es deutliche Hinweise auf die verzehrte Neu5Gc-Menge gibt. Darüber hinaus könnten die Schätzung der Neu5Gc-Aufnahme anhand von Ernährungsprotokollen sowie die Nichtberücksichtigung von Veränderungen der Nahrungsaufnahme während der Nachbeobachtungszeit zu gewissen Messfehlern geführt haben.