11. Dezember 2025, 4:26 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Fruchtsaft gehört wohl zu den am meisten überschätzten Getränken. Denn viele Menschen denken noch immer, dass sie ihrer Gesundheit etwas Gutes tun, wenn sie zum Frühstück oder zwischendurch ein Glas Fruchtsaft trinken. Doch das Gegenteil ist offenbar der Fall. Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich Fruchtzucker womöglich negativ auf das Immunsystem auswirken könnte.
Unser Denkfehler ist einfach: Es ist bekannt, dass Früchte aufgrund der enthaltenen Vitamine, bioaktiven Substanzen und Ballaststoffe gesund sind. Daher nehmen wir an, dass Säfte und Smoothies, die eine hohe Menge an Früchten enthalten, noch gesünder sind. Dabei enthalten Säfte und Smoothies enorm viel Zucker, vor allem Fruchtzucker. Im Herstellungsprozess gehen Vitamine und Ballaststoffe dagegen oft verloren. Forscher der Universität Wien haben nun nachgewiesen, dass Fruchtzucker, der in hohen Mengen in Säften, Softdrinks und anderen Produkten enthalten ist, das Immunsystem negativ beeinflusst. Noch überraschender ist, dass bereits ein Glas Saft ausreicht, um das Immunsystem zu beeinträchtigen.
Was haben die Forscher untersucht?
Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Typ 2 gehen mit höheren Infektionsraten, einem längeren und komplizierteren Infektionsverlauf sowie höheren Sterblichkeitsraten einher. Der Einfluss der Ernährung und bestimmter Nährstoffe, wie freier Fruktose (Fruchtzucker), ist dabei jedoch noch nicht abschließend geklärt. Ein Forschungsteam der Universität Wien hat daher eine Ernährungsstudie mit gesunden Personen durchgeführt, um die Auswirkungen der Fruktoseaufnahme über die Nahrung auf die Immunreaktion zu untersuchen.1
Um dies herauszufinden, wurden 36 gesunde Probanden im Alter zwischen 20 und 40 Jahren rekrutiert. Das Gewicht der Teilnehmer lag im Normbereich, sie konsumierten wenig Alkohol und waren Nichtraucher. Anschließend hat man zwei Teilversuche durchgeführt.
- Teilversuch 1: Drei Tage lang hat man den Teilnehmern eine Ernährung verabreicht, die 25 Prozent der Kalorien aus Fruktose enthielt. Das sind rund 120 bis 150 Gramm Fruchtzucker pro Tag.
- Teilversuch 2: Die Teilnehmer mussten innerhalb einer Stunde ein Getränk mit 110 Gramm Fruktose zu sich nehmen. Diese Menge ist beispielsweise in einem Liter Apfelsaft sowie in einem Softdrink wie Cola enthalten.
Den Forschern zufolge handelt es sich um Fruchtzuckermengen, die von vielen Menschen täglich aufgenommen werden. Vor allem diejenigen, die regelmäßig Soft- und Energydrinks oder Süßigkeiten konsumieren, erreichen diese Mengen schnell. Denn was viele vergessen: Fruchtzucker (Fruktose) steckt nicht nur in Fruchtsäften. Er wird auch industriell hergestellt und als Süßungsmittel in Soft- und Energydrinks, Joghurts, Süßigkeiten und Fertiggerichten verwendet. Oft versteckt er sich hinter den Begriffen „Maissirup“, „Glukose-Fruktose-Sirup“ oder „Fruchtsüße“.
Das haben die Blutproben ergeben
Um die Auswirkungen eines hohen Fruchtzuckerkonsums auf die Immunzellen zu untersuchen, nahmen die Forscher vor und nach der Zufuhr von Fruchtzucker Blutproben, um die Werte zu vergleichen. Ein besonderes Augenmerk legten sie dabei auf Monozyten. Das sind Immunzellen, die Krankheitserreger identifizieren und bekämpfen. Die Forscher fanden heraus, dass die Monozyten nach dem Konsum von Fruchtzucker empfindlicher auf bakterielle Reize reagierten. Bereits nach wenigen Stunden stieg die Ausschüttung entzündungsfördernder Stoffe wie Interleukin-6, Interleukin-1β und Tumornekrosefaktor-α um das Zwei- bis Fünffache. Laut den Forschern zeige dies, dass bereits ein kurzfristiger Fruchtzuckerkonsum die Immunantwort verstärken und Entzündungen fördern kann.
„Unsere Ergebnisse geben erste Hinweise, dass Fruchtzucker in isolierter Form Entzündungsprozesse im Körper des Menschen (bei uns bisher nur gesunde Personen) beeinflusst“, kommentiert Prof. Dr. Ina Bergheim, eine der verantwortlichen Forscherinnen, die Studie gegenüber FITBOOK.
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Warum beeinträchtigt Fruchtzucker das Immunsystem?
Die große Frage lautet nun: Warum wirkt sich Fruchtzucker negativ auf das Immunsystem aus? Auch diese Frage konnten die österreichischen Forscher in ihrer Studie klären. In Laboruntersuchungen fanden sie heraus, dass Fruchtzucker bestimmte Schalter, wie TLR2, in den Monozyten aktiviert. TLR2 erkennt etwa Krankheitserreger und löst so die Abwehrreaktion aus. Wird TLR jedoch zu stark oder zu häufig aktiviert, führt dies zu einer Beeinträchtigung des Immunsystems. Das kann zu Entzündungen führen, obwohl der Körper eigentlich nicht infiziert ist.
Zudem fand man heraus, dass Fruchtzucker den Energiehaushalt der Zellen stört. Bereits kurz nach dem Konsum sinken die Energiereserven deutlich. Dies aktiviert einen weiteren „Schalter“ namens SP1, was die Bildung des Entzündungsrezeptors zusätzlich antreibt. Um den direkten Einfluss zu prüfen, haben die Forscher SP1 in einem Versuch blockiert. Daraufhin beruhigte sich die Immunreaktion wieder. Damit hat man gezeigt, dass der Fruchtzucker eine Kettenreaktion in Gang setzt, die das Immunsystem negativ beeinträchtigt.
Selbst im menschlichen Darm konnten die Forscher den negativen Einfluss von Fruktose nachweisen. Der Fruktosekonsum ließ innerhalb von 14 Stunden die Bildung von GLUT5-Transportern in die Höhe schießen. Diese nehmen Zucker auf. Dabei reagierten die Immunzellen unterhalb der Darmwand stärker auf bakterielle Reize.
„Unsere bisherigen Studien, die allerdings immer nur kurzfristige Effekte von Fruchtzucker und Glucose oder aber Mischungen aus Saccharose, Glucose und Fructose mit z.B. Apfelsaft verglichen haben, weisen darauf hin, dass Fruchtzucker (alleine oder in Mischung mit anderen Zuckern) die Darmbarriere und auch Entzündungsprozesse beeinflusst, was wir nach dem Verzehr von Glucose oder Apfelsaft nicht in der Form gesehen haben“, erläutert Prof. Dr. Bergheim.
Fazit: Lieber Obst essen, statt Saft trinken
In der Studienauswertung weisen die Forscher darauf hin, dass bereits geringe Mengen an Fruktose messbare Veränderungen der Immunzellen verursachen. So beeinträchtigt beispielsweise bereits ein Glas Saft (200 bis 250 Milliliter) mit etwa 13 bis 16 Gramm Fruktose das Immunsystem. Frühere Untersuchungen zeigen zudem, dass ein hoher (Frucht-)Zuckerkonsum zu einer Fettleber führen kann. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte also lieber Obst essen, statt Säfte trinken. Eine gute Alternative sind wie immer Wasser und ungesüßte Tees. Wer einen schnellen Energiekick benötigt, kann schwarzen Kaffee trinken, dem gesundheitsfördernde Effekte nachgesagt werden.
Dennoch sollte man ein Glas Saft nicht verteufeln und mit einem Softdrink gleichsetzen: „Wir haben bisher nur Untersuchungen zu Apfelsaft im Vergleich zu einem mit identischen Zuckern gesüßten Getränken durchgeführt. In diesen konnten wir nachweisen, dass Apfelsaft zum Beispiel bezüglich der Darmbarrierefunktion eine andere Wirkung hat als Zucker in isolierter Form, was darauf hinweisen würde, dass die Matrix den Effekt von Zucker stark beeinflusst“, sagt die Professorin Bergheim.
Die Forscher weisen darauf hin, dass es noch weiterer Untersuchungen bedürfe, um die Mechanismen hinter dem Einfluss von Fruchtzucker auf das Immunsystem im Detail zu verstehen. Bisher hat man nur gesunde Studienteilnehmer untersucht, die relativ jung waren. Auch gibt es bislang keine Aussagen zu längerfristigen Effekten und bei kranken Personen. Zudem fehlen Studien, die den Einfluss von Obst und freiem Zucker auf das Immunsystem systematisch untersuchen.